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Juwele der Kirchengeschichte, Teil 29: Die St. Thomaskirche in Heddernheim

Die Heddernheimer Thomaskirche wurde 1898 eingeweiht. Nachdem sie bei Bombenangriffen 1944 vollkommen ausgebrannt war, konnte sie bereits 1950 – auch durch die tatkräftige Unterstützung vieler Heddernheimer Handwerker – wieder eingeweiht werden.

Die St. Thomaskirche in Heddernheim. | Foto: Rui Camilo
Die St. Thomaskirche in Heddernheim. | Foto: Rui Camilo

Die Bibelstelle unter dem farbenfrohen zweiten Fenster rechts vorne in der St. Thomaskirche in Heddernheim ist polarisierend: „Wer da glaubet und getauft wird, der wird selig werden; wer aber nicht glaubt, der wird verdammt werden“, nach Markus 16,16. Deshalb beschloss der Kirchenvorstand 2021, eine versöhnlichere daneben zu setzen: „Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, dass er die Welt richte, sondern dass die Welt durch ihn gerettet werde.“ (Johannes 3,17)

Jedem Fenster in der St. Thomaskirche liegt ein unter ihm zu lesendes Bibelzitat zugrunde, das der Künstler Wolfgang Germroth in den Jahren 1963 und 1964 in Farbe und Form auf Glas verwandelt hat – die technische Ausführung stammt von Bernd Gossel. So ist etwa das so genannte Tauffenster in blau-grünen Farben gehalten und erinnert an Wasser. Dabei bilden die Fensterpaare über und unter der Empore je eine Einheit.

Die abstrakten Buntglasfenster gelten als optische Schätze der Kirche, aber das große Holzkreuz mit dem aus Kupferblech getriebenen Christus in Überlebensgröße vor der Altarwand ist ihr bestimmendes Element: Der Künstler Eduard Fischer aus Offenbach hat zum Wiederaufbau der Kirche 1950 nicht den leidenden Jesus, sondern den schon Auferstandenen ohne Nägel und Dornenkrone mit segnender Geste dargestellt. Er wirft einen Schatten auf die Wand.

Nachdem die Kirche bei Bombenangriffen 1944 vollkommen ausgebrannt war, konnte sie bereits 1950 – auch durch die tatkräftige Unterstützung vieler Heddernheimer Handwerker – wieder eingeweiht werden. St. Thomaskirche heißt sie seit 1949. Das von der Gemeinde gewünschte „Sankt“ im Namen der Kirche führte damals zu einem Briefwechsel mit Kirchenpräsident Martin Niemöller, der es als katholisch ablehnte, da es in der evangelischen Kirche keine Heiligenverehrung gebe. Aber der damalige Heddernheimer Pfarrer Peter Heinemann berief sich darauf, dass auch Luther es verwendet habe, und setzte sich durch.

Thomas ist einer der zwölf Jünger Jesu. Er zweifelte an Jesu Tod und Auferstehung und änderte seine Meinung erst, als er dem auferstandenen Christus begegnete. In der Festschrift zum 100. Jubiläum der St. Thomaskirche verweist die damalige Pfarrerin Angelika Beck darauf, dass es zwar keine Abbildung des „ungläubigen Thomas“ in der Kirche gebe, die große Christusfigur am Kreuz aber den bereits auferstandenen Christus zeige, als der er Thomas entgegentrat und seine Wundmale präsentierte. Das Kreuz bilde dafür den notwendigen Hintergrund.

Der Altar aus Dillenburger Diabas, einem dunklen vulkanischen Naturstein, entstand nach dem Krieg 1950. Ebenso wie die schweren eisernen Leuchter und das wuchtige Gestell des Taufbeckens wurde er vom örtlichen Schmied, der damals Mitglied des Kirchenvorstandes war, gefertigt.

Gedenkplatte in der Thomaskirche. | Foto: Rui Camilo
Gedenkplatte in der Thomaskirche. | Foto: Rui Camilo

Zur Nachkriegsgeschichte gehört auch, dass nach dem Willen der hessen-nassauischen Kirchenleitung in Kirchenräumen keine Heldendenkmäler mehr errichtet werden sollten. Doch in der Thomaskirche gibt es eine Ausnahme: 1963 wurde vorne links in die Wand ein Mahnmal des Bildhauers Knud Knudsen eingearbeitet: Eine männliche Figur, die mit ausgestrecktem Arm auf Christus am Kreuz zeigt, während eine trauernde Frauengestalt das Soldatengrabkreuz mit Jahreszahlen von 1939 bis 1945 trägt. Die lebensgroßen Figuren aus Beton und Muschelkalk sollten den Trost der christlichen Botschaft und die Mahnung zum Frieden zum Ausdruck bringen. Dem damaligen Wunsch der Familien nach Namensnennung der Gefallenen kommt ein Buch nach, das unter dem benachbarten Fenster ausliegt.

Die einzige Gedenkplakette, die im Krieg nicht zerstört wurde, ist die zum 50-jährigen Dienstjubiläum für Pfarrer Karl Wilhelm Hartmann. Sie hängt jetzt im Eingangsbereich der Kirche. Hartmann hatte unermüdlich den Bau der ersten stabilen evangelischen Kirche in Heddernheim von 1898 vorangetrieben.

Seit 1821 gab es in Heddernheim nämlich nur eine winzige evangelische Holzkirche. Als 1891 die benachbarte katholische Kirche niederbrannte, durfte die katholische Gemeinde ihre Gottesdienste in der Holzkirche halten. Zwei Jahre später wurde die neue katholische Kirche eingeweiht, kurz darauf musste dann die evangelische Holzkirche wegen Baufälligkeit geschlossen werden. Nun wurden die Evangelischen für einige Jahre Gäste in der katholischen Kirche. Über Spenden für den eigens gegründeten Kirchenbauverein, mithilfe des Gustav-Adolf-Vereins und eines Kredits, gelang es Pfarrer Hartmann und der evangelischen Gemeinde, die hauptsächlich aus Arbeitern und Tagelöhnern bestand, eine eigene Kirche zu finanzieren. Architekt Joseph Dormann erhielt den Auftrag, sie im neugotischen Stil zu bauen. 1898 war die Einweihung. Die Chronik vermerkt stolz, dass der neue Turm drei Meter höher als der katholische sei.

Der Nachkriegsbau wurde 1986 von dem Restaurator und Kirchenmaler Karl-Bernd Beierlein renoviert. Die Farbgebung ist zurückhaltend braun und grau mit goldenen Akzenten.

Die Thomasorgel auf der Empore ist seit September 2021 ein Instrument mit drei Manualen, Pedal und in der Grunddisposition 42 Registern. Die 1952 eingebaute Orgel von Förster & Nicolaus/Lich war barock orientiert. Seit 2021 hat dieselbe Firma zusätzlich ein Schwellwerk und 532 neue Pfeifen eingebaut, die auch Musik der Romantik ermöglichen. Außerdem ist sie jetzt elektronisch steuerbar. Auch der Spieltisch ist neu: Er ist verschiebbar und kann aus dem Altarraum angespielt werden.

Das Glockengeläut im Turm besteht aus fünf Glocken mit den Tönen c-b-g-f-es. Drei Glocken stammen aus dem alten Geläut von 1921, zwei weitere wurden 1951 gestiftet. Abgestimmt mit den vier Glocken der katholischen Nachbargemeinde St. Peter und Paul, hat Heddernheim ein harmonisches „kleines Stadtgeläut“.

Die Kirche steht unter Denkmalschutz.


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Autorin

Stephanie von Selchow ist Redakteurin des EFO-Magazins.

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