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Gottesdienst nach Gewalterfahrungen – für interessierte, betroffene, solidarische Menschen

Ein „Heilsamer Gottesdienst nach Gewalterfahrungen“ findet am Freitag, 1. Juli, um 17 Uhr, in der Markuskirche in Frankfurt-Bockenheim, Markgrafenstraße 14, statt. Eingeladen sind interessierte, betroffene und solidarische Menschen.

Die Pfarrerinnen Kristina Augst, Doris Joachim und Natalia Ende haben den "Heilsamen Gottesdienst" nach Gewalterfahrungen initiiert. | Foto: Rolf Oeser
Die Pfarrerinnen Kristina Augst, Doris Joachim und Natalia Ende haben den "Heilsamen Gottesdienst" nach Gewalterfahrungen initiiert. | Foto: Rolf Oeser

Wenn Menschen körperliche oder seelische Gewalt erleben, wirkt das häufig noch lange nach. Viele Emotionen sind mit solchen Erfahrungen verknüpft, auch Scham- und Schuldgefühle. Das macht es Menschen, denen Gewalt angetan wurde, oft schwer, darüber zu sprechen und das Erlebte zu verarbeiten. Deshalb laden Pfarrerin Kristina Augst vom Religionspädagogischen Institut und ihre Kolleginnen Doris Joachim und Natalie Ende aus dem Zentrum Verkündigung der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau zu einem besonderen Gottesdienst ein.

Es reiche nicht, wenn die Kirche im Notfall für Menschen da ist, die Gewalt erfahren haben, oder Präventionskonzepte entwickelt, ist Kristina Augst überzeugt: „Wir haben ihnen mehr anzubieten – zum Beispiel den Gottesdienst mit seiner Sprache und Ritualen und die erlebbare Gemeinschaft“. Für Menschen, die Gewalt erlebt haben, sei es sehr wichtig, wie die Gemeinschaft sich dazu verhält: Schaut das Umfeld nur zu, greift es ein, verurteilt es die Taten? Gibt es die Möglichkeit, das Erlebte in Worte zu fassen, zu benennen und wird die eigene Wahrnehmung gestärkt?

„Mir ist wichtig, dass sich die Kirche diesem Thema annimmt und dabei auch ganz klar positioniert“, sagt Kristina Augst. Sie findet es zum Beispiel problematisch, wenn bei diesem Thema eine Schuldverschiebung zwischen Täter:innen und deren Opfern versucht wird, nach dem Motto, dass zu einem Konflikt doch immer beide Seiten etwas beitragen würden. Stattdessen hält Kristina Augst es für die Pflicht der Kirche, deutlich „das Böse“ zu benennen und die Schuld und Verantwortung für das Geschehene „dorthin zu verorten, wohin sie hingehören“ – nämlich nicht bei den Opfern, sondern bei denjenigen, die anderen Menschen etwas angetan haben.

„Menschen laden im Leben unterschiedlich große Schuld auf sich“, sagt Augst. „Auch wenn wir alle Gottes Liebe brauchen: Es ist ein großer Unterschied, ob ich Menschen quäle und demütige, oder das nicht mache. Diese Differenz zwischen Täter:innen und Opfern gilt es, zu benennen.“

Aspekte wie Ursachenforschung, Verständnis für diejenigen, die, warum auch immer, in ihrem Leben zu Täter:innen wurden, sollen deshalb im heilsamen Gottesdienst keinen expliziten Raum haben. Man dürfe Opfer von Gewalt nicht mit der Forderung nach Vergebung im christlichen Sinne bedrängen, sagt Pfarrerin Augst. Ob Vergebung im Verlauf eines Heilungsprozesses möglich ist oder nicht, das mag individuell ein wichtiger Schritt sein. Es sollte aber nicht im Fokus christlicher Seelsorge stehen. Vielmehr sieht Augst die Aufgabe von Seelsorge darin, Menschen, die Gewalt erfahren haben, Halt zu geben, ihnen zu helfen, Gut und Böse zu unterscheiden, und schlussendlich auch den Blick wieder positiv auf das Leben und die eigene innere Kraft zu lenken. Möglicherweise folgt dann auch Vergebung als ein abschließender Schritt. Vielleicht werden aber auch die Schuld und der Umgang damit Gott überantwortet, was hilfreich sein kann, wenn die Täterseite in keiner Weise zur Versöhnung bereit ist.

Beim Heilsamen Gottesdienst am 1. Juli wird es „Stationen zum Gestärktwerden“ geben. Zum Beispiel eine Pinnwand, an der die Gottesdienstbesucher:innen auf Karten schreiben und benennen können, was sie beschwert und die Raum bietet, klagen zu dürfen. „Oft ist es schon ein sehr heilsamer Schritt, wenn es gelingt, nach solchen Erfahrungen sprachfähig zu werden“, erklärt Augst. Wer möchte, kann sich an einer weiteren Station segnen lassen und Bitten da lassen. Wieder eine andere Gottesdienststation nimmt die Ressourcen und Kraftquellen der Menschen in den Blick. Dabei sind natürlich alle Stationen freiwillig. Die Besucher:innen entscheiden selbst, wo sie aktiv mitmachen wollen und wo nicht. Es ist auch möglich, einfach nur zuzuhören und das Gesagte und Erlebte auf sich wirken lassen.

„Wir möchten vor allem miteinander beten, singen und feiern, Schmerzliches und Freudiges teilen“, sagt Kristina Augst, sodass die Besucher:innen persönlich und gemeinschaftlich gestärkt aus dem Gottesdienst nach Hause gehen. Die Pfarrerin weiß, dass bei einem Gottesdienst mit diesem Thema viele intensive Gefühle aufkommen können. Sie ist jedoch überzeugt: „Der persönliche Schmerz und Schrecken wird gehalten, weil er einen Rahmen hat.“

Zum diesem Rahmen des heilsamen Gottesdienstes ist auch eine besondere musikalische Begleitung geplant – und zwar durch Ursula Starke am Flügel und die Gruppe „Esquinas de Nuez“, die für Tango, Latin, Klezmer und eine Prise Swing sorgen werden. Im Anschluss an den Gottesdienst gibt es bei einem kleinen Imbiss die Möglichkeit, miteinander ins Gespräch zu kommen.


Informationen und Anmeldung:

Heilsamer Gottesdienst nach Gewalterfahrungen. Mit Stationen zum Gestärktwerden für interessierte, betroffene und solidarische Menschen: Freitag, 1. Juli, um 17 Uhr, in der Markuskirche in Frankfurt-Bockenheim, Zentrum Verkündigung der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, Margrafenstraße 14. Eine Anmeldung unter magdalene.hoehn@zentrum-verkuendigung.de ist für eine bessere Planung hilfreich. Es ist aber auch möglich, spontan zu kommen. Weitere Informationen bei Pfarrerin Doris Joachim, Telefon 069 71 37 91 17, E-Mail doris.joachim@zentrum-verkuendigung.de.

Dr. Kristina Augst ist Pfarrerin und Religionspädagogin und hat sich in ihrem Buch: „Auf dem Weg zu einer traumagerechten Theologie. Religiöse Aspekte in der Traumatherapie – Elemente heilsamer religiöser Praxis“ mit der theologischen Herausforderung durch Traumata beschäftigt.


Autorin

Sandra Hoffmann-Grötsch ist Journalistin in der Öffentlichkeitsarbeit der Evangelischen Kirche in Frankfurt und Offenbach.

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