„Such Dir einen Mann aus, der deiner Unterordnung würdig ist“
Leonard Jäger hat 343.000 Follower auf Instagram, eine halbe Million Menschen schaut sich seine YouTube-Videos an. In dem kurzen Clip, den er bei Insta ganz oben angeheftet hat, erzählt er, wie er vor Kurzem zum Christentum bekehrt wurde. Und zwar erzählt er das Alice Weidel, der Co-Vorsitzenden der AfD.
Jäger nennt sich auf Social Media "Ketzer der Neuzeit". Er gehört zu einem Netz junger, christlicher Influencer, die auf den ersten Blick nur über ihren Glauben sprechen und ihre Liebe zu Gott, die andere inspirieren wollen, sich an christlichen Werten zu orientieren. Schaut man jedoch genauer hin, fällt auf, dass sie Stimmung gegen Migranten, queere Menschen und Andersdenkende machen. Sie verbreiten immer wieder rechtsextreme Verschwörungserzählungen und machen Werbung für die AfD.
Aber Christus hat Nächstenliebe gepredigt, sich für Schwache und am Rande der Gesellschaft stehende Menschen eingesetzt, sie geheilt und stärker gemacht. Wie kann es also überhaupt sein, dass Jäger und andere Christfluencer*innen, die alles niedermachen, was nicht in ihr ausgrenzendes Weltbild passt, sich als Christen bezeichnen?
Martin Moser, wissenschaftlicher Referent der evangelischen Kirche von Westfalen, hat sich intensiv mit der neuen Rechten beschäftigt. Auf einem Fachtag der Evangelischen Akademie Frankfurt erläuterte er anhand vieler Beispiele, dass sich rechtsextreme christliche Influencer*innen deshalb gerne als Vertreter des christlichen Abendlandes verorten, weil sie sich damit von anderen Kulturen und Religionen, vor allem dem Islam, absetzen können. Was bei Rechtsextremen vor 1945 „Rasse“ hieß, so Moser, werde heute in der neuen Rechte verschleiernd als „Kultur“ bezeichnet - und zu dieser Kultur gehöre die christliche Religion, die für sie die einzig wahre sei. Ein Kennzeichnen für diese Art Christentum sei auch, sich auf das Naturrecht zu berufen, eine vermeintlich von Gott vorgegebene „natürlichen“ Ordnung, die nicht hinterfragt werden darf, zum Beispiel, dass „die Frau dem Mann untertan“ (nach Paulus) zu sein hat. Ein autoritärer Staat und eine hierarchische Kirche sollen diese Ordnung bewahren.
Gerade beim Thema Geschlechterrollen treffen sich neue Rechte und evangelikale Christ*innen. Jana Highholder (früher Hochhalter) zum Beispiel oder Jasmin Friesen (früher Neubauer) - letztere ist eine gute Freundin von Leonard Jäger - haben je 90.000 Follower auf Instagram, Tendenz steigend. „Such Dir einen Mann aus, der deiner Unterordnung würdig ist“, postet zum Beispiel Highholder, und Friesen erklärt „Warum Sex vor der Ehe dich zerstört“. In ihren Social-Media-Accounts kreisen diese Influencerinnen vor allem um die Themen Liebe und Familie – um Dating, Sex, Ehe und die Rolle von Männern und Frauen.
„In evangelikalen Blasen gilt der Feminismus als die Wurzel allen Übels“ erklärte Claudia Jetter, praktische Theologin an der Humboldt-Universität Berlin, auf dem Frankfurter Fachtag. Christfluencerinnen wie Highholder und Friesen argumentieren streng biblizistisch, legen also die Bibel ausschließlich wörtlich aus und gestehen dieser Interpretation dann höchste Autorität über das eigene Leben zu. Dass es in der Schöpfungserzählung, Genesis 1,27 heißt: „Gott schuf den Menschen nach seinem Bild, schuf ihn als Mann und Frau“ bedeutet für sie, dass es Dazwischen geben kann. Gleichgeschlechtliche Liebe lehnen sie ab. Die historisch-kritische Bibelauslegung, bei der antike Text aus den Zeitumständen ihrer Entstehung heraus interpretiert werden und die längst wissenschaftlicher Standard in der Theologie ist, lehnen sie ab.
„Leider verbreiten sich einfache, emotionalisierte und radikale Botschaften im Netz viel schneller als differenzierte“, sagt der Theologe Martin Fritz, wissenschaftlicher Referent der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen. Das lässt sich auch mit Zahlen belegen. Um liberale evangelische Stimmen im digitalen Raum zu fördern, hat die Evangelische Kirche in Deutschland die Plattform „Yeet“ gegründet, zu der mittlerweile rund zwanzig Influencer zählen. Deren meistverbreiteter Instagram Account, „Amen-aber-sexy“ des queeren Pfarrers Tim Lahr, hat 65.000 Follower. „Seligkeitsdinge“ von Josephine Teske, Pastorin der Nordkirche, Single Mom und „Lebensliebhaberin“, wie sie sich nennt, hat 43.000 Follower. „Theresaliebt“ der Pfarrerin Theresa Brückner, die mit Mann und zwei Kindern in Berlin lebt, hat zur Zeit 23.000 Follower.
Solch Gegen-Erzählungen im Netz sind wichtig, um reaktionärem und anti-demokratischem Christentum entgegenzuwirken, betonen Fritz und Jetter. Gleichzeitig sei aber auch Arbeit in echten Beziehungsgemeinschaften wichtig, in Konfirmanden- und Jugendgruppen zum Beispiel. Gemeindepädagogen und Lehrerinnen müssten bei diesen Themen weitergebildet werden. „Das Format Social Media verlangt Polarisierung – im echten Leben ist Raum dazwischen“, sagte Jetter auf dem Fachtag in der Akademie. Gemeinsam mit Fritz schreibt sie gerade ein Buch zum Thema „Christfluencer*innen“, das sich an Religionslehrende und andere Multiplikator*innen richtet. Es soll zu dringend benötigter Analyse und reflektiver Distanz verhelfen.