Aktuelles

"Ostern erzählt von der radikalen Hoffnung, dass alles auch ganz anders sein kann"

Die Osterbotschaft von Stadtdekan Holger Kamlah.

Stadtdekan Holger Kamlah
Stadtdekan Holger Kamlah

Liebe Leserinnen und Leser,
ist die Welt aus den Fugen geraten? Diese Frage drängt sich auf – nicht nur angesichts der großen Krisen, die uns täglich in den Nachrichten begegnen: Krieg, Gewalt, Ungerechtigkeit. In der großen Weltpolitik, aber auch bei uns in Frankfurt und Offenbach stehen wir als Kirche und als Gesellschaft vor großen Herausforderungen. Manches wirkt bedrohlich, manches erdrückend, vieles lässt uns sprachlos zurück.

Und zugleich stellt sich eine gewisse Ermüdung ein. Immer neue Beschreibungen dessen, was alles aus dem Lot gekommen ist, treffen zwar den wahren Kern, aber sie können auch überfordern und geben wenig Raum für Hoffnung und Zuversicht. Vielleicht lohnt es sich deshalb, die Perspektive der Frage einmal zu wenden: War diese Welt jemals wirklich „in den Fugen“? War sie je so geordnet, gerecht und verlässlich, wie wir es uns im Rückblick manchmal vorstellen?

Wenn ich auf Ostern und die Passionsberichte der Bibel blicke, ist die Antwort eindeutig: Nein, in Ordnung ist hier gar nichts. Die Bibel erzählt von Gewalt und Unrecht, von Leid, Angst und Tod. Ein Unschuldiger wird verurteilt und öffentlich gekreuzigt, seine engsten Vertrauten ziehen sich zurück oder verleugnen ihn. Die Hoffnung, die seine Botschaft geweckt hat, zerbricht und es scheint nur noch eine Gewissheit zu bleiben: Wer jetzt noch auf einen Neubeginn hofft, verschließt die Augen vor der Realität.

Und doch bleibt die Geschichte nicht an diesem Punkt stehen. Ostern erzählt davon, dass gerade dort, wo menschlich gesehen alles zu Ende scheint, Gott einen neuen Anfang möglich macht. Kein Zurück in eine heile Welt, kein einfaches „Alles wird wieder gut“, sondern eine tiefgreifende Verschiebung der Weltordnung: Das Leben bricht dort auf, wo nur noch mit dem Tod gerechnet wurde. Die Auferstehung ist Gottes Einspruch gegen die Endgültigkeit von Leid und Zerstörung. Hoffnung entsteht nicht jenseits der alltäglichen Schreckensmeldungen, sondern mitten in ihnen.

Dieser Neuanfang stellt alle bisherigen Maßstäbe infrage. Ostern ist keine billige Vertröstung auf bessere Zeiten. Es erzählt von der radikalen Hoffnung darauf, dass alles auch ganz anders sein kann. Dass selbst dort, wo wir an absolute Grenzen stoßen, Gott neue Möglichkeiten schafft.

Diese österliche Perspektive lädt dazu ein, ihr nicht nur im Nachdenken, sondern auch im eigenen Handeln Raum zu geben. Aber das ist keine einfache Haltung. Sie verlangt von uns, die Wirklichkeit ernst zu nehmen – mit all ihren Brüchen und Abgründen. Und zugleich werden wir ermutigt, uns nicht von ihnen bestimmen zu lassen, sondern offen dafür zu bleiben, dass selbst das vermeintlich Endgültige wieder aufgebrochen werden kann – im eigenen Leben, im täglichen Miteinander, im Einsatz für den Zusammenhalt dieser Gesellschaft.

Vielleicht liegt genau darin die besondere Kraft von Ostern: Dass wir nicht darauf angewiesen sind, dass alles „in Ordnung“ ist, um handeln zu können. Die christliche Hoffnung beginnt genau dort, wo unsere Gewissheiten brüchig werden. Gott kommt nicht erst, wenn alles geklärt ist, sondern er wirkt mitten hinein in das Offene, Unfertige, manchmal Erschreckende unseres Lebens.

Ich wünsche Ihnen ein gesegnetes Osterfest, das Raum lässt: für das, was ist, und für das, was werden kann. Für das Vertrauen darauf, dass Gott gerade dort Neues wachsen lässt, wo wir es nicht erwarten.
Ihr

Holger Kamlah, Stadtdekan


Autor

Holger Kamlah 2 Artikel

Holger Kamlah ist Stadtdekan der Evangelischen Kirche in Frankfurt und Offenbach.