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Ungerechte Extrawurst?

Gottesdienste dürfen jetzt im zweiten "kleinen" Lockdown stattfinden, Theateraufführungen und andere kulturelle Events aber nicht - und das, obwohl das Infektionsrisiko dort auch nicht größer ist. Ist das richtig?

Stephanie von Selchow ist Mitglied der Redaktion des EFO-Magazins.
Stephanie von Selchow ist Mitglied der Redaktion des EFO-Magazins.

Es ist brutal, wenn Theater, Kino, Konzertsäle, Opern und Museen trotz ausgeklügelter Hyghienemaßnahmen schließen müssen. Aber leider auch vernünftig. Es geht darum, Kontakte so viel wie möglich zu minimieren und so die Infiziertenzahlen zu senken.

Die meisten Bürgerinnen und Bürger sehen das auch ein. Aber viele fragen sich, warum die Kirchen denn dann eine Extrawurst bekommen und Gottesdienste feiern dürfen. Die Regierung erklärt es mit der gesetzlich garantierten Religions- und Versammlungsfreiheit. Aber auch die Freiheit der Kunst ist eines der wichtigsten Grundrechte.

Religion und Kunst gegeneinander auszuspielen ist fatal und bringt uns nicht weiter. Das wird weder dem (gerade jetzt so nötigen) seelenstärkenden Potenzial der Religionsausübung gerecht, noch der Kultur: In einer säkularisiertem Gesellschaft können auch Konzert, ein Theaterabend oder eine Museumsführung Balsam für die Seele sein.

Ehrlicher wäre es, zuzugeben, dass die Entscheidungen, welche Aktivitäten in diesem Halb-Lockdown noch erlaubt sind und welche nicht, in manchen Bereichen ein bisschen willkürlich wirken. Aber letztlich muss immer irgendwo eine Grenze gezogen werden, und jedes Maßnahmenpaket wird den einen oder anderen Grund zum Klagen geben.

Es hilft uns nicht weiter, jetzt Neid darauf zu schüren, dass die Kirchen noch Abstandsgottesdienste ohne Singen feiern dürfen. Aber es hilft uns auch nicht weiter, die Kraft der Kunst kleinzureden, um die Ungleichbehandlung zu rechtfertigen. Den Kirchen steht es vielmehr gut, sich mit Musizierenden und anderen Kunstschaffenden solidarisch zu erklären und sie soviel wie möglich in ihre Gottesdienste einzubeziehen. Ursprünglich gehörten Religion und Kunst ohnehin zusammen: Kultische Riten, Gesang und Tanz entwickelten sich gemeinsam.


Autorin

Stephanie von Selchow ist Redakteurin von "Evangelisches Frankfurt und Offenbach".

4 Kommentare

9. November 2020 14:23 Karl Rathgeber

Frau von Selchow schrieb: „Es ist brutal, wenn Theater, Kino, Konzertsäle, Opern und Museen trotz ausgeklügelter Hyghienemaßnahmen schließen müssen. Aber leider auch vernünftig.“ Sind Sie da sicher, das diese Maßnahmen vernünftig sind? Die Orte zu schließen, die die besten und sichersten Hygienekonzepte hatte, die Orte, in denen sich die BesucherInnen vorbildlich verhalten haben, die Orte, in denen, wenn überhaupt, die geringsten Ansteckungen zu verzeichnen waren, das ist vernünftig? Das sind Maßnahmen, die dort verhängt wurden, wo man den geringsten Widerstand erwartete. Die Ansteckungsherde finden sich nachweislich woanders. Nochmal meine Frage, ist das vernünftig?

13. November 2020 06:52 Martin Haberland

Genau die Orte zu schließen, an denen intensiv in Hygienesysteme investiert wurde, ist im Sinne der Pandemiebekämpfung maximal kontraproduktiv, überdies das direkte Gegenteil von Wertschätzung für die Anstrengung all jener, die in Hygienekonzepte investiert haben. Sie werden menschlich und ökonomisch im Stich gelassen, obwohl sie erheblich investiert haben. Übrigens wird dabei auch die Gesellschaft mit ihrem Anspruch auf kulturelles Leben im Stich gelassen. Ich erlaube mir die Frage, ob die Kirchen in Frankfurt in der gleichen Weise in Schutzmassnahmen investieren. Mir ist nicht bekannt, dass Coronaviren kirchliche Räume meiden. Der Artikel von Frau von Selchow blickt aus meiner Sicht weder solidarisch noch sachlich korrekt auf diejenigen herab, die mit am Stärksten vom Lockdown betroffen sind. Wie wirkt das eigentlich in einer Stadt, die vorgibt, mit den kulturellen Institutionen eng zusammenzuarbeiten und die im nächsten Jahr einen ÖKT plant? Auch wundert mich die "Logik" der Argumentation in diesem Artikel: Warum sollten kulturelle Angebote in kirchlichen Räumen stattfinden, in den Räumen also, die am Wenigsten für die Pandemiebekämpfung ausgestattet sind? Logisch wäre hingegen das Umgekehrte: Gottesdienstliche Veranstaltungen in den Räumen derer, die sich am intensivsten, auch mit finanziellen Investitionen, auf die Pandemiebekämpfung einstellen. Zudem, auch wenn die Bundesregierung in manchen Teilen ähnlich argumentiert: Das Recht auf freie Religionsausübung ist nicht identisch mit dem Recht auf gottesdienstliche Veranstaltung unter allen Umständen. Im Übrigen verfügt die protestantische Theologie über eine viel weitergehende Bedeutung dessen, was Gottesdienst genannt zu werden verdient. Man spürt, der Artikel ist eine Verteidigungsrede. Er lässt eine Kontroverse erkennen. Gerade in einer solchen Situation und im Sinne einer Verständigung mit kulturellen Einrichtungen Ihrer Stadt käme es vielleicht darauf an, äußerst sorgfältig und nachvollziehbar zu argumentieren. Last but not least: "Ungerechte Extrawurst" ist vielleicht auch kein besonders gelungenes und appetitliches Sprachbild.

19. November 2020 19:37 Stephanie von Selchow

Da der Kommentar ursprünglich für die Printausgabe geplant war, musste ich mich kurz fassen. Ich verstehe ihre Enttäuschung und Wut und ich schrieb ja auch, es ist brutal. Ich vermisse die Oper, das Kino und Theater selbst sehr. Aber die Infektionszahlen steigen noch immer und deshalb ist es doch gesamtgesellschaftlich vernünftig, Kontakte zu minimieren, damit so wenig wie möglich Menschen krank werden und sterben. Und man hat mehr Kontakte, wenn man zu kulturellen Veranstaltungen geht, auch auf dem Weg dahin, danach, selbst bei strengsten Regeln innen. Und wer soll kontrollieren, ob wirklich immer in allen kulturellen Einrichtungen alle Regeln eingehalten werden? Deshalb meine ich, es geht nur mit wirklichen Einschnitten in vielen Bereichen. Auch die Kirchen müssen bei ihren Gottesdiensten Abstriche machen. Es dürfen nur wenige Menschen in die Kirche, gesungen werden darf nicht, Masken, Abstand etc. Aber wie gesagt, beide Bereiche gegeneinander auszuspielen, bringt uns nicht weiter. Weder Kultur noch Gottesdienst kann den Anspruch erheben, wichtiger zu sein. Traurig ist, dass die Pandemie beides so sehr einschränkt. Aber wenn wir nicht jetzt dagegen ankämpfen, könnte die Lage noch viel schlimmer werden. Sich das klarzumachen, das ist Vernunft.

19. November 2020 21:30 Stephanie von Selchow

Ausserdem möchte ich noch anmerken, dass ich keineswegs gesagt habe, kulturelle Veranstaltungen sollten jetzt in Kirchen stattfinden. Sondern - da die Lage nunmal so ist, wie sie ist - sollten Pfarrer Künstlern möglichst oft die Gelegenheit geben, Gottesdienste musikalisch zu bereichern: Weil es schön ist und um sich solidarisch zu zeigen und die Kunst so wertzuschätzen, wie sie es verdient.

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