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Wenn die Reise kein Urlaubstrip ist

Mit dem Beginn der Feriensaison steigt die Zahl der Flugreisenden. Der Kirchliche Sozialdienst für Passagiere am Frankfurter Flughafen hat angesichts der Corona-Pandemie seit Monaten viel zu tun - dass die Touristen für mehr Anfragen sorgen wird nicht erwartet. Das Team hat andere Themen.

Anlaufstelle für gestrandete Passagiere und andere Menschen, die am Flughafen in Not geraten: Bettina Janotta vom Kirchlichen Sozialdienst. Foto: Ilona Surrey
Anlaufstelle für gestrandete Passagiere und andere Menschen, die am Flughafen in Not geraten: Bettina Janotta vom Kirchlichen Sozialdienst. Foto: Ilona Surrey

Die Schulferien beginnen – in den kommenden Tagen hebt nach Monaten der Ruhe der eine oder andere Ferienflieger ab. Bettina Janotta, Leiterin des Kirchlichen Sozialdienstes für Passagiere am Frankfurter Flughafen, erwartet nicht, dass viele dieser Reisenden bei der Beratungseinrichtung des Diakonischen Werkes für Frankfurt und Offenbach im Terminal 1 anklopfen. „Die Touristen wissen sich meist zu helfen, haben bei Problemen auch genügend Geld, um sich zu organisieren.“ Mit ein paar Handyanrufen und Geduld kämen sie in der Regel ans gewünschte Ziel.

Aber an Arbeit mangelt es der Sozialpädagogin und ihrem Team dieser Tage nicht. Gegenwärtig landen in Frankfurt auch Reisende, die auf Grund des Corona-Lockdowns monatelang im Ausland festsaßen: Menschen mit gesundheitlichen Problemen, ohne Geld, aus der Abschiebehaft. „Wir bekommen dann einen Hinweis von der Deutschen Botschaft, mit der Bitte uns zu kümmern.“ Als Beispiel nennt Janotta einen Mann, der wochenlang bei Wassersuppe in Thailand in Abschiebehaft saß, „mit 60 anderen in der Zelle.“ Sein Vergehen: Er hat die Aufenthaltspapiere nicht verlängert. Die Botschaft hat ihm ein Ticket nach Deutschland organisiert.

Erschöpft versuchen Leute wie er sich erst mal in Deutschland zu orientieren. Seit Jahren leben sie oftmals in der Ferne, die Kontakte in dem Land, dessen Pass sie besitzen, sind spärlich geworden, von Familienangehörigen haben sie lange nichts gehört. Ohne Krankenversicherung, vielfach ohne Geld in den Taschen, stranden sie beim Passagierdienst und bemühen sich um erste Orientierung. Unter den E-Mails der Auslandsbotschaften „gibt es eigentlich keine, in der nicht von psychischen Problemen die Rede ist“, sagt Bettina Janotta. Manche der Rückkehrerinnen und Rückkehrer kämpften damit schon länger, andere habe der Lockdown überfordert: In Ungewissheit festzusitzen in einem Land, das so gar nicht mehr dem tropischen Traum entspricht.

Drei Beschäftigte arbeiten beim Sozialdienst in der Beratung, hinzu kommen eine Verwaltungskraft und zehn Ehrenamtliche. Während sich derzeit an den Info-Stellen und Schaltern der Fluggesellschaften lange Schlangen bilden – aus Gesundheitsschutz, aber auch weil Kurzarbeit für dünne Personaldecken sorgt – gab es bei dem Kirchlichen Sozialdienst für Passagiere des Diakonischen Werkes für Frankfurt und Offenbach in der Corona-Zeit keine Kurzarbeit, genauso wenig bei dessen Aufsuchender Sozialarbeit am Flughafen. Im Gegenteil: „Unser Team hatte wahnsinnig viel zu tun im Transit“, erzählt Bettina Janotta. Der Flughafen habe die Menschen ab März in einer separaten Ecke mit Feldbetten und Essen versorgt, sie und ihr Team hätten auch Extras wie Kleidung vorbeigebracht, vor allem aber beraten, telefoniert „viele hatten gar kein funktionierendes Handy“, um herauszufinden, wie es weitergehen kann. Manche der Passagiere mussten Wochen ausharren.

Gewiss wird das Jahr 2020 für den Dienst weiter heraus- und kräftefordernd: Wenn die Urlaubsflieger in ein paar Wochen heimkehren, erwartet Janotta wieder mehr Menschen, die Hilfe benötigen, denn mit dem Ende der Hochsaison rutschen in der Regel die Ticketpreise nach unten. „Und dann kommen mehr bedürftige Menschen, die in der Zeit der niedrigeren Preise reisen. Sie können sich häufig nicht selber helfen und erhalten von uns Unterstützung. “


Autorin

Bettina Behler 109 Artikel

Bettina Behler, Medieninformation Evangelische Öffentlichkeitsarbeit Frankfurt und Offenbach