Aktuelles

Empowerment im Kleinen: DRIN-Projekte sollen Armut lindern und Gemeinschaft stiften

Mit ihren so genannten „DRIN“-Projekten will die evangelische Kirche etwas gegen zunehmende Armut und soziale Ausgrenzung in Stadtteilen und Nachbarschaften unternehmen. Die Bilanz nach fünf Jahren zeigte: Es ist durchaus gelungen, Armut zu lindern und Gemeinschaft zu stiften. Die Probleme strukturell anzugehen, stellt sich als etwas schwieriger heraus.

Zogen Bilanz nach fünf Jahren "DRIN": Daniel Wegner von der Hochschule Hannover, der die einzelnen Projekte besucht hat, die stellvertretende Kirchenpräsidentin Ulrike Scherf und Projektleiterin Margarete Reinel (v.l.n.r.). | Foto: Stefanie von Stechow
Zogen Bilanz nach fünf Jahren "DRIN": Daniel Wegner von der Hochschule Hannover, der die einzelnen Projekte besucht hat, die stellvertretende Kirchenpräsidentin Ulrike Scherf und Projektleiterin Margarete Reinel (v.l.n.r.). | Foto: Stefanie von Stechow

Mit ihren so genannten „DRIN“-Projekten will die evangelische Kirche etwas gegen zunehmende Armut und soziale Ausgrenzung in Stadtteilen und Nachbarschaften unternehmen. Die Bilanz nach fünf Jahren zeigte: Es ist durchaus gelungen, Armut zu lindern und Gemeinschaft zu stiften, aber nicht, Probleme strukturell anzugehen.

Alle zusammen statt jeder für sich: Vor fünf Jahren startete die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) die Initiative DRIN. DRIN steht für „Dabei sein, Räume entdecken, Initiativ werden, Nachbarschaft leben“ und will mit niedrigschwelligen Angeboten vor Ort gegen wachsende Armut und Ausgrenzung angehen. Dabei suchen die DRIN-Angebote die Zusammenarbeit von Kirche, Diakonie, Kommunen, Vereinen und engagierten Bürgerinnen und Bürgern. Auf diese Weise entstanden in Hessen-Nassau in den vergangenen fünf Jahren 27 DRIN-Projekte, vier davon in Frankfurt und eines in Offenbach.

Über zwei davon haben wir bereits berichtet:
Das Repaircafé in Hausen
Die Geschichtswerkstatt in Preungesheim

Die einzelnen Projekte sind sehr unterschiedlich, das Spektrum von Begegnungscafés für Geflüchtete über gemeinsame Mittagstische oder Geschichtswerkstätten bis zu Jugend- und Senioren-Workshops und einem Einkaufs-Bus in einer ländlichen Region.

Zu einer ersten Evaluation des Projektes trafen sich etwa 120 Fachleute und Aktive unter dem Titel „Church, Community&Care“ in der Evangelischen Akademie Frankfurt. Nach der Begrüßung von Projektleiterin Margarete Reinel umriss Christian Schwindt, der Leiter des Zentrums Gesellschaftliche Verantwortung der EKHN, die Bedeutung des noch ungewohnten Zusammenarbeitens von Kirche, Diakonie und kommunalen Akteuren. Drei Trends seien zu verzeichnen: Individualisierung, Pluralismus und Säkularisierung.

Was in dem einen Stadtteil funktioniere, funktioniert deshalb woanders noch lange nicht. Schwindt stellte eine neue Datenbank der EKHN vor, die auf Basis verschiedener Quellen eine Analyse der jeweiligen Sozialräume ermöglichen soll. Erst wenn der Bedarf vor Ort ermittelt sei, könne man sich an die die Vernetzung von Kirchengemeinden, diakonischen Einrichtungen, kommunalen Trägern und Vereinen machen. So können alle verfügbaren Ressourcen genutzt werden, um sich „zielgerichtet“ um einen Sozialraum kümmern.

Innerkirchlich ist vor allem die Zusammenarbeit von Kirchengemeinden und Diakonischen Werken noch neu und ungewohnt. Das war auch ein Schwerpunkt der Analyse von Professor Alexander Dietz von der Hochschule Hannover. Dietz und sein Assistent Daniel Wegner stellten Zahlen und Umfrageergebnisse vor, die ergeben haben, dass die Zusammenarbeit von nicht-kirchlichen Partnern und Diakonie in vielen Teilprojekten offenbar besser klappte als die Zusammenarbeit von Kirchengemeinde und Diakonie.

Trotzdem bewerteten die meisten Akteurinnen und Akteure die Kooperation überwiegend als positiv. Die Arbeit von Gemeinden und Diakonie sei in ihren Gemeinden oder Stadtteilen sichtbarer geworden und habe Anerkennung gefunden. Die Zusammenarbeit mit den Kommunen hat es möglich gemacht, dass drei Viertel der Projekte auch nach dem Anstoß durch die DRIN-Initiative weitergeführt werden können.

Ein umstrittenes Thema blieb die Frage, ob die DRIN-Projekte entgegen der ursprünglichen Zielsetzung von Armutsbekämpfung und Armutslinderung nicht nur armutslindernd wirken. Sie verbessern zwar die Situation von Betroffenen, ändern aber nichts Grundlegendes an den Strukturen der Probleme. Das bestätigten auch die Auswertungen von Dietz und Wegner: In den meisten Projekte gelänge die Linderung von finanzieller Armut, viele dienten auch der Linderung von sozialer oder spiritueller Armut. Aber der Anspruch, die Strukturen und Ursachen zu bekämpfen, die Armut hervorbringen, sei deutlich schwerer zu erfüllen. Allerdings brauche so etwas auch wesentlich mehr Zeit.

Daniel Wegner, der die einzelnen Projekte vor Ort besucht hatte, fand, dass die Rückmeldungen positiv stimmen: „Die DRIN-Projekte fördern ein großes Potential an ehrenamtlicher Arbeit zutage, das gibt gerade sozial Benachteiligten eine Aufgabe, ein Gefühl der Sinnhaftigkeit.“ Viele Projekte befähigten die Menschen zu mehr Selbständigkeit, sozialer Teilhabe und Selbstvertrauen. „Da kommt es durchaus zu einem Empowerment im Kleinen.“


Autorin

Stefanie von Stechow ist Mutter von vier Kindern und freie Journalistin. Sie schreibt über Themen aus Familie, Bildung und Gesellschaft.

0 Kommentare

Zu diesem Artikel wurden noch keine Kommentare verfasst. Schreiben Sie doch den ersten.

Artikel kommentieren

Lebhafte Diskussionen sind interessant, können aber manchmal die Gemüter erhitzen. Bitte achten Sie auf einen angenehmen Umgangston und vermeiden Sie verbale Angriffe auf andere Kommentatoren. Die Redaktion behält sich vor, unangebrachte Kommentare nicht zu veröffentlichen.

Mit * markierte Felder sind Pflichtfelder.