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Evangelischer Fachtag übt Kritik an Kommerzialisierung des Sports

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Der Sport in den Fängen wirtschaftlicher und politischer Interessen stand im Mittelpunkt eines evangelischen Fachtags mit Sportlerinnen, Wissenschaftlern, Vorständen und Theologen in der Evangelischen Akademie Frankfurt.

Foto: Emilio Garcia / Unsplash.com
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Der Sport muss nach den Worten des Philosophen Volker Schürmann vor weiterer Kommerzialisierung geschützt werden. Sportveranstaltungen dürften auch ein Geschäft sein und Geld einbringen, sagte der Professor der Deutschen Sporthochschule Köln in der Evangelischen Akademie Frankfurt. Aber die „Logik des Geschäfts“ dürfe nicht „übergriffig gegenüber der Logik des Sports“ werden.

Schürmann führte auf dem vierten sportethischen Fachtag der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) „Zwischen Kultur und Kommerz: Was ist der Sport uns wert?“ als negatives Beispiel das Gesundheitswesen an: Wenn Kliniken Gewinne machen müssten, führe dies zu Arbeitsverdichtung und Nachteilen in der Patientenbetreuung. Wenn sich Vereine im Profisport über ihren großen Finanzetat Vorteile beim Wettbewerb verschafften oder wenn aus Olympischen Spielen ein Riesengeschäft gemacht werde, widerspreche dies dem Grundgedanken des Sports, bekräftigte der Sportbeauftragte der EKD, der hessen-nassauische Kirchenpräsident Volker Jung. Darüber hinaus sei es keine gute Entscheidung gewesen, die Fußball-WM dieses Jahr in Katar austragen zu lassen. Ebenfalls sei die Fußball-WM 2018 in Russland von dessen Präsident Wladimir Putin instrumentalisiert worden.

Jung bezeichnete den Ausschluss russischer Sportlerinnen und Sportler von internationalen Wettbewerben zurzeit als richtig. Auch wenn dies Sportler treffe, die die Politik ihrer Regierung nicht unterstützten: „Es ist ein Weg, der Aggression entgegenzutreten.“ Der Sport stehe für gutes menschliches Zusammenleben und habe eine völkerverbindende und friedensstiftende Kraft. Zu dessen Förderung und Eindämmung des Missbrauchs bringe die evangelische Kirche Fachleute miteinander ins Gespräch. „Die Kirche ist kein moralischer Besserwisser“, sagte der Kirchenpräsident.

Fußballvereine dienten als Projektionsfläche für viele politische Erwartungen, kritisierte der Vorstandssprecher der Eintracht Frankfurt Fußball AG, Axel Hellmann. „Überfrachtet den Profifußball nicht mit Erwartungen“, warnte er. In erster Linie müsse ein Verein sportlich erfolgreich sein. Daneben sei die grundlegende Haltung wichtig. Politische Erwartungen könnten sich schnell wenden: Gegen die Vergabe der Fußball-WM 2022 nach Katar habe es bis jüngst Boykott-Überlegungen gegeben, jetzt fädele der Bundeswirtschaftsminister dort zukunftsweisende Geschäfte ein. 2018 habe es kein Problem mit der WM in Russland gegeben, jetzt werde das Land boykottiert. Hellmann wandte sich dagegen, Sportler von Wettbewerben auszuschließen: „Die Welt ist nicht so einfach.“

Der Sportwissenschaftler an der Technischen Universität Kaiserslautern, Arne Gülich, relativierte auf der Veranstaltung den Erfolg der Talentförderung im Jugendsport. Die Wirkungen der Fördermaßnahmen seien teilweise unerforscht, und wenn erforscht, dann teilweise widerlegt, berichtete er. Von den geförderten Jugendlichen im U16- und U17-Alter kämen nur elf Prozent später im Spitzensport an, und von den Spitzensportlern seien nur 18 Prozent vorher im U16- und U17-Alter als Talent gefördert worden. „Zentrale Prämissen der Talentförderung sind unzutreffend“, sagte der Sportwissenschaftler. Er plädierte für eine Talentförderung erst in höherem Alter und erinnerte Erwachsene an ihre Verantwortung gegenüber Jugendlichen.

„Der Sport hat mir das Leben gerettet“, bekannte die mehrfache Olympiasiegerin im Para-Schwimmen, Kirsten Bruhn. Die Leistungsschwimmerin ist seit einem Verkehrsunfall im Alter von 21 Jahren inkomplett querschnittgelähmt und sitzt im Rollstuhl. „Der Sport hat das aus mir herausgeholt, was noch trainierbar ist, und das andere hat er nicht zum Thema gemacht“, lobte sie. Bei den Paralympics sei die Versehrtheit der Athletinnen und Athleten in Ordnung. Auf der Straße hingegen starrten Fremde sie im Rollstuhl an. „Warum fragt man nicht, wie es mir geht, sondern: Wie ist es passiert?“, fragte sie. „Permanent wird mir Hilfe angeboten, das nervt.“ Die Wertschätzung des Sports sollte in der Gesellschaft ankommen: „Ich will nicht hilfebedürftig wirken, sondern als normales Mitglied der Gesellschaft gesehen werden.“


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