NEIN - Vier Buchstaben mit großer Wucht
Ob ich einen Artikel zum Thema „Nein“ fürs EFO-Magazin schreiben möchte? Nein! Äh doch, warum eigentlich nicht? Also ja, okay. Denn so viel steht fest: Wer immer nur „Nein! Nein! Nein!“ ruft, bringt sich gern mal um die wirklich schönen Dinge im Leben. Wer aber stets „Klar, selbstverständlich!“ antwortet, wenn Mitmenschen mit Anliegen kommen, womöglich auch. Es ist leider gar nicht so einfach.
Das Nein hat auf den ersten Blick das größere Imageproblem. Es gilt als unhöflich, unerquicklich und egoistisch. So möchte niemand sein. Wer Nein sagt, ist schnell die Spielverderberin – eine, die den Flow stört, die Harmonie zerkratzt und das große Wir mit einem kleinen Wort beschädigt. Ja dagegen ist die freundliche Schwester. Sie nickt, sie lächelt, sie passt sich an. Ja ist sozial anschlussfähig.
Dabei beginnt unser Verhältnis zum Nein eigentlich schon am Tag eins unseres Lebens. Der erste Schrei eines Babys ist der erste Protest gegen die Unbill der Welt. Warum ist es hier so kalt, so hell, so blöd? Kinder beherrschen das Wort dann auch schnell linguistisch korrekt, noch bevor sie ganze Sätze bilden können. „Nein!!!“ ist eines der frühen sprachlichen Kraftwerke, die sie in Betrieb nehmen. Hauptsache, dagegen sein, im Zwei-Minuten-Takt, es nennt sich Autonomiephase: „Nein, ohne Soße! Nein, kein Brokkoli! Nein, die Butter nicht so drauf machen! Nein, nicht in den Kindergarten! Nein, keine Schuhe …“. Es wird gebrüllt, geflüstert, geweint, triumphierend gerufen – je nach Tagesform und Trotzlevel. Dieses kindliche Nein ist roh, ehrlich und vollkommen frei von Imagepflege. Es sagt nicht: „Ich habe Ihre Anfrage geprüft und bin zu dem Schluss gekommen ...“ Es sagt einfach: Nö. Es ist der erste ernstzunehmende Versuch, eine eigene Grenze zu ziehen.
Erwachsene sind dagegen gerne mal richtig schlecht im Neinsagen. Wir lernen das diplomatische Herumlavieren, das „Vielleicht“, das „Mal sehen“, das „Ich melde mich“, das „Lass uns demnächst mal einen Kaffee trinken“. Das Nein wird in Watte gepackt oder gleich ganz vermieden. Und wenn es dann doch mal Thema wird, kommt zuverlässig der Ratschlag um die Ecke: „Sagen Sie doch einfach mal Nein!“ Nur leider übersieht dieser beliebte Life-Coach-Tipp, dass das Nein selten ein rein sprachliches Problem ist. Es ist emotional aufgeladen, historisch vorbelastet und sozial vermint. Wer Nein sagt, riskiert Ablehnung, Enttäuschung, Konflikt – oder zumindest das unangenehme Gefühl, jemandem nicht gerecht geworden zu sein.
Das macht es im Berufsleben hakelig. Gibt es so etwas, eine Anleitung zum fairen Neinsagen? Gerade Führungskräfte kommen ja oft gar nicht daran vorbei, das große, enttäuschende Wort laut auszusprechen. Dass das tatsächlich nicht immer einfach ist, erlebt Stefanie Brauer-Noss, Pfarrerin und Prodekanin im Evangelischen Stadtdekanat Frankfurt und Offenbach, immer wieder. „Meine Erfahrung ist, dass ein klar begründetes Nein, das sich innerhalb transparenter Rahmenbedingungen bewegt, meistens gut angenommen wird“, sagt sie. Wobei es enorm wichtig sei, klar Ja oder Nein zu sagen, statt herumzulavieren: „Dazu kann auch gehören, Spielräume zu benennen, etwa, um zu begründen, warum für ein Projekt oder eine Stelle gerade kein Geld da ist.“
Absagen an Menschen, die sich viel erhofft haben, lassen sich kaum vermeiden, wenn auf einen freien Arbeitsplatz mehrere Bewerber:innen kommen. „Hier ist es mir wichtig, ein Nein nicht zu delegieren, sondern eine persönliche E-Mail zu schreiben und im besten Fall den Bewerbern andere Perspektiven aufzuzeigen.“ Selbstverständlich sei es viel schöner, Ja sagen zu können: „Gute Nachrichten zu überbringen macht mehr Spaß, das liegt in der Natur der Sache!“
Aber manchmal geht es eben nicht anders, und ein Ja würde ins Verderben führen. „Wer sich nicht bewegt, spürt auch nicht seine Fesseln“ – dieses Rosa Luxemburg zugeschriebene Zitat (wahrscheinlich stammt es gar nicht von ihr) zierte in den 1980er und 1990er Jahren als Aufnäher zahlreiche Rücksäcke, es prangte auf Autohecks und Flyern. Das Nein gegen die bestehenden Verhältnisse ist nämlich eins der ganz großen, wichtigen.
Dass ein Nein sogar die Power besitzt, Geschichte zu schreiben, haben schon etliche Menschen bewiesen: Von Martin Luther bis zu Mahatma Gandhi, von Sophie Scholl bis zu Rosa Parks. Wobei gerade Letztere auch dafür steht, welche Kraft es kostet, sich aufzulehnen gegen das erwartete unterwürfige Ja. Rosa Parks’ Nein im Bus von Montgomery im Jahr 1955, mit dem sie sich weigerte, ihren Sitzplatz im Bus für einen weißen Fahrgast zu räumen, wie es die rassistischen Gesetze in den Südstaaten der USA vorschrieben, gilt oft als spontaner Akt des Mutes. Doch Geschichte wurde hier nicht durch einen zufälligen Moment des Widerstands geschrieben, sondern durch jahrelange Vorbereitung. Parks widersetzte sich einem System, das Schwarze Menschen täglich erniedrigte. Ihr Nein löste den einen großen Bus-Boykott aus und wurde zu einem Symbol der Bürgerrechtsbewegung in den USA. Rosa Parks war keine zufällige Heldin. Sie hatte an Trainings zum gewaltlosen Widerstand teilgenommen, kannte die Risiken und wusste um die möglichen Konsequenzen – Verhaftung, Gewalt, gesellschaftliche Ächtung. Ihr Nein war nicht impulsiv, sondern das Ergebnis von Disziplin, Überzeugung und innerer Stärke.
Neinsagen muss man üben, das gilt auch für die weniger revolutionären, aber dennoch wichtigen Neins im Alltag. Hier hilft ein Blick auf das wohl bekannteste literarische Neinsagerlein unserer Zeit: Das „Neinhorn“. Dieses bunte, störrische Fabelwesen, erschaffen vom Autor der Känguru-Chroniken, Marc-Uwe Kling, plärrt im beliebten Kinderbuch „Nein!“ zu allem und jedem – mit einer Konsequenz, die ebenso befreiend wie komisch ist. Das Neinhorn ist die Fantasievariante unseres inneren Widerstands. Es zeigt uns: Nein zu sagen kann lustig sein, entlastend, sogar gemeinschaftsstiftend – zumindest, wenn man andere findet, die ebenfalls nicht einverstanden sind.
Wir sollten das Nein also rehabilitieren. Nicht als bloße Trotzreaktion, sondern als sorgfältig eingesetztes Werkzeug. Schließlich hätte ein Ja aus tiefstem Herzen keinerlei Bedeutung ohne die gleichzeitig vorhandene Möglichkeit eines Neins. Für ein gutes Leben brauchen wir beide Worte. Jedes zu seiner Zeit.
Du sollst nicht... - das Nein in der Bibel
Gleich am Anfang der Bibel steht ein göttliches Nein: Im Garten Eden erlaubt Gott dem Menschen fast alles – aber nicht den Griff nach der verbotenen Frucht. Dieses Nein ist kein Machtspiel, sondern eine Grenzmarkierung. Denn ohne Grenze gibt es keine Freiheit, nur Maßlosigkeit.
Auch die Zehn Gebote bestehen überwiegend aus Neins: Du sollst nicht töten, nicht stehlen, nicht lügen. Das klingt restriktiv, ist aber lebensdienlich: Gottes Nein ist ein Ja zum Leben des anderen. Wer das Nein ernst nimmt, sagt Ja zu einer Gemeinschaft, die nicht vom Recht des Stärkeren lebt.
Auch Jesus sagt Nein – und öfter, als man denkt. Da wäre zum Beispiel sein deutliches Nein zu den Händlern im Jerusalemer Tempelvorhof; ein Nein, das sich nicht nur in Worten zeigt, sondern handgreiflich wird: Jesus wirft die Stände der Händler um.
Ausreden und fromme Grauzonen um des lieben Friedens willen akzeptiert Jesus nicht. In der Bergpredigt fordert er: „Euer Ja sei ein Ja, euer Nein ein Nein.“ Und das beherzigt er auch selbst. Er sagt Nein zu den Versuchungen des Teufels, vor allem aber sagt er konsequent Nein zu Regeln, die Menschen ausgrenzen.
„Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen“, sind dann auch die Apostel in der Zeit nach Jesu Tod und Auferstehung überzeugt. Ein Ja zum Evangelium ist nur möglich, wenn man zu Ungerechtigkeit und Machtmissbrauch Nein sagt.
0 Kommentare
Zu diesem Artikel wurden noch keine Kommentare verfasst. Schreiben Sie doch den ersten.