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Sofas müssen keine Rückzugsorte sein

Die Corona-Pandemie lässt die Menschen daheimbleiben, auch die Türen der Evangelischen Akademie auf dem Römerberg sind aktuell geschlossen. Dafür gibt es die „Sofa-Akademie“. Der Leiter des Hauses, Thorsten Latzel, setzt nicht nur jetzt auf Online-Kommunikation.

Die spiegelnde Glasfassade der Evangelischen Akademie am Römerberg. | Foto: Antje Schrupp
Die spiegelnde Glasfassade der Evangelischen Akademie am Römerberg. | Foto: Antje Schrupp

„Die Sofa-Akademie hatten wir schon in der Schublade gehabt“ bevor die Corona-Krise ausbrach, erzählt Akademiedirektor Thorsten Latzel. Die Livestreams aus den Sälen auf dem Frankfurter Römerberg wurden Anfang des Jahres in Betrieb genommen, als noch nicht zu ahnen war, dass der Virus unsere Gesellschaft in Beschlag nehmen würde. Thorsten Latzel setzt schon länger auf Debattenkultur im Netz – und die Evangelische Akademie Frankfurt als virtuellen Veranstaltungsraum.

Informationen zu aktuellen Debatten und Themen finden sich auf der Internetseite www.evangelische-akademie.de. Klar, gibt es angesichts der Folgen der Corona-Pandemie auch Absagen zu vermelden, aber vieles findet doch statt. Vergangene Woche hat der Frankfurter Presseclub aus dem gläsernen Bau gezoomt zum Thema „Interne Kommunikation“, am 6. Mai gibt es eine Kooperation zwischen Evangelischer Akademie und FPC zum anstehenden Prozess des Mordfalles Lübcke.

Am 11. Mai steht ein Zoom Webinar der Akademie an, der EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm, Hessens Kultusminister Alexander Lorz, Gregor Gallner, Bezirksjugendsekretär DGB Hessen-Thüringen, Kira Geadah, Fridays for Future, Frankfurt und Professor Volker Mosbrugger, Generaldirektor der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung, werden über Klimakundgebungen, Demokratie, digitale Proteste, Religion und Emotionen von 19.30 bis 21 Uhr diskutieren. Um nur ein weiteres Beispiel aus der digitalen Debattenkultur der Akademie zu nennen.

Zumindest diese Woche ist die Evangelische Akademie noch gänzlich geschlossen, aber selbst wenn es soweit ist, dass die Türen wieder entriegelt werden, Online-Formate bleiben, „wir sind da erst am Anfang“, versichert der Direktor. Latzel sieht große Chancen fürs Netz als Ort des gesellschaftlichen Diskurses. Er selbst hat gerade seinen Facebook-Auftritt umgestellt, seine Texte aus der Quarantäne wie die Zehn Gebote für die Corona-Zeit, können dort gefunden werden.

Primär setzt der Theologe aber auf anderes, möchte Formen etablieren, in denen kleinere Runden wie sechs Leute neue Formen von Interaktion und Partizipation ausprobieren. Das Konzept: Referierende stellen ein Thema vor – anschließend wird dazu eingeladen, von der heimischen Couch aus in kleiner Runde virtuell Platz zu nehmen und zusammen mit einem Moderator oder einer Moderatorin ins Gespräch zu kommen.

„Wie begegnen sich Menschen, die sich sonst nicht begegnen würden“, darum gehe es und darum, sich auf Debatten jenseits des Eingeschliffenen einzulassen. Ältere erinnern sich, wie in der Bahn im Abteil mit sechs Sitzen ganze Lebensgeschichten ausgepackt wurden. Heute gelten Gesprächsrunden im Großraumwagen in der Regel als Belästigung.

Anders als bei Facebook gebe es bei den Sechserrunden „die zivilisierende Form des Angesichts“. Die gesprochene Sprache sorge für eine andere Kommunikation als die über Tastatur, ist sich Latzel gewiss. Selbst wenn die Menschen derzeit zu Hause bleiben, gewachsen ist der Gesprächsbedarf, Themen drängen sich auf – was machen wir mit den Alten, wie geht Gemeinschaft heute, Umgang mit Sterben und Tod, so vieles bewegt die Gemüter, „und es ist auch eine Zeit, in der wir Theologie neu denken“, sagt der Akademieleiter, beispielsweise mit Blick auf das Abendmahl.


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Bettina Behler 99 Artikel

Bettina Behler, Medieninformation Evangelische Öffentlichkeitsarbeit Frankfurt und Offenbach