Auf den Spuren des Großvaters
Nach dem Brexit macht die britische Autorin und Physikerin Pippa Goldschmidt von einer besonderen Regelung Gebrauch: Als Nachfahrin von NS-Verfolgten kann sie die deutsche Staatsbürgerschaft erwerben. Ihr Großvater stammte aus Offenbach und musste Ende der 1930er Jahre als Jude nach England fliehen. Ihre Großmutter, die aus Wien geflohen war, hat sie noch gekannt, den Großvater nicht mehr, denn er ist früh gestorben. Goldschmidt nimmt die Staatsbürgerschaft an, zieht nach Frankfurt – und begibt sich auf eine persönliche Spurensuche.
In ihrem Buch „Deutschstunden" nimmt sie die Leser:innen mit auf diese Entdeckungsreise. Sie besucht das Jüdische Museum, die Gedenkstätte am Börneplatz, die Synagogen im West- und Ostend sowie die ehemalige Offenbacher Synagoge, in der heute das Kultur- und Veranstaltungszentrum Capitol untergebracht ist. Doch dies ist keine konventionelle Reportage über die Geschichte jüdischen Lebens. Was das Buch besonders macht, ist seine Perspektive: Goldschmidt beschreibt subjektiv und von ihrem eigenen Erleben ausgehend, wie es ist, sich dem familiengeschichtlichen Erbe zu nähern. Sie beginnt beim bürokratischen Prozess der Staatsbürgerschaft, schildert ihre Fragen, Erkenntnisse, Gefühle und Entscheidungen, sowie ihre Gespräche mit Menschen vor Ort.
Das Genre lässt sich schwer bestimmen, es ist ein anhand persönlicher Erkundungen geschriebenes Sachbuch über Vertreibung und Verfolgung der jüdischen Bevölkerung. Aus subjektivem Zugang und sachlichen Informationen setzt sich wie in einem Puzzle nach und nach ein Bild zusammen – was genau passiert ist, was vielleicht nie mehr zu wissen ist. Auch für Menschen, die diese Orte und Erinnerungsstätten bereits gut kennen, ist das interessant, denn Goldschmidt bietet einen überraschend frischen Blick. Ein lesenswertes Buch über Erinnerung, Identität und die Frage, was es bedeutet, nach Deutschland zurückzukehren.
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