Kunst & Kultur

Musikgeschichte am Beispiel von Habakuk

Bandgründer Eugen Eckert erzählt in seinem Buch zum Jubiläum von fünfzig Jahren geistlicher Pop-Musik aus Frankfurt.

Habakuk — 50 Jahre Geistliche Pop-Musik aus Frankfurt/M. Eugen Eckert und Freunde erinnern sich. Strube Verlag, 28 Euro.
Habakuk — 50 Jahre Geistliche Pop-Musik aus Frankfurt/M. Eugen Eckert und Freunde erinnern sich. Strube Verlag, 28 Euro.

Eine Bandgeschichte, die mehr ist als ein musikalischer Rückblick: „50 Jahre geistliche Popmusik aus Frankfurt" — so der Untertitel — ist auch eine Reise durch Theologiegeschichte und Gottesdienstkultur und zeigt nebenbei die technische Entwicklung der Musikbranche. Abgedruckte Noten und Texte werden durch QR-Codes ergänzt, über die sich die jeweiligen Lieder der Band Habakuk direkt auf den Streamingportalen aufrufen lassen. Eugen Eckert, der einzige verbliebene Gründer der Kellertruppe im Frankfurter Stadtjugendpfarramt und bis heute unermüdlicher Musiker und Texter, schildert anschaulich, wie sich die Band im Verlauf von fünf Langspielplatten und 17 CDs entwickelt hat.

„Bewahre uns Gott" war das erste Lied von Habakuk, das in das Evangelische Gesangbuch aufgenommen wurde. Im katholischen Pendant, dem Gotteslob, stehen inzwischen sogar 22 Habakuk-Lieder. „Eure Musik wirbt für Menschlichkeit. Sie ermuntert zum Leben vor dem Tod. Der Glaube, von dem ihr singt, zieht sich nicht aus dieser Welt zurück", sagte die hessen-nassauische Kirchenpräsidentin Christiane Tietz beim Jubiläums-Konzert der Band.

Von Kirchentag zu Kirchentag

Wie ein roter Faden zieht sich der alle zwei Jahre stattfindende Deutsche Evangelische Kirchentag durch die Bandgeschichte: 25 Auftritte insgesamt. Höhepunkte waren die Bibelarbeiten mit Luise Schottroff, Dorothee Sölle und Willi Schottroff. Angefangen hat alles mit einem Kirchendarlehen von 4000 DM für das erste Equipment. Der Frankfurter Propst Dieter Trautwein, selbst ein Liederdichter, gehörte zu den frühen Förderern der Band. Bald schon begnügte man sich nicht mehr damit, Lieder des damals beliebten Komponisten Peter Janssens nachzuspielen. In der evangelischen Kirche entwickelte sich eine eigene Jugendkultur, die von dessen Stil inspiriert war. An Heiligabend trafen sich Tausende um 23 Uhr zur Ökumenischen Christmette in der zentralen Katharinenkirche — die musikalisch natürlich von Habakuk gestaltet wurde.

Die persönliche Bedeutung des Ehepaars Schottroff für Eugen Eckert schildert der Autor offen: Er haderte mit seinem Theologiestudium und seinen Sprachkenntnissen. Die Theologieprofessorin Luise Schottroff wurde als erste auf die Musik von Habakuk aufmerksam, später auch ihr Mann Willi. Eine Freundschaft, die Kirchentage und eine Kanadareise überdauerte und bis zum Tod der beiden älteren Theologen andauerte. Auch der überraschende Tod von Dorothee Sölle 2003, kurz vor dem Ökumenischen Kirchentag in Berlin, hinterließ Spuren. Der damalige EKD-Ratsvorsitzende Wolfgang Huber bot Eckert spontan an, die beiden mit ihr geplanten Bibelarbeiten zu übernehmen. Überhaupt begegnete die Band vielen bekannten Persönlichkeiten — Angela Merkel machte Eugen Eckert einmal kurzerhand zu ihrem Assistenten.

Mathis und das Bobbycar

Eine im Bild dokumentierte Begebenheit verdient besondere Erwähnung: Es zeigt Eckerts knapp zweijährigen Sohn Mathis, der auf seinem Bobbycar zwischen Pappkartons in den Kölner Messehallen herumflitzt. Zur Sicherheit trägt er ein T-Shirt mit der Aufschrift „Ich bin mausgebüxt" und der elterlichen Handynummer. Heute ist Mathis der Social-Media-Beauftragte der Band — dreht Reels und stellt komplette Konzerte ins Netz.

Eugen Eckert macht aber auch auf ein ernstes Problem aufmerksam: Für Bands wie Habakuk gibt es kaum noch tragfähige Finanzierungsmöglichkeiten. Der CD-Verkauf ist eingebrochen, und die Gagen für eine professionelle Bands können klamm werdende Kirchengemeinden kaum noch aufbringen.

Die Reformation hat sich durchgesungen

Eckert schildert auch die Widerstände, die christliche Rockmusik in den Kirchen lange erfuhr — Widerstände, die heute überwunden scheinen. Doch als er 2014 gemeinsam mit Clemens Bittlinger und Fabian Vogt ein neues Liederbuch im Hinblick auf das Reformationsjubiläum 2017 herausgeben wollte, erlebten sie eine Abfuhr: Die zuständige Kirchenmusikdirektorin hielt drei Pfarrer für nicht legitimiert, ein Gesangbuch herauszugeben. Das Buch „Atem des Lebens" erschien daraufhin ohne kirchenamtliche Unterstützung.

Dabei lautet Eckerts Grundthese: Die Reformation habe sich nicht „durchgepredigt", sondern durchgesungen. Angesichts der heutigen Hörgewohnheiten zeigt sich an der Kirchenmusik, wie weit sich viele Gemeinden vom breiten Publikumsgeschmack entfernt haben. Eckerts Idee, zumindest einmal im Monat einen Gottesdienst nur mit neuen geistlichen Liedern zu gestalten, klingt nach einem nachahmungswürdigen Experiment.

Offen schildert der Autor auch die personellen Umbrüche der Band — stets verbunden mit Trennungsschmerz. Doch gelang es, die Besetzung aus professionellen Musikerinnen und Musikern kontinuierlich weiterzuentwickeln.

Das Buch ist reich bebildert. Die abgedruckten Lieder regen zum Nachsingen an, und der Entstehungskontext mancher Songs wird greifbar — etwa „Halte deine Träume fest", das eng mit einer Gruppe junger Drogensüchtiger verbunden ist, die im Dachgeschoss des Stadtjugendpfarramts Unterkunft gefunden hatten.

„Habakuk — 50 Jahre geistliche Popmusik aus Frankfurt" ist unterhaltsam, witzig und ernst zugleich, informativ und musikalisch, und mindestens so gut wie manche Habakuk-Produktion selbst.


Autor

Kurt-Helmuth Eimuth war von 1998 bis 2021 Mitglied in der Redaktion von "Evangelisches Frankfurt und Offenbach", davon viele Jahre Leiter der Redaktion. Mehr über den Publizisten und Erziehungswissenschaftler ist auf www.eimuth.de zu erfahren.

0 Kommentare

Zu diesem Artikel wurden noch keine Kommentare verfasst. Schreiben Sie doch den ersten.

Artikel kommentieren

Wir freuen uns, wenn unsere Beiträge zu Diskussion und Austausch beitragen. Dabei bitten wir, auf angemessene Umgangsformen zu achten und die Meinung anderer zu respektieren. Bei Verstößen gegen unsere Netiquette-Regeln behalten wir uns vor, Kommentare nicht zu veröffentlichen.

Mit * markierte Felder sind Pflichtfelder.

Errechnen Sie die Summe der dargestellten Zahlen
Captcha =