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Meron Mendel: Aus Gedenken auf Humanismus setzen

Die Evangelische Dreikönigsgemeinde erinnert anlässlich des bevorstehenden Holocaust-Gedenktages, 27. Januar, im Sonntagsgottesdienst an die Opfer.

Meron Mendel bei seiner Predigt in der Dreikönigskirche, die Kerzen auf dem Boden stehen für die Menschen, deren Namen verlesen wurden. I Foto: Rolf Oeser
Meron Mendel bei seiner Predigt in der Dreikönigskirche, die Kerzen auf dem Boden stehen für die Menschen, deren Namen verlesen wurden. I Foto: Rolf Oeser

An Menschen, die in der NS-Zeit mit Dreikönig verbunden waren und die von Nationalsozialisten ermordet wurden, erinnert die Evangelische Dreikönigsgemeinde alljährlich in einem Gedenkgottesdienst im Umfeld des weltweiten Holocaustgedenktages, 27. Januar. Namen werden verlesen, einzelne Personen vorgestellt, prominente Gastpredigende kommen in die Kirche am Eisernen Steg. Am Sonntag, 25. Januar 2026, war Professor Meron Mendel, Direktor der Bildungsstätte Anne Frank, zu Gast.

Konfirmandinnen verlasen in dem gestrigen Gottesdienst Namen, die Lebensdaten und den Ort des Todes: Auschwitz, Theresienstadt, Sobibor, 70, 40, 18 Jahre alt wurden diese Menschen, ein Junge wurde kurz vor seinem 12. Geburtstag in Hadamar umgebracht. Die vorgetragene Liste derer, die eine Verbindung zu Dreikönig hatten, einige dort getauft, war lang. Darunter auch Regina Schermann, geboren am 28. Juli 1916, am 19. Oktober 1941 deportiert nach Łódź. Von den NS-Schergen ermordet.

In diesem Jahr ging es exemplarisch um sie, eine Jugendliche trug vor: Die Eltern aus Russland zugewanderte Juden. Regina kommt in Frankfurt zur Welt, zwei Geschwister. 1931, sie ist 15, trennen sich die Eltern, der Vater geht mit dem Sohn nach Paris, die Mutter bleibt mit den beiden Töchtern in Frankfurt, macht an der Meisengasse ein Schuhgeschäft auf. Regina verliebt sich mit 17, wird schwanger, ihr Sohn Walter wird 1938 in der Dreikönigskirche getauft. Die Eltern des Kindsvaters nehmen den Jungen im Westerwald in Obhut, er überlebt.

Pfarrerin Silke Alves-Christe organisiert zusammen mit der Gedenkgruppe der Dreikönigsgemeinde alljährlich diesen Gottesdienst, in dem Biographien sichtbar werden, in dem des Ungeheuerlichen, das Jüdinnen, Juden, Sinti und Roma, Homosexuellen und anderen zwischen 1933 und 1945 widerfahren ist, gedacht wird. Zum zweiten Mal war der Erziehungswissenschaftler und Historiker Meron Mendel zu Gast, neun Jahre sind seit seiner ersten Predigt vergangen. „Vor neun Jahren schien mir die Welt noch in Ordnung zu sein“, das transatlantische Bündnis galt als gegeben, die Demokratie gesettelt, Frieden in Europa gesichert.

Eine zentrale Zäsur, der 7. Oktober 2023: Mendel, 1976 in Israel geboren, promoviert an der Frankfurter Goethe-Universität, hat bei dem mörderischen Hamas-Überfall einige gute Freunde verloren. Im TV hat er davon berichtet, auch in diesem Gottesdienst sagte er es einleitend.

„Was kann ich sagen, wenn ich keine Gewissheiten mehr habe?“, fragte sich der Publizist und Wissenschaftler gestern zu Beginn der Ansprache in der Dreikönigskirche. In der Vorbereitung hat er den Bibeltext zur Hand genommen, den er für seine Predigt vor neun Jahren nutzte. Sie basierte auf dem zweiten Buch Mose, auf dem 17. Kapitel, überschrieben, „Sieg über die Amalekiter“. Diese hatten das jüdische Volk in der Wüste angegriffen, vor allem die hinteren Reihen, die Schwächsten. Im Lichte des 7. Oktobers lese er ihn anders, aus verschiedenen Blickwinkeln. Zum einen, der Angriff auf Wehrlose. Zum anderen: Netanjahu brachte diese Bibelpassage Ende Oktober 2023 beim Angriff auf Gaza zur Sprache.

Mendel missfällt in dem Text das Wort „austilgen“, das Gott mit Blick auf die Amalekiter zugeschrieben wird. Israelische Gegenwehr sei angesichts des mörderischen Angriffs erforderlich gewesen, aber das, „was in Gaza passiert, ist unverzeihbar“. Manche nennen es ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit, andere einen Genozid, so Mendel.

Er ging ein auf das nach dem 7. Oktober vielfach formulierte „Nie wieder“ – was heißt das? Bezieht es sich auf Auschwitz? Auf Krieg? Für ihn bedeute es in Anlehnung an Anne Frank: Nie wieder dürfe Humanismus in Frage gestellt werden. Die Haltung, dass alle Menschen gleich sind, müsse Anti-Demokraten und Nationalisten entgegengehalten werden.

Geplant war für den Gedenksonntag in Dreikönig eine Doppel-Predigt von Mendel und seiner Frau Saba-Nur Cheema, die einen muslimisch-pakistanischen Hintergrund hat. Sie ist Politologin, promovierte Erziehungswissenschaftlerin, Autorin und Antirassismus-Trainerin. Da ihr Vater schwer erkrankt in der Klinik liegt, musste sie kurzfristig absagen.

Am Rande des Gottesdienstes erzählte Mendel von den Erfahrungen seiner Frau, als sie, aufgewachsen in Frankfurt, als Jugendliche nach der Lektüre des Tagebuchs der Anne Frank anfing, sich bei der Bildungsstätte Anne Frank ehrenamtlich zu engagieren. „Wie gut, dass du dich für unsere Geschichte interessierst“, habe es geheißen. Erst fand sie es freundlich, immer mehr sei ihr aber gekommen. „was heißt uns?“ Auch sie ist ein Teil von „uns“ in Deutschland.

Insofern auch eine Aussage zu der Frage, die dem Gottesdienst vorangestellt war: „Wie bleibt die Erinnerung an den Holocaust in der deutschen Migrationsgesellschaft lebendig?“


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Bettina Behler 395 Artikel

Bettina Behler, Medieninformation Evangelische Öffentlichkeitsarbeit Frankfurt und Offenbach