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Klar, vehement und streitbar - Die frühere Frankfurter Pröpstin Helga Trösken ist gestorben

Am vergangenen Sonntag, 1. September 2019, starb die langjährige Pröpstin für Rhein-Main, Helga Trösken. Die streitbare Theologin galt weltweit als Pionierin in vielen Feldern der evangelischen Kirche. Die Trauerfeier findet am Dienstag, 10. September, 15 Uhr in der Langener Stadtkirche (Wilhelm-Leuschner-Platz) statt.

Eine Pionierin: die frühere Pröpstin Helga Trösken  I  Foto: Rolf Oeser
Eine Pionierin: die frühere Pröpstin Helga Trösken I Foto: Rolf Oeser

Die Evangelische Kirche in Frankfurt und Offenbach trauert um die frühere Pröpstin Helga Trösken, die am 1. September 2019 im Alter von 77 Jahren gestorben ist. Die gebürtige Frankfurterin war von 1987 bis zu ihrem Ruhestand im Jahr 2006 zunächst Pröpstin für Frankfurt, später für die erweiterte Propstei Rhein-Main. Stadtdekan Achim Knecht würdigte die Theologin als eine „Persönlichkeit, die als Pröpstin in gesellschaftlichen und kirchlichen Fragen vehement und mit klaren und offenen Worten die christliche Botschaft vertreten hat. Sie folgte dabei stets ihrer inneren Überzeugung und war daher auch immer streitbar und unbequem, was gelegentlich zu Kontroversen führte. Wenn sie zu einem Thema Position bezogen hatte, konnte man sich stets darauf verlassen, dass sie auch dabei blieb.“

Die Auffassung Tröskens, dass sich die Kirche bei politischen und sozialen Fragen einzumischen habe, blieb kirchlich und außerkirchlich nicht ohne Widerspruch. Als zum Beispiel 1997 die Ausstellung „Verbrechen der Wehrmacht“ in Frankfurt gezeigt wurde, forderte sie die Kirchengemeinden auf, die Ausstellung zu besuchen und ihre Vergangenheit in der Zeit des Nationalsozialismus aufzuarbeiten. Bei den Demonstrationen des Römerbergbündnisses marschierte sie in erster Reihe mit und bezog in ihren Reden unmissverständlich Position gegen jede Form von Rechtsextremismus und Antisemitismus. Ob es um Arbeitslosigkeit ging, Sozialabbau oder den Umgang mit obdachlosen Menschen in Frankfurt, sie meldete sich bei politischen Fragen mit eindeutigen Positionen zu Wort. Als die Stadt Frankfurt beschloss, dass der Weihnachtsmarkt bereits vor dem Ewigkeitssonntag eröffnet wird, lief sie verärgert über den Römerberg und suchte die damalige Oberbürgermeisterin Petra Roth auf, um dagegen zu protestieren. Mit Erfolg. Und zusammen mit dem katholischen Stadtdekan Raban Tilmann setzte sie sich gegen die verkaufsoffenen Sonntage ein und erreichte, dass an den Sonntagen im Advent die Geschäfte geschlossen blieben.

Besonders wichtig war Helga Trösken von Anfang an die Gleichstellung der Frau in der Kirche. Als die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau im Jahr 1971 endlich Frauen und Männer im Pfarrdienst gleichstellte, war Trösken bereits Pfarrerin in Langen und hatte hier mit vielen Vorbehalten zu kämpfen. Bei ihrer ersten Beerdigung in Langen wurde ihr zum Beispiel hinterhergerufen „Das Weib schweige in der Gemeinde“. Auch nach ihrer Wahl zur Pröpstin im Jahr 1987 – sie war damals die erste Frau, die in ein bischöfliches Amt in Deutschland gewählt wurde – hatte sie mit Kritik und Vorbehalten zu kämpfen. Allerdings sparte sie auch nicht mit Kritik in der ihr eigenen Art. 1997 bescheinigte Helga Trösken jungen Pfarrerinnen fehlende „politischer Power“ und „einen Rückzug auf das eigene Kuschel-Ego“. Sie hat als Pfarrerin und Pröpstin Frauen in der Kirche unterstützt und gefördert und Netzwerke aufgebaut. Auch für homosexuelle Pfarrerinnen und Pfarrer hat sie sich öffentlich und innerkirchlich eingesetzt. Trösken vertrat gegenüber Kirchengemeinden die klare Position, dass nur die Qualität der Arbeit einer Pfarrerin oder Pfarrers zähle und nicht die sexuelle Orientierung.

Als Pröpstin war Trösken aber auch eine einfühlsame Seelsorgerin für die Pfarrerinnen und Pfarrer in ihrer Propstei, die zuhören konnte, sich vor sie stellte, wenn es Probleme gab, und nach konstruktiven Lösungen suchte. „Mit Helga Trösken verliert die evangelische Kirche eine authentische und aufrechte Streiterin für die christliche Botschaft, die nicht taktierte, sondern wie ihr Vorbild Martin Niemöller fragte, „Was würde Jesus dazu sagen?“, und dann klar und deutlich Position bezog“, so Stadtdekan Achim Knecht. Auch wenn das so manchem Menschen in Kirche und Gesellschaft nicht passte.

Zur Person
Helga Trösken wurde am 7. April 1942 in Frankfurt geboren. Von 1962 bis 1967 studierte sie Theologie in Frankfurt, Berlin, Heidelberg und Mainz. Nach der praktischen Ausbildungszeit als Vikarin in Dillenburg arbeitete sie ein knappes Jahr lang im Ökumenischen Institut in Bossey/Schweiz und beim Ökumenischen Rat der Kirchen (ÖRK) in Genf und absolvierte ein Praktikum in einer ökumenischen Gemeinde in London. Anschließend war Trösken von 1970 bis 1988 insgesamt 18 Jahre lang Gemeindepfarrerin in Langen/Hessen. Dann wählte die Synode der EKHN sie zur ersten Pröpstin, die zunächst für Frankfurt und später für die erweiterte Propstei Rhein-Main zuständig war. Trösken war von 1997 bis zu ihrem Eintritt in den Ruhestand im April 2006 auch Mitglied der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland. Für viele Jahre stand sie dort dem früheren Ausschuss „Kirche, Gesellschaft, Staat“ vor. Sie war einem breiten Publikum auch als Autorin von Verkündigungssendungen im Hessischen Rundfunk bekannt. Trösken lebte zuletzt im südhessischen Langen (Landkreis Offenbach). Sie starb am 1. September 2019 im Alter von 77 Jahren im Frankfurter Nellinistift, einer Betreuungseinrichtung im Verbund der Diakonie.

Die Trauerfeier findet am Dienstag, 10. September, 15 Uhr in der Langener Stadtkirche (Wilhelm-Leuschner-Platz) statt. Sie wird auf Wunsch von Helga Trösken von Heidrun Dörken, Senderbeauftragte der evangelischen Kirchen beim Hessischen Rundfunk, gehalten.


Verfasst von

Ralf Bräuer 13 Artikel

Ralf Bräuer ist Leiter der Redaktion von "Evangelisches Frankfurt und Offenbach" und der Öffentlichkeitsarbeit der Evangelischen Kirche in Frankfurt und Offenbach

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