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Kitas und Corona: „Wir kriegen das irgendwie hin“

Regelbetrieb in der Pandemie: Erzieher*innen in Kitas füllen diesen Begriff mit Leben. Sie wünschen sich aber als Berufsgruppe mehr Beachtung.

Gespräche übers Absperrband, damit Gruppen sich nicht vermischen: hier in der Kita im Riederwald. | Foto: Rolf Oeser
Gespräche übers Absperrband, damit Gruppen sich nicht vermischen: hier in der Kita im Riederwald. | Foto: Rolf Oeser

Kinder kann man leicht unterschätzen. Das ging in den vergangenen Monaten sogar Kirstin Hirschfeldt von Slatow so. Sie ist Abteilungsleiterin für Kindertagesstätten im Diakonischen Werk Frankfurt und Offenbach, mit 59 evangelischen Kitas hält sie regelmäßig den Kontakt. „Zuerst hatten wir die Befürchtung, dass die Kinder mit den neuen Gegebenheiten vom Hygieneplan bis zu den Kontaktregelungen überfordert sein könnten“, sagt sie. „Diese Sorge hat sich aber nicht bewahrheitet.“ Die Jungen und Mädchen hätten sich zum größten Teil sehr verständig gezeigt, dass sie nur jeweils ein bestimmtes Klo nutzen dürften oder ihren Eltern schon an der Tür zur Einrichtung Tschüss sagen müssten. Und sie hatten sich sehr gefreut, wiederkommen zu dürfen. Auch das hatte Hirschfeldt von Slatow nicht unbedingt erwartet: „Wir waren unsicher und haben uns natürlich gefragt, ob die Kinder nach den Monaten intensiver Familienzeit wieder so etwas wie eine Eingewöhnung brauchen würden. Aber so war es nicht.“

Es war ein großes Aufatmen für die Eltern von kleineren Kindern: Seit Sommer sollen alle Kitas und Tagespflegeeinrichtungen wieder die vertraglich zugesicherte Stundenzahl anbieten. Nach Gesprächen mit Trägern, Gewerkschaften, Kinderärzten und Virologen sah die hessische Landesregierung eine solche Rückkehr zu einer Art Normalität unter Pandemiebedingungen verantwortbar.

Viel wird seit Beginn der Corona-Krise geredet über Kinder und Eltern und deren Belastung, über Schulen und die Ängste von Lehrer*innen, bei denen schnell der Begriff des „Kanonenfutters“ die Runde machte. Dorothee Klug kann schwer nachvollziehen, dass die Situation von Erzieher*innen in der Diskussion deutlich im Hintergrund steht. „Wir mussten in kürzester Zeit Konzepte für den neuen Alltag entwickeln“, sagt sie. „Veränderungen brauchen Zeit und Beteiligung, und genau das hatten wir nicht. Wir arbeiten jeden Tag viele Stunden ohne Maske in engstem Körperkontakt mit den Kindern, Arbeit in der Kita bedeutet Zuwendung und Nähe. Natürlich haben auch wir Ängste – können uns aber schlechter Gehör verschaffen als Lehrerinnen und Lehrer.“ Erzieher*innen müssen die Kinder trösten, wir kuscheln mit ihnen und wickeln – und werden selbst kaum geschützt.

Klug leitet seit 2012 die evangelische Kita im „Grünen Winkel“ in Nied, in der ehemaligen Eisenbahnersiedlung voller kleiner, idyllisch anmutender Einfamilienhäuschen im Frankfurter Westen. 54 Jungen und Mädchen, darunter auch Kinder mit Behinderung, besuchen die evangelische Einrichtung.. Nach der anfänglichen kurzen Schockstarre erwuchs laut Klug im Kollegium bald eine sehr hohe Arbeitsmotivation. Das Team entwickelte Ideen und Konzepte, arbeitete liegen gebliebenen Papierkram und Entwicklungsdokumentationen auf und hielt Konzeptionsmeetings – auch online. Hygienepläne mussten erarbeitet und die Bedingungen für deren Umsetzung geschaffen werden. Um den Kontakt zu den Familien zu halten, die die Notbetreuung nicht in Anspruch nehmen konnten, entwickelten die Pädagoginnen im Frühjahr etwa Bastelsets und eine Stadtrallye durch Nied.

Jetzt, im „Regelbetrieb unter Pandemiebedingungen“, müssen mit den Kindern alle Hygienevorschriften konsequent eingeübt werden, manchmal muss dafür unsere pädagogische Grundhaltung zurückstehen. Die Kita „Grüne Winkel“ pflegt gewöhnlich enge Beziehungen zu den Eltern der Kinder. „Bei uns ist es normal und sogar gewünscht, wenn Eltern beispielsweise beim Bringen oder Holen der Kinder sich länger in der Einrichtung oder auf dem Hof aufhalten, den Kindern beim Spielen zuschauen, noch einen Kaffee trinken oder Ihnen ein Buch vorlesen. Das war immer Bestandteil unseres Konzeptes und nun mussten die Eltern plötzlich draußen vor der Tür warten.“

Die neue Regelung, dass auch Kinder mit Erkältungsanzeichen die Kita wieder besuchen dürfen, macht den Erzieher*innen Sorge. Sie hoffen auf die Vernunft der Eltern, kränkelnden Nachwuchs zu Hause zu lassen. „Dabei wollen wir auf gar keinen Fall eine Situation schaffen, in der es verschiedene Fronten gibt, Eltern gegen Erzieher*innen“, sagt Klug. „Ich verstehe, dass es für Mütter und Väter ein Problem ist, wenn sie Kinder mit Schnupfnasen zu Hause lassen sollen – und trage gleichzeitig die Verantwortung für den Schutz der anwesenden Kinder und Mitarbeiter*innen. Dafür müssen wir gemeinsam Lösungen finden.“

In Dorothee Klugs Stimme schwingt auch nach all den Monaten der Corona-Krise viel Optimismus mit: Diese Situation bietet bei allen Herausforderungen aber auch eine Chance für Veränderungen. Einfach weitermachen, als wäre nichts gewesen, das ist nicht möglich. Vieles werden wir noch lange vermissen, anderes hat sich bewährt und möchte bleiben. Wir brauchen jetzt die Zeit, genau hinzusehen und zu spüren, was wichtig ist.

Eines ist ihr noch wichtig fest zu halten: „Alle meine Mitarbeiterinnen haben die Situation mit Bravour gemeistert. Mit großem Einsatz, hoher Eigenverantwortung und viel Liebe zum Beruf bieten wir hier in der Kita „Grüne Winkel“ den Kindern die bestmögliche Betreuung unter diesen schwierigen Bedingungen“.


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Anne Lemhöfer 75 Artikel

Anne Lemhöfer interessiert sich als Journalistin und Autorin vor allem für die Themen Kultur, Freizeit und Gesellschaft: www.annelemhoefer.de

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