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Neulich in der Arztpraxis: Warum jetzt die Impfprio fallen muss!

Wer Impftermine mit Astrazeneca verfallen lässt, handelt fahrlässig, vor allem gegenüber Kindern und Jugendlichen, die jetzt unter der Pandemie am meisten zu leiden haben. Im Umgang mit Nebenwirkungen der Vakzine ist Forschung und Aufklärung gefragt, keine Panikmache.

Angela Wolf ist Mitglied in der Redaktion von Evangelisches Frankfurt. | Foto: Rolf Oeser
Angela Wolf ist Mitglied in der Redaktion von Evangelisches Frankfurt. | Foto: Rolf Oeser

Unweit der Praxisrezeption, behandlungsbedingt hinter einem Paravent liegend, lausche ich unweigerlich den Gesprächen, die an einem gewöhnlichen Vormittag in einer Hausarztpraxis geführt werden. Top-Thema: das Impfen. Platz zwei: Astrazeneca. Genau, das angebliche Zweite-Klasse-Vakzin.

Seit etwas mehr als einem Jahr stecken wir in einer Pandemie fest. Viele sind von der schleppenden Impfstrategie frustiert. Sie warten auf einen Impftermin, um alsbald in eine Art „altes Leben“ zurückkehren zu können. In der Praxis und beim Lauschen stellt sich allerdings heraus: Impftermine werden abgesagt oder einfach nicht wahrgenommen. Wie bitte?

Vor wenigen Wochen wurde bekannt, dass der Astrazeneca-Impfstoff als extrem seltene Nebenwirkung eine Hirnvenenthrombose auslösen kann. Und was passiert in den Impfzentren und den Arztpraxen? Viele verweigern Astrazeneca.

Sicher: Nebenwirkungen sind doof und erst richtig doof für die, die daran erkranken. Nebenwirkungen sind aber völlig normal. Es gibt sie immer, wenn Medikamente zum Einsatz kommen. Die Anti-Baby-Pille zum Beispiel birgt auch ein hohes Thromboserisiko. Trotzdem wird sie von tausenden Frauen geschluckt. Täglich. Oder Aspirin. Es ist rezeptfrei in jeder Apotheke erhältlich und wird als Schmerzmittel millionenfach eingenommen. Aber es kann erhebliche Nebenwirkungen haben, darunter schwere Magen- und Darmblutungen.

Die extrem seltenen Fälle, bei denen Menschen nach einer Astrazeneca-Impfung an einer Sinusvenenthrombose erkrankten, sind keine Terminabsage wert. Klar, sie müssen erwähnt und untersucht werden, das ist keine Frage. Aber ohne Panikmache. Eine Covid-19 Erkrankung birgt ein wesentlich höheres Risiko als die Impfung.

Wenn über 60-Jährige aus den Prioritätsgruppen 1 und 2 jetzt glauben, sie wären als Astrazeneca-Impflinge Menschen zweiter Klasse, dann läuft etwas gewaltig schief. Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene verlieren weiterhin wichtige Monate ihres Lebens. Sie haben sich über ein Jahr lang stark eingeschränkt, um besonders alte und ältere Menschen zu schützen. Aus einem Gefühl der Generationengerechtigkeit heraus.

Stellt sich jetzt aber unter den Älteren eine Impfverweigerung ein, aus Unwissenheit und weil Medieninformationen falsch interpretiert werden, muss es einen Aufschrei geben. Dann muss die Impfpriorisierung fallen. Seit Samstag greift die Bundesnotbremse. Die meisten Regionen Deutschlands bekommen Ausgangssperren, Kinder können wieder nicht in den Präsenzunterricht, viele müssen in engen Wohnungen von den Eltern betreut werden.

Für prinzipielle Impfgegnerschaft und für Egoismus bei der Auswahl von Impfstoffen habe ich in dieser Pandemiesituation kein Verständnis. Das haben unsere Jungen und Jüngsten nicht verdient. Ich erwarte von allen ihren Beitrag dazu, dass sie endlich wieder spielen, toben, lernen, feiern und knutschen dürfen.


Autorin

Angela Wolf 72 Artikel

Angela Wolf ist Mitglied der Redaktion von Evangelisches Frankfurt und Offenbach. Sie wurde 1978 in Aschaffenburg geboren. Heute lebt sie in Frankfurt am Main, wo sie Soziologie, Politikwissenschaften und Psychoanalyse studierte. Hauptberuflich ist als Referentin bei der LAG Soziale Brennpunkte Hessen e.V. unterwegs. Freiberuflich schreibt sie außerdem noch für ZEIT Online.

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