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„Schaut hin“ ist das Motto für den Kirchentag. Eine gute Wahl.

„Schaut hin“ ist das Leitwort für den Ökumenischen Kirchentag in Frankfurt 2021, das hat das Präsidium bei seiner Sitzung kürzlich beschlossen. Eine gute Wahl. Denn Ignoranz können wir uns wirklich nicht länger leisten.

Dr. Antje Schrupp ist Chefredakteurin von Evangelisches Frankfurt und Offenbach. Die Journalistin und Politikwissenschaftlerin bloggt auch unter www.antjeschrupp.com. | Foto: Tamara Jung
Dr. Antje Schrupp ist Chefredakteurin von Evangelisches Frankfurt und Offenbach. Die Journalistin und Politikwissenschaftlerin bloggt auch unter www.antjeschrupp.com. | Foto: Tamara Jung

Wenn im Kino eine brenzlige Szene kommt, kann ich oft nicht mehr hinschauen. Ich drehe mich dann einfach weg und schließe die Augen, bis die Gefahr vorbei ist.

So ähnlich würde ich es gerne auch mit der Realität da draußen machen. Wenn wieder ein Rechtsextremer Amok läuft, ein Anschlag auf eine Synagoge verübt wird, Politiker über Bündnisse mit der AfD nachdenken oder Menschen im Internet mit unflätigsten Ausdrücken beschimpft werden (und das sogar legal sein soll), dann würde mich gerne auf dem Sofa einkuscheln und diesen Irrsinn aussperren.

Und das könnte ich sogar. Mir persönlich geht es ja gut. Mein Name klingt deutsch, ich bin blond und hellhäutig, habe eine feste Stelle und ein regelmäßiges Einkommen. Ich bin auch nicht krank oder auf besondere Hilfen angewiesen. Mit anderen Worten: Ich kann mir leisten, ignorant zu sein. Aber viele andere können das nicht. Weil sie persönlich gemeint sind mit den antisemitischen und rassistischen Drohungen, die immer offener geäußert werden.

Vor zwei Jahren gab es den Twitter-Hashtag #schauhin, wo Beispiele für Alltagsrassismus gesammelt wurden. Das jetzt ausgewählte Leitwort für den Ökumenischen Kirchentag 2021 in Frankfurt klingt ganz ähnlich: „schaut hin“. Es ist ein Zitat aus dem Markusevangelium (Kapitel 6, Vers 38). „Schaut hin“, sagt Jesus zu den Jüngern und Jüngerinnen, damit sie nachsehen, wie viel Essen da ist. Ergebnis: zu wenig. Fünf Brote und zwei Fische reichen niemals für 5000 Leute. Jesus lässt sich aber nicht aus der Ruhe bringen, und erstaunlicherweise werden am Ende tatsächlich alle satt.

Ich frage mich ja, warum das Brot in dieser Geschichte überhaupt gezählt werden musste. Hätte Jesus sein Wunder nicht gleich tun können? Aber vermutlich hilft Gott nur, wenn man sich klargemacht hat, dass man ein Problem hat. Wenn wir die Augen verschließen und so tun, als wäre alles okay, bloß weil wir selbst nicht betroffen sind, kann es kein Happy End geben. Das Leitwort zum Kirchentag ist deshalb ein gutes Motto: „schaut hin“. Ignoranz können wir uns wirklich nicht länger leisten.


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Antje Schrupp 118 Artikel

Dr. Antje Schrupp ist Chefredakteurin von Evangelisches Frankfurt und Offenbach. Die Journalistin und Politikwissenschaftlerin bloggt auch unter www.antjeschrupp.com

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