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Internationale Ökumene in Karlsruhe – und wie sieht es bei den christlichen Gemeinden in Frankfurt aus?

Die 11. Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK) wird vom 31. August bis 8. September 2022 in Karlsruhe zusammentreten. Rund 4.000 Gäste aus aller Welt werden bei diesem Treffen erwartet. Ein Interview im Vorfeld der Großveranstaltung mit Pfarrerin Annegreth Schilling, Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen (ACK) in Frankfurt, und mit Jens Balondo, Vorsitzender des Internationalen Konvents Christlicher Gemeinden Rhein-Main e.V.

Annegreth Schilling und Jens Balondo haben die Vielfalt des Christentums im Blick.  I Foto Rolf Oeser
Annegreth Schilling und Jens Balondo haben die Vielfalt des Christentums im Blick. I Foto Rolf Oeser

Annegreth Schilling, 41, Pfarrerin in der Evangelischen Hoffnungsgemeinde, ist Vorsitzende der hiesigen ACK, Jens Balondo, 45, Vorsitzender des Kirchenvorstands der Evangelischen Indonesischen Kristusgemeinde Rhein-Main, stand von 2016 bis 2019 an der Spitze des Internationalen Konvents, nach satzungsbedingter Pause hat der im Bereich Digitalisierung der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) Tätige den Vorsitz des Konvents 2022 wieder übernommen. Schilling, kam vor drei Jahren in den Vorstand der ACK, sie wurde im Juli 2022 in ihrem Amt bestätigt.

Im Vorfeld der internationalen Großveranstaltung sprechen die beiden über Verbindendes und Trennendes, über aktuelle Themen und Frankfurter Aktivitäten im Zusammenhang mit der ÖRK-Versammlung.


Noch wenige Wochen bis zum großen Ökumenischen Christ:innentreffen in Karlsruhe. Wo steht die hiesige Ökumene aktuell?

Annegreth Schilling (AS): Wir befinden uns in einer Zeit des Übergangs. 2008 entstand in Frankfurt die ACK, sie entwickelte sich aus einem ökumenischen Frühstück im Westend. Zurzeit gehören 14 Mitgliedskirchen dazu, evangelisch, katholisch, freikirchlich und orthodox – eine gute Mischung christlicher Traditionen und Kulturen. Mein Vorstandskollege Christopher Weber ist Pfarrer in der Alt-katholischen Kirche. Es ist uns in der ACK wichtig, dass hier nicht nur die evangelische und römisch-katholische Kirche die Ökumene repräsentieren.

Neben den 14 engagieren sich Gastmitglieder, wie die Evangelische Allianz oder die Neuapostolische Kirche enorm für unsere Arbeit.

Und daneben gibt es noch den Internationalen Konvent, mit dem wir in letzter Zeit immer enger zusammenarbeiten.

Jens Balondo (JB): Unser Internationaler Konvent christlicher Gemeinden Rhein-Main wurde 1999 gegründet, damals mit 18 Gemeinden fremder Sprache und Herkunft. Heute besteht er aus 31 Mitgliedsgemeinden aus Ländern Asiens, Afrikas, Europas und den USA. Uns ist Vernetzung wichtig.


Frau Schilling, worin liegen die Änderungen der Ökumene in den vergangenen Jahren?

AS: Da gibt es verschiedene Stränge: Die sinkenden Mitgliedszahlen in der evangelischen und katholischen Kirche machen mir Sorgen, aber das ist auch in anderen christlichen Konfessionen so. Das lässt uns auch zusammenrücken. Zugleich gilt, „Ökumene gestalten“ bedeutet einen zusätzlichen Aufwand neben dem sonstigen, das überlegen die Leute sich.

Belastend sind die Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche. Das schmerzt uns als ökumenische Geschwister sehr.

Wir merken, dass sich in Frankfurt und im Rhein-Main-Gebiet das christliche Spektrum ändert. Denn es gibt auch christliche Gemeinden, die wachsen, wie die koptisch-orthodoxe Gemeinde Sankt Markus in Rödelheim. Und im freikirchlichen und pfingstkirchlichen Bereich gibt es immer mehr Gemeinden, die sich selbst genug sind und keine ökumenischen Kontakte suchen.


Umgang mit der Russisch-orthodoxen Gemeinde

Was sagt ihnen das Motto der 11. ÖRK-Vollversammlung „Die Liebe Christi bewegt, versöhnt und eint die Welt“? Erleben wir nicht gerade in Zeiten des Ukraine-Krieges eine wachsende Kluft?

Wie steht es um den Umgang mit den Russisch-orthodoxen – angesichts des Ukrainekriegs eine bedeutsame Frage, schließlich zählt der Moskauer Patriarch Kyrill zu den zentralen Unterstützern Putins, eine Position, die Christ:innen nicht ruhig sein lassen kann.

AS: Die Russisch-orthodoxe Gemeinde gehört zu den Gründungsmitgliedern der ACK Frankfurt. Allerdings ruht ihre Mitgliedschaft schon seit vielen Jahren. Sie bringen sich in die ökumenische Arbeit in der ACK Frankfurt nicht konkret ein, sind aber auch nicht ausgetreten.


Sie sind ja auch Pfarrerin in der Matthäuskirche der Hoffnungsgemeinde, wo die russisch-orthodoxe Gemeinde ansässig ist. Wie sieht es da aktuell aus?

AS: Ja, die Hoffnungsgemeinde hat der russisch-orthodoxen Gemeinde seit Jahren Räume vermietet. Als der Krieg ausbrach, haben wir uns sofort bei der Gemeindeleitung gemeldet und hatten auch eine Vertreterin der Gemeinde bei uns mit im Gottesdienst. Viele Mitglieder kommen aus der Ukraine oder auch aus anderen Staaten der früheren Sowjetunion. Das macht die Zerrissenheit der russisch-orthodoxen Kirche für mich ganz deutlich: Ein Teil folgt dem Moskauer Patriarchat und unterstützt Patriarch Kyrill, der den Krieg befürwortet. Ein anderer Teil ist persönlich hart vom Krieg betroffen.

Wir haben nach Kriegsausbruch seitens des Kirchenvorstandes um ein Gespräch gebeten. In diesem Gespräch haben die Vertreter der russisch-orthodoxen Gemeinde unterstrichen, dass sie den Krieg ablehnen. Einige von ihnen haben auch ukrainische Geflüchtete aufgenommen.

Sich in dem Spannungsfeld als gastgebende Gemeinde zu positionieren, bleibt gewiss eine große Herausforderung. Dazu stehen noch weitere Gespräche an.


Kulturelle Vielfalt – und wie es um die Augenhöhe steht

Was steht beim Internationalen Konvent an? Wohin ist seine Entwicklung in den vergangenen Jahren gegangen?

JB: Die konfessionellen Unterschiede treten eher in den Hintergrund. Jetzt geht es darum, die kulturelle Vielfalt stärker zu machen.

Wir tun uns oft schwer mit der Augenhöhe. Das liegt sicher auch daran, dass es bei den Internationalen Gemeinden in der Regel viele Rotationen gibt, so kann keine Basis entwickelt werden. Bei meiner, der Indonesischen Kristusgemeinde, besteht zwar nun Kontinuität, aber in der Regel gilt ein stetiger Wechsel in den geistlichen Leitungen innerhalb der Gemeinden.

Die Indonesische Kristusgemeinde Rhein-Main, eine sogenannte Anstaltsgemeinde, gehört zur Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, der EKHN, genauso wie die Koreanische Gemeinde Rhein-Main, beide sind auch Gründungsgemeinden des Internationalen Konvents.


Oft werden die Internationalen Gemeinden von Ehrenamtlichen betreut?

JB: Ja. Und was auch nicht vergessen werden darf, ihnen fehlen vielfach die Räumlichkeiten und die finanziellen Ressourcen. Da sind wir oft auf die „etablierten Kirchen” angewiesen.

Ein anderes Problem, es gibt sprachliche Barrieren gegenüber den deutschsprachigen Gemeinden – zumindest in der ersten Generation.

Die Zurückhaltung wird leider durch den noch immer gegenwärtigen Alltagsrassismus verstärkt. „Nichtweiße“ Menschen und Menschen mit „ausländischen Akzent“ werden in Kategorien geteilt, als fremd benannt und marginalisiert.

AS: Ja, auch unsere ökumenische Arbeit hat ein Rassismus-Problem. Mich stört jedenfalls wenn das Klischee von der „bunten“ Migrantengemeinde mit Folklore und einheimischem Essen das Bild prägt. Dabei sind das doch unsere Geschwister, die die gemeinsamen Gottesdienste mit ihren Impulsen, Gebeten und Liedern bereichern. Da müssen wir noch viel offener werden.

JB: Das stimmt. Und trotzdem suchen wir die Anbindung auf Grund unserer Herkunft. Erntedank zum Beispiel feiern wir als Indonesische Kristusgemeinde mit der katholischen Indonesischen Gemeinde.


Vorhandene Wunden, Versuche, sie zu heilen und fortwährende Differenzen

Es gibt ja Themen, bei denen es durchaus Konflikte unter den verschiedenen Konfessionen gibt, die Rolle der Frauen, der Umgang mit Homosexualität beispielsweise.

AS: Ich erlebe in der ACK eine liberale Haltung als Selbstverständlichkeit – und bin auch in der Zeit nie als Frau oder als ordinierte Pfarrerin angegangen worden. Wäre ja auch noch schöner! (lacht).


So idyllisch?

JB: Für viele internationale Gemeinden ist das noch eine Herausforderung. Die ACK unterstützt uns dabei, Bewegung reinzubringen, bei solchen Punkten.

AS: Im Zusammenhang mit dem Reformationsjubiläum 2017 haben wir ein Format entwickelt, das heißt „Healing of Memories“. Einmal im Jahr schauen wir seitdem da drauf: Wo haben wir uns als Menschen unterschiedlicher Konfessionen Leid angetan. Wo stehen wir heute? Da ging es zuletzt auch um die Rolle von Frauen in den Kirchen. Das war spannend, so ein ehrlicher und offener Austausch miteinander. Das ist übrigens das, was ich an der ökumenischen Arbeit hier in Frankfurt am meisten schätze.


Und Abendmahl?

AS: Klar, das hat uns besonders im letzten Jahr beschäftigt. Der Ökumenische Kirchentag im vergangenen Jahr in Frankfurt hat einiges dazu beigetragen, das Konzept „Gemeinsam am Tisch des Herrn“ umzusetzen. Der katholische Stadtdekan Johannes zu Eltz hat sich da sehr deutlich positioniert. Da bin ich froh drum. Er engagiert sich übrigens auch sehr in der ACK Frankfurt. Das finde ich wunderbar!


Es gibt ja durchaus auch Unterschiede in der christlichen Praxis unter den deutschsprachigen protestantischen Gemeinden, beispielsweise zwischen EKHN-Gemeinden und Freikirchen.

AS: Ich erlebe da durchaus eine Offenheit. Seit Mai machen wir regelmäßig mit der Evangelischen Allianz am letzten Montag im Monat ein ökumenisches Friedensgebet am Oeder Weg mit der dort ansässigen Freien evangelischen Gemeinde. Mir gefällt, dass das nicht im Verborgenen, sondern im öffentlichen Raum stattfindet, direkt neben dem russischen Konsulat. Und es ist immer bewegend zu erleben, wie unterschiedlich Menschen Gebete formulieren, auf den Punkt vorbereitet oder frei formuliert.


ÖRK-Vertreter:innen kommen nach Frankfurt

Der Krieg ist ein aktuelles Thema – andere Themen?

AS: Über Schöpfung und Klima haben wir uns bei einem unserer letzten Treffen unterhalten. Der Ökumenische Schöpfungsgottesdienst am 3. September ist diesbezüglich auch in diesem Jahr wieder ein wichtiger Ankerpunkt. Dazu erwarten wir übrigens auch internationale Gäste von der Vollversammlung des ÖRK.


In welcher Form wird die hiesige ACK an der Vollversammlung teilnehmen?

AS: Einzelne fahren hin – und: Wir laden die weltweite Ökumene zu uns nach Frankfurt ein. Am 3. und 4. September kommen jeweils 15 internationale Gäste von der Ökumenischen Vollversammlung hier her, wir haben zusammen mit dem Reformierten Konvent der EKHN ein tolles Programm zusammengestellt und zeigen den Gästen die christliche Vielfalt in Frankfurt. Allein schon im Bahnhofsviertel gibt es da viel zu entdecken! Mit einer Gruppe von Leuten in der #digitalenkirche, die für mich die Ökumene der jüngeren Generation repräsentiert, werde ich außerdem ein deutschlandweites Instagram-Projekt zur Vollversammlung an den Start bringen (Hashtag #karlsruhe2022). Das zeigt, wieviel Bewegung und Motivation auch heute in Ökumene steckt.


Autorin

Bettina Behler 214 Artikel

Bettina Behler, Medieninformation Evangelische Öffentlichkeitsarbeit Frankfurt und Offenbach