Leben & Alltag

Bitte alle mal runterkommen!

Viele Menschen scheinen heutzutage zu glauben, sie würden ihren Standpunkt am besten dadurch deutlich machen, dass sie aggressiv und unfreundlich auftreten. Aber das ist ein Missverständnis. Freundlichkeit bedeutet keineswegs Nachgiebigkeit.

Gerade wo Menschen unter Druck stehen, herrschen oft die  härtesten Töne. Umso wichtiger ist es, freundlich zu bleiben. | Randalyn Hill / Unsplash
Gerade wo Menschen unter Druck stehen, herrschen oft die härtesten Töne. Umso wichtiger ist es, freundlich zu bleiben. | Randalyn Hill / Unsplash

Ich stehe in der Schlange beim Bäcker. Es ist Abend, ich bin müde, will eigentlich nur nach Hause. Der Verkäufer wirkt erschöpft, eine Kundin beschwert sich lautstark, dass es zu langsam geht. Eine alltägliche Gereiztheit, die sich überall wiederholt.

Die Schwelle zur Unfreundlichkeit und sogar zur Gewalt scheint zu sinken. Im Februar wurde der 36 Jahre alte Zugbegleiter Serhan C. von einem Fahrgast bei einer Fahrscheinkontrolle so hart auf den Kopf geschlagen, dass er an den Folgen starb. Das ist natürlich ein Extremfall. Aber dass kleinste Anlässe – eine ungeschickte Formulierung, eine langsamere Gangart – unverhältnismäßige Reaktionen auslösen können, das lässt sich immer öfter beobachten. Wir scheinen einander nur noch als Hindernisse wahrzunehmen, nicht als Mitmenschen. Tatsächlich muss man manchmal auf der Straße regelrecht zur Seite springen, um nicht angerempelt zu werden.

Die politische Lage tut ihr übriges. Internationale Vereinbarungen werden gebrochen, imperialistische Eroberungskriege sind offenbar wieder eine Option. Im Inland erklären uns Politiker:innen, wir würden nicht genug arbeiten, während andere vorhersagen, dass KI demnächst alle unsere Jobs überflüssig machen wird. Kein Wunder, dass sich Aggressivität breitmacht.

Und es wird nicht nur von oben nach unten geschlagen, sondern gerne auch mal horizontal. In Tagestreffs für Obdachlose sind inzwischen Securitykräfte im Einsatz, damit die Hilfesuchenden sich nicht gegenseitig verprügeln oder sogar die Mitarbeiter:innen gefährden. Gerade wo Menschen selbst unter Druck stehen, herrschen oft die härtesten Töne – das alte Lied, an dem bisher jede soziale Revolution gescheitert ist. Wer selbst zu wenig hat, empfindet andere in ähnlicher Lage nicht als Verbündete, sondern als Bedrohung.

Es gibt da diesen schon etwas abgelutschten T-Shirt-Spruch, der mir trotzdem jedes Mal, wenn ich ihn sehe, ein warmes Gefühl gibt: „In a world where you can be anything, be kind" – in einer Welt, in der du alles sein kannst, sei freundlich. Ja, das ist kitschig. Aber es ist trotzdem klug.

Viele Menschen scheinen heutzutage zu glauben, sie würden ihren Standpunkt am besten dadurch deutlich machen, dass sie aggressiv und unfreundlich auftreten. Immer schriller wird die Wortwahl, immer abwertender die Kommentare, teilweise geht das sogar bis hin zu körperlicher Gewalt. Aber das ist ein Missverständnis. Freundlichkeit bedeutet keineswegs Nachgiebigkeit.

Die Klarheit einer Position hängt nicht vom Tonfall ab, in dem sie vorgebracht wird. Man kann Grenzen ziehen und widersprechen, ohne andere dabei abzuwerten oder zu beleidigen. Man muss nicht brüllen und herumpoltern, um in der Sache konsequent zu handeln.

Die zunehmende Aggressivität, die sich in immer mehr Bereichen breitmacht, ist kein individuelles Phänomen, sondern ein gesellschaftliches. Und doch haben wir als Einzelne die Möglichkeit, es anders zu machen.

Deshalb: Lasst uns freundlich bleiben. Auch wenn wir uns ärgern, auch wenn wir streiten. Freundlichkeit ist kein Zeichen von Schwäche. Sie macht bloß das Leben nicht auch noch unnötig schwer.


Autorin

Antje Schrupp 258 Artikel

Dr. Antje Schrupp ist Chefredakteurin des EFO-Magazins. Die Journalistin und Politikwissenschaftlerin bloggt auch unter www.antjeschrupp.com Mastodon: @antjeschrupp@kirche.social

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