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Hilfe, mein Nachbar hat Besuch!

Was tun, wenn Leute sich nicht an Kontaktsperren und Abstandsregeln halten? Augenmaß halten! Denn die Coronakrise darf uns nicht zu Denunzianten machen.

Gerade in der Corona-Krise ist es wichtig, dass nicht jeder guckt, ob der Nachbar auch alles richtig macht.  |
Gerade in der Corona-Krise ist es wichtig, dass nicht jeder guckt, ob der Nachbar auch alles richtig macht. | Bild: http://www.unsplash.com

Neulich im Frankfurter Günthersburgpark. „Guten Tag, hier spricht die Polizei!“ tönt es aus einem Megafon. Jogger verlangsamen den Schritt, Spaziergängerinnen bleiben stehen. „Alles in Ordnung. Wir wollen uns nur bei Ihnen bedanken, dass Sie die Abstandsregeln so gut einhalten“, geht der Text weiter.

Puh. Okay. Danke! Endlich sagt es mal jemand. Denn ja, wir machen das eigentlich alle gut, haben uns in der Surrealität der Corona-Krise vielleicht nicht in einem Feuerwerk der guten Laune, aber doch so halbwegs okay eingerichtet. Traurig, wenn die Großeltern zum Geburtstag der Enkel nur zum Fensterbesuch vorbeikommen können. Interessant, wer alles noch alte Nähmaschinen im Keller hat, und jetzt eifrig Mundschutzmasken in farbenfrohen Motiven näht.

Doch warum sind die Sozialen Netzwerke immer noch so voller Unkenrufe? Warum steht das Telefon des Ordnungsamtes nicht still, weil jemand gesehen hat, wie ein Auto mit Offenbacher Kennzeichen auf einmal vor dem Haus der Frankfurter Nachbarn parkt? Wie sich abends drei Jugendliche auf einer Decke im Park versammeln? Oder in der Hochhaussiedlung ein Pulk Kinder an der Wäschestange turnt? Die Corona-Krise bringt bei manchen von uns ganz schlechte Seiten zum Vorschein. Wir können dem blöden Nachbarn nun endlich mal eins auswischen, weil er schon wieder eine laute Party feiert – wie krass ist das denn?

Es ist vermutlich illusorisch anzunehmen, dass sich hundert Prozent aller Menschen hundertprozentig an die Regeln zur sozialen Distanz hält. Klappt ja bei der Mülltrennung, der Steuererklärung und den Geschwindigkeitsbegrenzungen auch nicht. Egoismus und Solidarität prallen im Corona-kriselnden Privatleben mit aller Macht aufeinander. Der Unterschied zur Mülltrennung: Es geht wirklich um Leben und Tod. Viele wollen helfen, fühlen sich durch Regelbrecher aber auch schnell selbst ungerecht behandelt. Denn was, wenn Ignoranz Leben gefährdet?

Wir erleben gerade eine moralisch ganz schwierige Gemengelage aus Angst und Lagerkoller, Pragmatismus, unterschiedlich ausgeprägtem Durchhaltewillen und ganz elementaren menschlichen Bedürfnissen. Manche Familie lebt fern von jeder Idylle. Manche Kinder gehen nicht nur sprichwörtlich die Wände hoch. Manche Menschen können einfach nicht mehr, haben keine Kraft, fühlen den anfänglichen „Wir-schaffen-das-Elan“ schwinden.  Und nicht jeder schaut jede Sondersendung, liest jeden Tag Zeitung. Wie zu anderen Zeiten auch.

„Das führt zu einer toxischen Gesellschaft. Weil jeder jetzt auf den anderen aufpasst und guckt, ob der sich richtig verhält“, erklärt der Soziologe Rafael Behr im Deutschlandfunk.  „Viele fühlen sich dann auch bemüßigt, das falsche Verhalten anzuzeigen und zu melden. Das ist ein schwieriges Verhältnis für offene Gesellschaften, in denen eigentlich ein relativ hohes Toleranzgebot herrscht. Das wird im Moment unterlaufen.“ Denn es fällt ja allen schwer, sich an die Regeln halten, und es ist mitunter mit hohen Kosten – materieller oder psychischer Natur – verbunden. Wenn wir dann sehen, dass sich andere nicht so verhalten und davon keinen sichtbaren Nachteil erfahren, ist das eben auch eine Zumutung.

Und trotzdem: Wir müssen da durch. Alle zusammen, mit unseren jeweiligen Unperfektheiten, unseren vorhandenen oder fehlenden Fähigkeiten zur Anpassung, unserer Mutlosigkeit, unserem Ärger, unserer unterschiedlich ausgeprägten Resilienz.

Die meisten strengen sich an, und das ist sichtbar. Über Ostern ballten sich Sonnensuchende weit weniger als befürchtet. Die Zahl der Maskenträgerinnen und Maskenträger wächst täglich. Und die Zahl der „Ach, ist doch wie die Grippe“-Verharmloser sinkt. Die Botschaft ist angekommen. Die neuen Zahlen aus dem Robert-Koch-Institut lassen einen kleinen Hoffnungsschimmer zu. Wir dürfen jetzt nicht nachlassen. Aber es geht nur gemeinsam – nicht gegeneinander.


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Anne Lemhöfer 71 Artikel

Anne Lemhöfer interessiert sich als Journalistin und Autorin vor allem für die Themen Kultur, Freizeit und Gesellschaft: www.annelemhoefer.de

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