Frust, Abwertung, Gewalt: Für viele Obdachlose ist das inzwischen Alltag
Wer keine Wohnung hat und deshalb auf der Straße lebt oder in Notunterkünften untergebracht ist, läuft Gefahr, Opfer oder Beteiligter von Gewalt zu werden. Laut Polizeistatistik steigen die Zahlen, gleichzeitig gehen Fachverbände wie die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe und die Diakonie von einem hohen Dunkelfeld aus. Denn: Viele Betroffene zeigen Übergriffe nicht an. Misstrauen gegenüber Behörden, schlechte Erfahrungen mit der Polizei oder das Gefühl, ohnehin nicht ernst genommen zu werden, spielen dabei eine Rolle.
Gewalt beginnt oft unterhalb der strafrechtlichen Schwelle, erklärt die Sozialpsychologin Merle Stöver: „Die Menschen werden beschimpft, ihre Sammel-Becher umgestoßen, Schlafplätze zerstört, oder man versucht gezielt, sie aus dem öffentlichen Raum zu verdrängen."
Stöver hat Strafverfahrensakten studiert, um die Motive der Gewalt gegen Wohnungs- und Obdachlose zu verstehen. Gesellschaftliche Einstellungen spielen eine Rolle. Obdachlose gelten als selbst schuld an ihrer Lage oder werden als Störfaktor im Stadtbild abgewertet. „Diese Muster finden sich nicht nur am Rand, sondern auch in der Mitte der Gesellschaft”, erklärt die Sozialpsychologin. Wer selbst unter Druck stehe oder sich abgehängt fühle, richte Aggressionen häufig gegen noch Schwächere. Obdachlose würden so zu Projektionsflächen für Frust und Abwertung.
Weniger sichtbar, aber ebenso relevant ist die Gewalt innerhalb des Milieus. Ein erheblicher Teil der Übergriffe geht laut Studien von anderen obdachlosen Menschen aus. Das bestätigt auch Henning Funk, der Leiter des Tagestreffs im „Weser5“-Diakoniezentrum im Frankfurter Bahnhofsviertel. „Der Tagestreff soll eigentlich als Schutzraum dienen, obdachlosen Menschen die Möglichkeit bieten, mal durchzuschnaufen und zur Ruhe zu kommen. Das war irgendwann nicht mehr möglich”, beschreibt Funk die Situation.
Konflikte untereinander hätten zugenommen, erklärt der Sozialarbeiter, irgendwann richtete sich die Gewalt auch gegen die Mitarbeiter:innen. „Wir haben Hausverbote ausgesprochen, aber das widerspricht dem Sinn unserer Arbeit." Deshalb ist inzwischen Sicherheitspersonal in die Arbeit des Tagestreffs eingebunden. „Das sind Leute, die auch in Clubs an der Tür stehen. Diese Männer sind gut ausgebildet.” Die deeskalierende Wirkung des Sicherheitspersonals in der täglichen Arbeit sei enorm, sagt Funk.
Aber warum hat die Gewalt unter Obdachlosen so zugenommen? Die Gründe seien vielfältig, erklärt Funk. Obdachlosigkeit ist eine extreme Lebensform. Viele Betroffene leiden unter psychischen Krankheiten, haben Suchtprobleme oder leiden an schweren Traumata. „Hinzu kommt ein permanenter Konkurrenzdruck. Es geht um Schlafplätze, um Schutzräume, um Geld”, sagt Henning Funk.
Zudem steigt die Zahl obdachloser Menschen stetig an, der Kampf um knappe Ressourcen nimmt deshalb zu. Wenn diese Menschen dann auf engem Raum zusammenkommen, können Konflikte schnell eskalieren.
Gleichzeitig haben laut Merle Stöver auch die Hass- und die politisch motivierte Kriminalität zugenommen. „Wir erkennen eine zunehmende Verrohung des öffentlichen Diskurses.” Abwertende Sprache senke die Hemmschwellen und könne schnell in Gewalt umschlagen.
Eigentlich sollte in Deutschland die Obdach- und Wohnungslosigkeit mit einem Aktionsplan der Bundesregierung bis 2030 abgeschafft werden, wozu das Europäische Parlament seine Mitgliedsstaaten aufgerufen hatte. Henning Funk vom Tagestreff „Weser5” kann bisher keine Fortschritte erkennen. „Steigende Mieten, fehlender sozialer Wohnungsbau und wachsende Armut verschärfen die Lage eher”, sagt er.
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