Aktuelles

Offenbacher Leidensgeschichten

von

Die „Passionspunkte" stellen in der Karwoche Beispiele der Judenverfolgung in der NS-Zeit vor.

Das Kaufhaus Oppenheimer  |  Foto: Haus der Stadtgeschichte
Das Kaufhaus Oppenheimer | Foto: Haus der Stadtgeschichte

Initiiert von der Evangelischen Friedenskirchengemeinde, der offenen evangelischen Stadtkirchenarbeit, der Geschichtswerkstatt Offenbach, Jürgen Eichenauer (Haus der Stadtgeschichte) und Volker Lughofer (Lehrer an der Leibnizschule) wird während der Karwoche vom 30. März bis 1. April zu einer Reihe an Veranstaltungen eingeladen. Gemeinsam erinnern evangelische Kirche, Geschichtswerkstatt Offenbach und Persönlichkeiten aus Offenbacher Institutionen an drei Orten der Stadt an Leidensschicksale. „Passionspunkte“ – so nennt sich die Reihe, die in Offenbach erstmals für die Karwoche 2024 von Kirche und Geschichtswerkstatt ins Leben gerufen wurde und von Anfang an viel Aufmerksamkeit auf sich zog.


Näheres zu dem Programm in diesem Jahr:

Am Montag, 30. März, ab 18 Uhr, erinnern Jugendliche aus der Friedenskirchengemeinde gegenüber des Hauses Kaiserstraße 115 an die sogenannten Judenhäuser. Das waren Häuser im Besitz von Juden, in denen während der Zeit des Nationalsozialismus jüdische Familien zwangseinquartiert wurden, denen Haus oder Wohnung genommen worden war.

Eigentümerin des Hauses Kaiserstraße 115 war die Familie Bachrach-Kamberg. 1939 floh der Sohn von Willy Bachrach und Bertha Kamberg, Hans Abraham, nach England; von dort wurde er als Deutscher nach Australien deportiert. Er blieb im Briefkontakt mit seinen Eltern bis zu deren Deportation am 30. September 1942. Willy Bachrach und Bertha Kamberg kamen über Darmstadt ins Vernichtungslager Treblinka.

Das Ehepaar Wilhelm und Selma Neuhaus, bis 1936 wohnhaft in der Bismarckstraße 139, zuletzt in der Mainländerstraße 5, wurden im April 1942 in das Haus Kaiserstraße 115 zwangsumquartiert. Sie mussten sich am 27. September auf dem Sammelplatz gegenüber des Hauses Kaiserstraße 115 einfinden und wurden am Tag darauf nach Theresienstadt deportiert – und später nach Auschwitz.

Wie konnten Freunde, Nachbarn und Mitbürger zu Fremden und Entrechteten werden? Die Vergangenheit zu verstehen, schult auch den Blick für heute.

Die Band Maniya M begleitet das Gedenken musikalisch. Pfarrer Burkhard Weitz, Friedenskirchengemeinde, reflektiert über Identität und Zugehörigkeit. Dauer: etwa 35 Minuten.


Am Dienstag, 31. März, 18 Uhr, erinnern zwei Schülerinnen der Leibnizschule, Teresa Wanner und Lena Appel, zusammen mit dem Lehrer Volker Lughofer auf dem Hof des Isenburger Schlosses an die Bücherverbrennung vom 22. Mai 1933.

Der alt-katholische Pfarrer Josef Maria Weeber hatte diese Richard-Wagner-Abendfeier organisiert. Weeber war schon seit 1932 durch antisemitische Predigten aufgefallen.

Im Vergleich zu anderen Städten fand die Veranstaltung in Offenbach recht spät statt. Die Liste der verbrannten Bücher, viele von ihnen aus öffentlichen Büchereien, enthält 62 Namen, darunter Marx, Döblin, Tucholsky oder Einstein, aber auch zahlreiche, die vielleicht genau wegen der Verbote während der NS-Zeit weitgehend in Vergessenheit geraten sind.

Laut Presseberichten aus der Zeit strömten 4.000 bis 5.000 Offenbacher Bürgerinnen und Bürger an dem Abend mit musikalischer Untermalung zusammen und bezahlten dafür Eintritt; viele gaben Bücher zur Verbrennung ab.

Die Band Naschuwa begleitet das Gedenken musikalisch. Pfarrer Burkhard Weitz, Friedenskirche, reflektiert über die Freiheit der Meinung und des Gewissens und über ihre Feinde. Dauer: etwa 35 Minuten.


Am Mittwoch, 1. April, 18 Uhr, erinnert Astrid Jäger vom Haus der Stadtgeschichte an den Judenboykott vom 1. April 1933. Sie stellt das frühere Kaufhaus Oppenheimer vor und die gleichnamige jüdische Inhaberfamilie Oppenheimer. Sein Betrieb wurde 1936 durch den Nationalsozialisten Wilhelm Kalberlah übernommen, zuvor Geschäftsführer im Karstadt-Konzern in Hamburg. Der reichsweite „Judenboykott“ richtete sich gegen Geschäfte mit jüdischen Inhabern. SA positionierte sich vor dem Eingang und hinderte Passanten am Betreten der Geschäfte. Treffpunkt der Gedenkveranstaltung ist vor der Fielmann-Filiale (Frankfurter Straße 1).

Der Familie Oppenheimer gelang größtenteils die Flucht nach Palästina. Nur Tochter Trude floh 1939 in die Niederlande, wurde dort später verhaftet und 1942 im Vernichtungslager Auschwitz ermordet. Dessen ungeachtet hielt Ernst Oppenheimer in späteren Jahren engen Kontakt nach Offenbach und setzte sich für Versöhnung und Verständigung ein.

Die Band Naschuwa begleitet das Gedenken musikalisch. Pfarrer Burkhard Weitz, Friedenskirche, reflektiert über Kapitalismuskritik


Schlagwörter

Autorin