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Inklusion – interreligiös gesehen

Erstmals wurde anlässlich des Protesttags zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderung zu einer Diskussions- und Infoveranstaltung eingeladen, in der es um das Thema in Judentum, Christentum und Islam ging. Klar wurde schnell: Die Ressourcen für Inklusion sind in den Religionen sehr unterschiedlich.

Die Sicht der Heiligen Schriften stellten dar: v.li. Ertugrul Sahin, Zenrum für islamische Studien, Rabbiner Jehoschua Ahrens und die Pfarrerinnen Susanna Faust Kallenberg und Gisela Egler-Köksal  I  Foto: Rolf Oeser
Die Sicht der Heiligen Schriften stellten dar: v.li. Ertugrul Sahin, Zenrum für islamische Studien, Rabbiner Jehoschua Ahrens und die Pfarrerinnen Susanna Faust Kallenberg und Gisela Egler-Köksal I Foto: Rolf Oeser

An den Ständen, in den Podiumsrunden – überall fiel am an diesem Nachmittag im Ökumenischen Zentrum Christuskirche das Wort „Premiere“. Erstmals werde in Frankfurt zwischen Muslimen, Juden und Christen „Inklusion und Interreligiöses“ miteinander verknüpft, hieß es allseits. Nicht zufällig war, dass just an diesem Tag zu Diskussionen, Informationen und Musik eingeladen wurde: Am 5. Mai findet seit 24 Jahren der Europäische Protesttag zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderung statt. Unterstützt wird er von der Aktion Mensch, die auch das Programm im Frankfurter Westend förderte.

Veranstalter des Tages der offenen Tür „#Auftrag Inklusion - Interreligiös“ am Beethovenplatz waren die Jüdische Volkshochschule, die Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland e.V. und die Evangelische Kirche in Frankfurt und Offenbach. Das Atelier Eastend, ein inklusives Kooperationsprojekt des Internationalen Bundes, in dem Judaica produziert werden, war im Foyer mit einem Stand vertreten, Informationen zur Kontaktstelle für Körperbehinderte und Langzeitkranke und anderen Angeboten der Diakonie Frankfurt und Offenbach waren erhältlich – und kulinarische Köstlichkeiten der christlichen Oromogemeinde, die auch im Ökumenischen Zentrum ansässig ist und mit großem Engagement diesen Tag unterstützte.

Inklusion in der Praxis - darüber diskutierten: Dinah Kohan, Zentralwohlfahrtsstelle der Juden, Moderatorin Bärbel Schäfer, Said Barkan, Vorsitzender des Zentralrats der Muslime Hessen und Sigrid Unglaub, Diakonie  I  Foto Bettina Behler
Inklusion in der Praxis - darüber diskutierten: Dinah Kohan, Zentralwohlfahrtsstelle der Juden, Moderatorin Bärbel Schäfer, Said Barkan, Vorsitzender des Zentralrats der Muslime Hessen und Sigrid Unglaub, Diakonie I Foto Bettina Behler

Theologische Parallelen – institutionell große Unterschiede

„Diese Veranstaltung ist ein erster Beginn“, so Dinah Kohan von der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland in der Diskussionsrunde zur Inklusionspraxispraxis. Wo sie in zehn Jahren stehen wolle, fragte hr-Moderatorin Bärbel Schäfer, die das Gespräch leitete: In zehn Jahren hofft sie, im Dialog mit den anderen Religionen zu diesem Thema, aber auch in ihrer Gemeinde weiter zu sein. Bisher gebe es nur erste Kooperationen, sie strebt an, dass die Jüdische Gemeinde in einer Dekade beispielsweise eine Wohngruppe oder auch Arbeitsplätze für Behinderte geschaffen hat. Said Barkan, Vorsitzender des Zentralrats der Muslime in Hessen, äußerte, „es gibt bei uns keinen Wohlfahrtsverband“, aber wenn er zehn Jahre weiterdenke, „soll auch bei uns die Träumerei gewagt werden“, dass ein solcher existiere.

„Die theologische Sicht ist in den drei Religionen durchaus ähnlich, die Strukturen und Traditionen sind aber ganz andere“, diesen Standpunkt vertritt Susanna Faust Kallenberg, Pfarrerin für Interreligiösen Dialog beim Evangelischen Stadtdekanat Frankfurt und Offenbach, die die Diskussion über die jeweiligen Heiligen Schriften und ihre Sichtweisen zu dem Thema moderierte und die zu dem Vorbereitungsteam des Tages gehörte. Hinsichtlich des theologischen Ansatzes bestätigten Rabbiner Jehoschua Ahrens von der Jüdischen Gemeinde in Darmstadt und Ertugrul Sahin vom Zentrum für Islamische Studien der Universität Frankfurt ihre These.

Die Menschen seien – alle - ein Ebenbild Gottes und sie seien zur Nächstenliebe ermahnt, so Ahrens. Er zitierte aus dem dritten Buch Mose „Du sollst dem Tauben nicht fluchen und sollst vor den Blinden kein Hindernis legen, denn du sollst dich vor deinem Gott fürchten". Bei der Räumung der Ghettos durch die Nazi-Schergen seien Rabbis vor die Frage gestellt worden, ob Behinderte zuerst ausgeliefert werden sollten, berichtete Ahrens. Ein eindeutiges „nein“ sei die Antwort gewesen – im Sinne von „alle Menschen sind gleich vor Gott“.

Auch im Koran sei von Empathie und Gleichbehandlung die Rede, von Liebe, Respekt und Achtung der Schöpfung. Behinderung werde als ein Sachverhalt und nicht als Strafe gesehen, konstatierte Sahin. Auf den im Neuen Testament stehenden Korintherbrief, in dem es um die verschiedenen Talente geht, die die Menschen in die Gemeinschaft einbringen - „viele Glieder, ein Körper" - , griff Gisela Egler-Köksal zurück. Die Pfarrerin der Christus Immanuel Gemeinde, in deren Kirche das Ökumenische Zentrum seinen Sitz hat, meinte, wer davon ausgehe „hier der schwache Nehmende, dort der starke Gebende", ziele an der Wirklichkeit vorbei, beide bereicherten einander auf ihre Weise.

Die musikalische Pause „Church meets Synagogue and Mosque“ mit Irith Gabriely an Klarinette und Saxophon, Thomas Wächter an der Orgel und Abuseyf Kinik, Saz, Gesang und Percussion, war als Trialog gedacht und zeugte von gelungenem Zusammenklang in Verschiedenheit. Ganz so aus einem Guss sieht es bei der Inklusion und den Angeboten für Behinderte nicht aus.

Inklusion fängt schon beim Baulichen an

Auch wenn die Geschichte der Diakonie als Institution noch nicht alt ist, können die christlichen Kirchen in Deutschland auf lange Traditionen zurückgreifen. Orden kümmerten sich um Behinderte, Gemeinden bauten Hilfenetze auf, im unmittelbaren Wohnumfeld entwickelten sich Strukturen der Unterstützung. Gewandelt habe sich bei den institutionellen Hilfen, dass früher auf Separation und heute auf Integration gesetzt werde, sagte Sigrid Unglaub, Arbeitsbereichsleitung Inklusion und Beratung des Diakonischen Werks für Frankfurt und Offenbach. Dafür stehe zum Beispiel das Angebot „Vielfalt stärken – Vielfalt leben“ bei dem es darum gehe, schon Krabbelstuben zur Inklusion zu ermutigen. Sie wünscht sich, dass aus der Floskel „wie geht es dir?“ im Sinne der Inklusion eine ernst gemeinte Frage wird.

Mit der NS-Zeit seien alle Traditionen abgebrochen, nach dem Zweiten Weltkrieg seien die Jüdischen Gemeinden mit den Folgen des Holocaust befasst gewesen, sagte Kohan. Später sei es darum gegangen, die Zugewanderten aus Russland zu integrieren und Inklusion sei eigentlich erst „in den letzten Jahren“ mit Blick auf Behinderte als Aufgabe wahrgenommen worden, berichtete Dinah Kohan, die in der Zentralwohlfahrtsstelle, die ihren Sitz in Frankfurt hat, das Thema „Menschen mit Behinderung“ bearbeitet. Ihre These, dass für Jüdische Gemeinden oft auch Bauliches bei der Inklusion ein Thema sei, bestätigte der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime in Hessen. In einer Stadt wie Frankfurt fänden Gehbehinderte dank der Auswahl eine Moschee, die für sie zugänglich sei, andernorts verhinderten Stufen den Gottesdienstbesuch, sagte Barkan.

Zu den Impulsen, die er aus dem Nachmittag mitnimmt, gehört: Wenn wieder der Protesttag ansteht, soll das Thema „Behinderung" beim Freitagsgebet aufgegriffen werden.


Autorin

Bettina Behler 55 Artikel

Bettina Behler, Medieninformation Evangelische Öffentlichkeitsarbeit Frankfurt und Offenbach