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Für eine Kirche mit Anderen

Von 1993 an war Pfarrer Jürgen Mattis für die hiesige evangelische Kirche tätig. Am 16. Dezember verabschiedet sich der Theologe, der zuletzt den Fachbereich I: Beratung, Bildung, Jugend des Evangelischen Regionalverbandes Frankfurt und Offenbach leitete, in den Ruhestand.

Jürgen Mattis: über Jahrzehnte prägend für evangelisches Wirken in die Gesellschaft I Foto: Goy Le
Jürgen Mattis: über Jahrzehnte prägend für evangelisches Wirken in die Gesellschaft I Foto: Goy Le

Jürgen Mattis, Oberkirchenrat und Leiter des Fachbereich I: Beratung, Bildung, Jugend, nahm im Dezember in der Jugendkulturkirche sankt peter nach fast 30 Jahren Abschied vom Evangelischen Regionalverband Frankfurt und Offenbach. Eine bewegte Zeit, die nicht immer ohne Konflikte war. Mattis ist ein Mensch, der für seine Überzeugungen einsteht. Etwa, als er status- und obdachlosen „Lampedusa-Flüchtlingen“ unter den Mainbrücken half und diese von 2013 bis 2015 aus eigenen Mitteln seines Fachbereichs in der Gutleutkirche betreuen ließ. Oder als er sich 1995 mit einer Klage vor dem Verwaltungsgericht erfolgreich gegen einen Magistratsbeschluss der Stadt Frankfurt zur Schließung des Jugendhauses Am Heideplatz wehrte.

Nach seinem Vikariat in der Pfingstkirchengemeinde in Griesheim arbeitete der studierte Theologe und Soziologe zunächst als Gefängnisseelsorger in der U-Haftanstalt-Preungesheim, dann als Gemeindepfarrer in Neu-Isenburg. Im Jahr 1993 kehrte Jürgen Mattis als Stadtjugendpfarrer nach Frankfurt zurück – seine Heimatstadt, die er als ehemaliger Taxifahrer wie seine Westentasche kennt. Mit dem Umbau der Sankt Peterskirche zu einer Jugendkulturkirche verwirklichte Mattis in dieser Zeit eines seiner größten Projekte als Stadtjugendpfarrer. „Wir wollten die evangelische Kinder- und Jugendarbeit aus den Kellerräumen holen und wieder im Kulturbetrieb mitmischen“, so Mattis zur feierlichen Eröffnung 2007 nach über zehn Jahren Projektentwicklung. Im Jahr 1999 wurde Jürgen Mattis dann Leiter des Fachbereich I: Kinder und Jugend im Evangelischen Regionalverband und übernahm im Jahr 2008 nach erneuter Organisationsentwicklung den erweiterten Fachbereich I: Beratung, Bildung, Jugend.

Das Ziel, Menschen auf ihrem Weg in ein selbstbestimmtes Leben zu unterstützen, zieht sich wie ein roter Faden durch Jürgen Mattis‘ Leben. In seiner Dienstzeit entwickelte er mehr als 90 Einrichtungen und Projekte zur Begleitung und Bildung von jungen Menschen, Menschen in Notsituationen und Menschen, die von gesellschaftlicher Teilhabe ausgeschlossen sind. So gründete er 1995 mit dem Evangelischen Verein für Jugendsozialarbeit in Frankfurt am Main e.V., dessen Vorsitzender er seit 1995 war, erfolgreich eine Produktionsschule nach dänischem Vorbild, die an der Schule gescheiterten Jugendlichen externe Schulabschlüsse und Zugang in eine duale Ausbildung ermöglicht. Im Jahr 2012 rief er das Mentorenprogramm SOCIUS ins Leben, in dem bis heute 250 ehrenamtliche Mentor*innen ausgebildet wurden, die Migrant*innen und Geflüchtete bei der Integration in Deutschland begleiten.

Theologisch trat Mattis immer für eine „Kirche mit Anderen“ ein. Dieser Grundsatz prägte seine Arbeit in mehrfacher Weise: Er förderte die Zusammenarbeit mit anderen Trägern. Wie etwa beim Aufbau des Psychosozialen Verbundes Rhein Main, der Geflüchteten psychosoziale und psychotherapeutische Beratung bietet, oder durch die Zusammenarbeit des Täter-Opfer-Ausgleichs mit Staatsanwaltschaft und Polizei in den Häusern des Jugendrechts. Zur Begleitung junger Familien etablierte er ein Netzwerk von kooperierenden Familien- und Beratungszentren in Frankfurt und Offenbach, deren Angebote an alle Menschen, unabhängig von ihrer Herkunft oder Religionszugehörigkeit offenstehen. „Evangelisch arbeiten in der heutigen Stadtgesellschaft entscheidet sich für mich an einer inneren Haltung und Wertorientierung, die sich Anderen öffnet und das Zusammenleben sucht", so der Standpunkt von Jürgen Mattis.


Autorin

Elisa Naderi 7 Artikel

Öffentlichkeitsarbeit, Fachbereich I: Beratung, Bildung, Jugend des Evangelischen Regionalverbandes Frankfurt und Offenbach.