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Stoppt den Krieg der Familien!

In den sozialen Netzwerken ist ein Krieg ausgebrochen, den Familien untereinander ausfechten. Die Fronten sind offenbar unvereinbar, die jeweiligen Gruppen etwa gleich groß: Zwischen denen, die ihre Kinder in Schule und Kita schicken, und denen, die sie zuhause lassen. Dieser Streit ist auf allen Ebenen falsch. Nicht die Einzelnen können diese Krise lösen, das ist die Aufgabe der Politik!

Anne Lemhöfer ist Mitglied in der Redaktion des EFO-Magazins.
Anne Lemhöfer ist Mitglied in der Redaktion des EFO-Magazins.

Es gibt jetzt sogar schon einen feststehenden, abschätzigen Begriff für sie auf Twitter: „Krisenfamilien“. Krisenfamilien sind Familien, die ihre Kinder (bestimmt aus purer Bequemlichkeit und Egoismus) in die geöffneten Kindertageseinrichtungen oder Schulen schicken, obwohl um sie herum eine Pandemie tobt. Andere Mütter und Väter, die ihre Kinder zuhause lassen, twittern unter dem Hashtag #stayathome.

Neuerdings ist auch das Schlagwort „Schattenfamilien“ zu lesen, dabei geht es um Familien, die unter schwerwiegenden Problemen leiden – sei es, dass ein Elternteil gewalttätig oder süchtig ist, sei es, dass die Familie aus anderen Gründen immer unsichtbarer am sozialen Rand dahindümpelt. Nicht alle Krisenfamilien sind Schattenfamilien, aber der Übergang ist fließend.

Warum aber schicken Eltern ihre Kinder, obwohl es gesamtgesellschaftlich suboptimal ist, in Schule und Kita? Viele sind berufstätig, die Arbeitgeber:innen erlauben kein Homeoffice und gewähren auch keinen spontanen Urlaub, denn: Die Schulen sind doch auf! Schicken Sie Ihr Kind doch hin.

Großeltern (genau, die Risikogruppe) sind wieder landauf, landab im Einsatz bei der Kinderbetreuung. Wer keine in der Nähe hat, weiß oft weder ein noch aus.

Homeoffice plus Homeschooling mit mehreren Kindern bringt allerdings auch so manchen Haussegen ins Wanken. Auf Facebook berichten (meistens) Mütter und (manchmal) Väter über Schrei-Attacken, Heulanfälle, Verweigerung, Nervenzusammenbrüche und Verzweiflung.

Und die Technik funktioniert auch nicht, die Schulserver sind überlastet, Programme wie Moodle oder Padlet halten dem Ansturm der Anmeldungen nicht stand. Viele Eltern sehen die Beziehung zu ihren Kindern durch Homeschooling gefährdet, berichtet sogar die Tagesschau. Manche lassen es ganz – was nicht geht, geht nicht. Nach uns die Sintflut oder die Klassenwiederholung.

In den Familien ist der helle Wahnsinn ausgebrochen, und durch die tiefen Gräben zwischen Eltern der einen und der anderen Fraktion wird es nicht besser, im Gegenteil. Es ist leicht, zur „Krisenfamilie“ zu werden, denn wenn in Familien sämtliche Strukturen wegbrechen, wird sichtbar, was im Alltag noch mühsam gemanagt werden konnte: Psychische Instabilitäten bei Eltern oder Kindern oder beiden, Eheprobleme, Geldsorgen.

Der Kampf tobt auch zwischen Eltern mit schulischen Selbstläuferkindern, die sich einfach zwei Stunden an den Schreibtisch setzen und fertig sind, und solchen, deren Nachwuchs nur unter wüsten Zwangsandrohungen und Dauerüberwachung einen Satz schreibt, und allein im Zimmer nur daddeln würde. Es wird geschrien und gestritten, geweint und verstummt.

Wie viele Kinder, selbst solche im Kindergartenalter, werden jetzt halbe Tage vor dem Tablet geparkt? Darüber möchte niemand sprechen, es wäre zu unangenehm. Der Gedanke liegt nah: Wäre es da nicht besser für alle, wenn die Tochter ihre Arbeitsblätter wenigstens geordnet und unter Aufsicht ihrer Lehrerin macht? In der Kita irgendwas anderes zu essen kriegt als Nutella-Brot? Andere Kinder sieht statt nur Peppa Wutz?

Viele Eltern müssen schon bei Viertklässler-Mathe passen, und wie man einem unwilligen Drittklässler die Benutzung eines Geodreiecks erklärt, wissen sie auch nicht – von Sprachproblemen ganz zu schweigen.

Die Lage ist also einigermaßen verfahren. Und die Politik ist fein raus. „Entscheidet selbst!“, ruft sie den Eltern zu. Das ist fatal. Wir brauchen klare Vorgaben – und vor allem praktikable Lösungen.

Wieso ist weiter unklar, ob es ein Corona-Elterngeld oder zusätzliche Kindkrank-Tage geben kann? Wieso können nicht Unterrichtseinheiten in Kleinstgruppen in (derzeit geschlossenen) öffentlichen Einrichtungen über die ganze Stadt verteilt stattfinden? Warum streikt die Technik so dermaßen?

Die Politik muss jetzt unbürokratisch und schnell handeln, um Familien auf jede nur erdenkliche Weise zu unterstützen. Mit Geld. Mit arbeitsfreier Zeit. Mit pandemietauglichen Angeboten zur Notbetreuung. Mit einer Perspektive selbst für den Fall, dass diese Pandemie noch monatelang wütet.

Damit Eltern wieder solidarisch miteinander sein können – und wir nicht noch mehr Gräben des Hasses aufreißen, die auch dann nicht wieder geschlossen werden können, wenn alle geimpft sind.


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Anne Lemhöfer 78 Artikel

Anne Lemhöfer interessiert sich als Journalistin und Autorin vor allem für die Themen Kultur, Freizeit und Gesellschaft: www.annelemhoefer.de

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