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Nach der Krise muss es anders werden. Aber wie?

„Weiter wie vorher oder jetzt ganz anders?“ lautete die Frage einer digitalen Veranstaltung der Evangelischen Akademie Frankfurt. Die Diagnose ist klar: Es kann nicht so weitergehen wie bisher.

Foto: Robert Metz/ Unsplash.
Foto: Robert Metz/ Unsplash.

Das Brennglas ist das Synonym für diese Krise. In kaum einer Beschreibung von Auswirkungen der Corona-Pandemie auf gesellschaftliche Krisenlagen, politische Entscheidungen oder tagesaktuelle Debatten hat es gefehlt. Das Virus hat viele Schwachstellen in der Republik und weltweit aufgedeckt, und zwar gnadenlos.

Und jetzt? Ein „Weiter so“ wäre zynisch, ein Zurück ist unmöglich. Der Prüfstand muss her. Untersuchungen, Rückschlüsse, Abwägungen. Was haben wir in der Auseinandersetzung mit dieser Krise dazugelernt? Wie kann eine Neuausrichtung aussehen? Viele sind sich einig darüber, dass diese Pandemie eine Chance für Veränderungen ist, manche hoffen gar auf einen Paradigmenwechsel.

Marianne Leuzinger-Bohleber leitete viele Jahre das Frankfurter Sigmund-Freud-Institut und ist heute praktizierende Psychoanalytikerin. Sie bescheinigt der Covid-Krise, dass sie offengelegt hat, dass nicht alles selbstverständlich ist, was wir vorher dafür hielten. „Wer von Selbstverständlichkeiten ausgeht, läuft Gefahr, mit voller Wucht in die Wirklichkeit geschleudert zu werden. Viele Dinge sind schlicht nicht vorhersehbar.“

Diese Erfahrung kann Mahnung sein und gleichzeitig zum Nachdenken anregen. Wie wollen wir leben? Was macht uns stark und robust für die nächste Krise, die sicher kommen wird? Wie findet soziale Gerechtigkeit nachhaltig ihren Platz in unserer Gesellschaftsordnung? Wie geht es weiter in der Klimafrage?

Und dann ist er wieder da. Der Popstar unter den Begriffen: Resilienz. Dabei geht es längst nicht mehr nur um die psychische Widerstandsfähigkeit einzelner Menschen. Nein: Demokratien, der Sozialstaat, Städte, die Wirtschaft, auch sie müssen resilient sein, wenn sie die Zukunft bewältigen wollen.

„Vielen Bereichen fehlt es an Resilienz, das haben uns die letzten Monate gezeigt. Dass wir jetzt den Begriff der Resilienz fast schon inflationär benutzen, ist einem hausgemachten Problem geschuldet. Unsere bisherige Lebensweise zerstört die Natur. Der Klimawandel und unsere Gesundheit bedingen einander. Wir, alles um uns herum, braucht Widerstandsfähigkeit für das, was die Zukunft uns bringen wird.“ Der Mediziner Martin Hartmann ist Initiator von „KLUG“, der Deutschen Allianz Klimawandel und Gesundheit e.V.. Er ist skeptisch, ob der Popbegriff „Resilienz" den Weg in die Zukunft ebnen kann. Er schlägt stattdessen den Begriff der „Emergenz“ vor, das bedeutet, wieder in (neue) geordnete Strukturen überzugehen. In den vergangenen Jahrzehnten, so seine Analyse, tobten wir uns aus, lebten in chaotischen Zuständen, fast wie im Rausch. Unser Verhältnis zur Natur, zu unserem Umfeld überhaupt, glich einem Kriegszustand. Klar, dass wir dann widerstandfähig sein müssen.

Die neue Richtung hingegen müsse eine der Harmonie und des Einklangs sein, so Hartmann. Mit uns selbst, unseren Nächsten und mit der Natur. Dann erübrige sich auch die Notwenigkeit von Resilienz. Darüber gilt es ins Gespräch zu kommen, mit der Familie, den Freunden, den Nachbarn, mit den Arbeitgeberinnen. Nur im Miteinander können wir eine tragfähige, nachhaltige Zukunft gestalten. So wie bisher kann und wird es nicht weitergehen. Die Weichen sind gestellt. Ob Dystopie oder Utopie – wir haben es in der Hand.

Die Diskussion können Sie im Youtube-Kanal der Akademie anschauen


Autorin

Angela Wolf 71 Artikel

Angela Wolf ist Mitglied der Redaktion von Evangelisches Frankfurt und Offenbach. Sie wurde 1978 in Aschaffenburg geboren. Heute lebt sie in Frankfurt am Main, wo sie Soziologie, Politikwissenschaften und Psychoanalyse studierte. Hauptberuflich ist als Referentin bei der LAG Soziale Brennpunkte Hessen e.V. unterwegs. Freiberuflich schreibt sie außerdem noch für ZEIT Online.

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