Politik & Welt

Frust, Abwertung, Gewalt: Für viele Obdachlose ist das inzwischen Alltag

Gewalt gegen obdachlose Menschen kommt oft von außen, von Passanten, Anwohnerinnen oder auch von Menschen, die gezielt zuschlagen. Sie kommt aber zunehmend auch aus dem Milieu selbst. Fachleute beobachten seit Jahren eine Zuspitzung dieser Entwicklung.

Die Gewalt nimmt zu: Wenn Menschen unter Druck sind, können Konflikte leicht eskalieren.  | Rolf Oeser
Die Gewalt nimmt zu: Wenn Menschen unter Druck sind, können Konflikte leicht eskalieren. | Rolf Oeser

Wer keine Wohnung hat und deshalb auf der Straße lebt oder in Notunterkünften untergebracht ist, läuft Gefahr, Opfer oder Beteiligter von Gewalt zu werden. Laut Polizeistatistik steigen die Zahlen, gleichzeitig gehen Fachverbände wie die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe und die Diakonie von einem hohen Dunkelfeld aus. Denn: Viele Betroffene zeigen Übergriffe nicht an. Misstrauen gegenüber Behörden, schlechte Erfahrungen mit der Polizei oder das Gefühl, ohnehin nicht ernst genommen zu werden, spielen dabei eine Rolle.

Gewalt beginnt oft unterhalb der strafrechtlichen Schwelle, erklärt die Sozialpsychologin Merle Stöver: „Die Menschen werden beschimpft, ihre Sammel-Becher umgestoßen, Schlafplätze zerstört, oder man versucht gezielt, sie aus dem öffentlichen Raum zu verdrängen."

Stöver hat Strafverfahrensakten studiert, um die Motive der Gewalt gegen Wohnungs- und Obdachlose zu verstehen. Gesellschaftliche Einstellungen spielen eine Rolle. Obdachlose gelten als selbst schuld an ihrer Lage oder werden als Störfaktor im Stadtbild abgewertet. „Diese Muster finden sich nicht nur am Rand, sondern auch in der Mitte der Gesellschaft”, erklärt die Sozialpsychologin. Wer selbst unter Druck stehe oder sich abgehängt fühle, richte Aggressionen häufig gegen noch Schwächere. Obdachlose würden so zu Projektionsflächen für Frust und Abwertung.

Weniger sichtbar, aber ebenso relevant ist die Gewalt innerhalb des Milieus. Ein erheblicher Teil der Übergriffe geht laut Studien von anderen obdachlosen Menschen aus. Das bestätigt auch Henning Funk, der Leiter des Tagestreffs im „Weser5“-Diakoniezentrum im Frankfurter Bahnhofsviertel. „Der Tagestreff soll eigentlich als Schutzraum dienen, obdachlosen Menschen die Möglichkeit bieten, mal durchzuschnaufen und zur Ruhe zu kommen. Das war irgendwann nicht mehr möglich”, beschreibt Funk die Situation.

Henning Funk leitet das Diakoniezentrum "Weser5" im Frankfurter Bahnhofsviertel, in dem es Notübernachtungsplätze und einen Tagestreff gibt. | Foto: Rolf Oeser
Henning Funk leitet das Diakoniezentrum "Weser5" im Frankfurter Bahnhofsviertel, in dem es Notübernachtungsplätze und einen Tagestreff gibt. | Foto: Rolf Oeser

Konflikte untereinander hätten zugenommen, erklärt der Sozialarbeiter, irgendwann richtete sich die Gewalt auch gegen die Mitarbeiter:innen. „Wir haben Hausverbote ausgesprochen, aber das widerspricht dem Sinn unserer Arbeit." Deshalb ist inzwischen Sicherheitspersonal in die Arbeit des Tagestreffs eingebunden. „Das sind Leute, die auch in Clubs an der Tür stehen. Diese Männer sind gut ausgebildet.” Die deeskalierende Wirkung des Sicherheitspersonals in der täglichen Arbeit sei enorm, sagt Funk.

Aber warum hat die Gewalt unter Obdachlosen so zugenommen? Die Gründe seien vielfältig, erklärt Funk. Obdachlosigkeit ist eine extreme Lebensform. Viele Betroffene leiden unter psychischen Krankheiten, haben Suchtprobleme oder leiden an schweren Traumata. „Hinzu kommt ein permanenter Konkurrenzdruck. Es geht um Schlafplätze, um Schutzräume, um Geld”, sagt Henning Funk.

Zudem steigt die Zahl obdachloser Menschen stetig an, der Kampf um knappe Ressourcen nimmt deshalb zu. Wenn diese Menschen dann auf engem Raum zusammenkommen, können Konflikte schnell eskalieren.

Gleichzeitig haben laut Merle Stöver auch die Hass- und die politisch motivierte Kriminalität zugenommen. „Wir erkennen eine zunehmende Verrohung des öffentlichen Diskurses.” Abwertende Sprache senke die Hemmschwellen und könne schnell in Gewalt umschlagen.

Eigentlich sollte in Deutschland die Obdach- und Wohnungslosigkeit mit einem Aktionsplan der Bundesregierung bis 2030 abgeschafft werden, wozu das Europäische Parlament seine Mitgliedsstaaten aufgerufen hatte. Henning Funk vom Tagestreff „Weser5” kann bisher keine Fortschritte erkennen. „Steigende Mieten, fehlender sozialer Wohnungsbau und wachsende Armut verschärfen die Lage eher”, sagt er.


Autorin

Angela Wolf 139 Artikel

Angela Wolf ist Mitglied in der Redaktion des EFO-Magazins. Sie wurde 1978 in Aschaffenburg geboren. Heute lebt sie in Frankfurt am Main, wo sie Soziologie, Politikwissenschaften und Psychoanalyse studierte.

0 Kommentare

Zu diesem Artikel wurden noch keine Kommentare verfasst. Schreiben Sie doch den ersten.

Artikel kommentieren

Wir freuen uns, wenn unsere Beiträge zu Diskussion und Austausch beitragen. Dabei bitten wir, auf angemessene Umgangsformen zu achten und die Meinung anderer zu respektieren. Bei Verstößen gegen unsere Netiquette-Regeln behalten wir uns vor, Kommentare nicht zu veröffentlichen.

Mit * markierte Felder sind Pflichtfelder.

Errechnen Sie die Summe der dargestellten Zahlen
Captcha =