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Die Freude am Pfarramt hält an

Die Pfarrerin der Evangelischen Sankt Paulsgemeinde Andrea Braunberger-Myers verabschiedet sich nach 37 Jahren und übernimmt Aufgaben in der Wetterau.

Pfarrerin Andrea Braunberger-Myers bei der Aufnahme der Sankt Paulsgemeinde in die Nagelkreuzgemeinschaft I Foto: Rolf Oeser
Pfarrerin Andrea Braunberger-Myers bei der Aufnahme der Sankt Paulsgemeinde in die Nagelkreuzgemeinschaft I Foto: Rolf Oeser

„Das Herz der Alten Nikolaikirche schlägt seit dem 1. Januar ein wenig anders“, schreibt Martin Hunscher, Vorsitzender des Kirchenvorstands der Evangelischen Sankt Paulsgemeinde, im aktuellen Gemeindebrief – erfüllt von „Dankbarkeit und Wehmut“. Pfarrerin Andrea Braunberger-Myers hat nach 37 Jahren als Pfarrerin auf dem Römerberg in die Wetterau gewechselt – offiziell zum Jahresbeginn, tatsächlich beginnt sie dort am 1. März. Dazwischen liegen Urlaubstage in den USA mit ihrem Mann, dem ehemaligen Stadtkirchenpfarrer Jeffrey Myers, sowie Tage des Übergangs.

Die Stelle als Gemeindepfarrerin und Stadtkirchenpfarrerin der Evangelischen Sankt Paulsgemeinde ist ausgelaufen. Braunberger-Myers, 1958 in Bad Homburg geboren, könnte sich eigentlich in den Ruhestand verabschieden. „Aber ich bin noch fit und ich liebe meinen Beruf“, sagt die Theologin. In der Wetterau wird sie künftig in verschiedenen Gemeinden Dienste übernehmen und in Fragen der Stadtkirchenarbeit beraten – etwa in Bad Nauheim.

Der Frankfurter Römerberg: Er ist touristisches Zentrum, Sitz des Rathauses, Standort der Evangelischen Akademie Frankfurt und des Historischen Museums, Versammlungsort für Demonstrationen und Tummelplatz für Volksfeste – allen voran des Weihnachtsmarktes. Die Lage der Alten Nikolaikirche auf dem Platz: mehr Innenstadt geht kaum.

Rund 100.000 Menschen besuchen jährlich die tagsüber geöffnete Alte Nikolaikirche. Braunberger-Myers hat sich oft dazwischengesetzt, beobachtet, wer kommt, was die Menschen suchen – und ließ sich gern ansprechen. Am Konzept der Landeskirche zur Stadtkirchenarbeit hat sie mitgearbeitet, auch als langjährige stellvertretende Dekanin in der Frankfurter Innenstadt. Das inzwischen zur Tradition gewordene gemeinsame Singen von drei Weihnachtsliedern mit tausenden Menschen auf dem Römerberg nach dem Großen Stadtgeläute an Heiligabend war ihre Idee.

Lange waren zwei unterschiedliche Sonntagsgottesdienste in der Paulsgemeinde die Regel. Auf rund 4.000 Gottesdienste sei sie im Lauf der Jahrzehnte gekommen, berichtet die Pfarrerin – in der Alten Nikolaikirche und an anderen Standorten. Gelegentlich schlossen sich an die Gottesdienste Gedenkgänge an, manchmal mit ihrem Mann. Ausgangspunkt war oft der Gerechtigkeitsbrunnen auf dem Römerberg. Dabei wurde zum Beispiel an die Bücherverbrennungen 1933 erinnert oder an die demokratischen Wurzeln der Paulskirche.

Gedenkmomente an die Zerstörung der Frankfurter Altstadt hat Braunberger-Myers in verschiedenen Konstellationen, auch in ökumenischer Form und in Zusammenarbeit mit der Stadt, begleitet. „Hier war fast alles kaputt nach den Bombardements 1944“, erwähnt sie – einschließlich der Paulskirche, der ehemaligen Gemeindekirche der Paulsgemeinde. Die Fünfzigerjahre-Bauten entlang der Berliner Straße, der Kurt-Schumacher-Straße und der Fahrgasse zeugen vom Wiederaufbau. Aus Geflüchteten und Menschen, die in Frankfurt ihre Bleibe verloren hatten, setzte sich die Paulsgemeinde nach dem Zweiten Weltkrieg weitgehend zusammen, so die Pfarrerin. In vielen Seelsorgegesprächen konnte sie deren seelische Verletzungen bis heute spüren.

Für Andrea Braunberger-Myers war die Aufnahme der Alten Nikolaikirche in die Nagelkreuzgemeinschaft im Herbst 2025 ein Herzensanliegen. Dieses christliche Bündnis erinnert an die Zerstörung der Kathedrale von Coventry. Aus Nägeln des 1940 zerbombten englischen Dachstuhls entstand ein Friedenssymbol, das seitdem um die Welt geht.

Anlässlich der Eröffnung der „Neuen Altstadt“ 2019 hat Braunberger-Myers auf die Zerstörungen 1944 hingewiesen. Sie sieht Kirche „mittendrin“, gleichzeitig auch als ein Gedächtnis der Stadt - und da gehört das dazu. Erst recht, da die Paulsgemeinde zusammen mit der Evangelischen Indonesischen Kristusgemeinde Rhein-Main – mit der sie seit Jahrzehnten kooperiert – in der Neuen Altstadt 2020 ihr Gemeindehaus bezogen hat.

Nicht weit ist es bei solchen Adressen von der Kirche zur Politik. Braunberger-Myers’ Draht ist kurz. Die Pfarrerin bleibt diskret. In diesem Sinn hat sie über die Jahrzehnte die Nachbarschaft gepflegt. Doch einmal wurde es ihr zu bunt – als die Stadt entschied, dass der Weihnachtsmarkt auf dem Römerberg schon vor dem Totensonntag eröffnete. Die Gemeinde engagierte daraufhin einen Schauspieler im Hasenkostüm, der vom Kirchturm winkend Beliebigkeit symbolisierte – eine Aktion mit Witz und doch deutlicher Botschaft, ganz nach dem Geschmack von Andrea Braunberger-Myers.

Die Pfarrerin versteht es zu feiern: Am Freitag, 27. Februar, um 16 Uhr wird sie von Stadtdekan Holger Kamlah in der Heiliggeistkirche am Dominikanerkloster verabschiedet – die Plätze der kleinen Alten Nikolaikirche würden nicht ausreichen. Anschließend schippert die Festgesellschaft mit der Primus-Linie über den Main. Reederin Marie Nauheimer gehört dem Kirchenvorstand an. Braunberger-Myers freut sich auf die Menschen an Bord – und auf die Frankfurter Umrisse als Kulisse.


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Bettina Behler 400 Artikel

Bettina Behler, Medieninformation Evangelische Öffentlichkeitsarbeit Frankfurt und Offenbach