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Corona als Durchlauferhitzer für die Kirche

Tiefgreifender Wandel der Kirchengemeinden gefordert

Kurt-Helmuth Eimuth ist Mitglied in der Redaktion des EFO-Magazins.  |  Foto: Tamara Jung
Kurt-Helmuth Eimuth ist Mitglied in der Redaktion des EFO-Magazins. | Foto: Tamara Jung

Schon lange wird hinter den Kulissen über strukturelle Reformen der evangelischen Kirchen gegrübelt. Dem Trend will man sich nicht einfach hingeben, und selbst wenn es unwiderruflich so sein wird, wie es prognostiziert ist, dass die evangelische Kirche bis 2060 auf die Hälfte ihrer heutigen Mitgliederzahl schrumpft, so bedarf es auch dann entsprechender Anpassungsprozesse. Die Dringlichkeit ist mit Corona allen vor Augen geführt. Die Folgen der Pandemie wirken wie ein Durchlauferhitzer. Als Folge der Kirchensteuereinbrüche werden in diesem Jahr die Einnahmen mindestens um zehn Prozent sinken, und wie es 2021 weitergeht ist völlig unklar.

Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) hat nach dreijähriger Beratung jetzt ein Reformpapier vorgelegt, das bei Umsetzung die Kirche radikal verändern würde. Zu Recht fragen die Autorinnen und Autoren: „Wie kommen wir aus der Defensive des Rückzugs, des Lockdowns, der sozialen Distanzierung heraus in die Offensive einer verantwortlichen und zugleich zuversichtlich gestaltenden Perspektive kirchlicher Gemeinschaft?“ Einer „palliativen Ekklesiologie“, wie es der rheinische Pfarrer Holger Pyka nannte und damit den unweigerlichen Niedergang der Organisation beschrieb, will sich die EKD nicht hingeben. In „11 Leitsätzen“ mit dem Titel „Kirche auf gutem Grund“ will man eine Kirche, die sich auf das Wesentliche konzentriert. Weit weg von dem einst propagierten „Wachsen gegen den Trend“ aus dem Impulspapier „Kirche der Freiheit“ von 2006 erkennt man nun die Realitäten an und möchte eine breite Diskussion initiieren, um organisatorisch zukunftsfähig zu sein.

Vieles könnte auch in einer Expertise einer Unternehmensberatung stehen. Dort stünde: Konzentration auf das Kerngeschäft (Gottesdienst und Kasualien), Kundenwünsche ernst nehmen (Gottesdienste zu unterschiedlichen Zeiten und unterschiedlicher Prägung), Kundenbindung aufrecht erhalten (temporäre Absenkung der Kirchensteuer) und neue Kundenkreise erschließen (Kooperationen fördern).

Vieles in dem Papier ist richtig und schon lange überfällig. Etwa die geforderte Entbürokratisierung und das Entschlacken der Gremienarbeit. Die institutionelle Gestalt der Kirche wird als „Hybrid“ aus Institution, Organisation und Bewegung beschrieben. „In ihrer institutionellen Gestalt gewährleistet Kirche durch die strukturelle Stabilität ihrer Ressourcen und Verwaltung die Verlässlichkeit kirchlicher Angebote, in ihrer organisatorischen Gestalt entwickelt sie kommunikative Strategien sowie Formate von Zugehörigkeit in einer säkularen Gesellschaft auch über ihre institutionellen Grenzen hinaus, und als Bewegung ist sie fähig zu schnellem, flexiblem, NGO-ähnlichem Vorgehen und agiert dezentral und gemeinschaftsorientiert in kleinen, aktiven Gruppen.“

Dazu bedarf es aber einer radikalen Abkehr der an den Wohnort gebundenen Zuordnung zu einer Kirchengemeinde, der Parochie. „Parochiale Strukturen werden sich wandeln weg von flächendeckendem Handeln hin zu einem dynamischen und vielgestaltigen Miteinander wechselseitiger Ergänzung.“ Das Gottesdienstangebot soll insgesamt kleiner und vielfältiger werden. Eine Tendenz, die in Frankfurt bereits sichtbar wird. Man will neue Formen von Gemeinde ausprobieren, die Angebote christlicher Lebensbegleitung sollen flexibler und individueller werden. Die Kirchengemeinde in ihrer heutigen Form wird ihre Dominanz verlieren. Wörtlich heißt es: „Die ‚Kirche im Dorf‘ und die Gemeinde im städtischen ‚Quartier‘ werden sich wandeln. Parochiale Strukturen werden ihre dominierende Stellung als kirchliches Organisationsprinzip verlieren. Es werden neue Formen der Versammlung um Wort und Sakrament entstehen; die Bedeutung situativ angepasster Formen wird zunehmen. Flexible Präsenz von Kirche an wechselnden Orten wird wichtiger werden als das klassische Modell einer ‚Vereinskirche‘ mit ihren statischen Zielgruppenangeboten.“ Solche Perspektiven diskutiert auch die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau (EKHN). Im Entwurf eines Zwischenberichtes zum Prozess EKHN 2030 steht etwa: „In Zukunft sind Ortsgemeinden – darin durchaus den Gemeinden in der frühen Christenheit vergleichbar – viel stärker als bisher in regionalen Netzen miteinander verbunden. Die Ausbildung von Profilen in der Region wird befördert, indem man sich über Schwerpunktsetzungen verständigt und sie gemeinsam auf möglichst vielen Kanälen bewirbt. Intensive Kooperationsformen der Gemeinden untereinander und Teamarbeit der beruflich Tätigen werden selbstverständlich. Begabungen dürfen sich stärker ausprägen und wechselseitig ergänzen.“

Der Pfarrer, die Pfarrerin vor Ort, die für alles zuständig sind, sind passé. Doch braucht Glaube, auch die beispielhafte Vermittlung von Glauben, die persönliche Bindung. Alle Mitgliedschaftsstudien der EKD belegen die zentrale Rolle der Pfarrpersonen. Es ist eben etwas anderes, ob der Pfarrer, die Pfarrerin zum Geburtstag gratuliert oder ob jemand vom Besuchsdienst kommt. Die hier diskutierten Vorstellungen von Gemeinde gehen von dem jungen, urbanen und mobilen Kirchenmitglied aus. Aber ist es nicht eine Stärke der Kirche, dass sie eben bis in den kleinsten Sozialraum hinein präsent ist? Dort wo sich der Metzger und die Sparkasse längst zurückgezogen haben, ist die Kirche noch da. Die Kirche muss unter dem Diktat des Sparzwangs einen Spagat aus „Vereinskirche“ und moderner Bewegung hinbekommen. Die Diskussion ist spätestens jetzt eröffnet.


Autor

Kurt-Helmuth Eimuth ist Mitglied in der Redaktion von "Evangelisches Frankfurt und Offenbach". Mehr über den Publizisten und Erziehungswissenschaftler ist auf www.eimuth.de zu erfahren.