Aktuelles

Wenn die Welt sich immer schneller dreht

Um die soziale Sicherung der Zukunft ging es bei dem diesjährigen ökumenischen Betriebsräteempfang.

Debatte über soziale Sicherung: Geführt unter anderem von v.li. Professor Wolfgang Nethöfel, Alexander Schart und Gunter Volz.  I Bild: Rolf Oeser
Debatte über soziale Sicherung: Geführt unter anderem von v.li. Professor Wolfgang Nethöfel, Alexander Schart und Gunter Volz. I Bild: Rolf Oeser

Im Galaterbrief des Apostels Paulus steht geschrieben: „Einer trage des andern Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen“ – aber was heißt das angesichts einer sich demographisch verändernden Gesellschaft – der Altersdurchschnitt liegt in Deutschland immer höher – und einer Welt, die von Digitalisierung geprägt ist? Welche Rolle kommt Kirchen und ihren Wohlfahrtsverbänden zu? Was kann Familie schultern, wo braucht es neue Brücken in Anbetracht der Umbrüche in Gesellschaft und Arbeitswelt? Diese Fragen stellte der evangelische Stadtdekan Achim Knecht bei seiner Begrüßung zum ökumenischen Betriebsräteempfang in der Evangelischen Akademie Frankfurt.

Nicht um einfache Antworten ging es an dem Abend, an dem unter anderem auch der katholische Stadtdekan Johannes zu Eltz und Philipp Jacks, Geschäftsführer der DGB Region Rhein-Main, teilnahmen, sondern um Austausch, um Zuhören. Einmal im Jahr laden die evangelische und die katholische Kirche Frankfurt wechselnd zu einem solchen Empfang ein. In diesem Jahr war die Evangelische Kirche in Frankfurt und Offenbach Gastgeberin und konnte in dem gläsernen Bau auf dem Römerberg rund 60 Arbeitnehmervertreterinnen und –vertreter begrüßen zu dem Themenschwerpunkt „Soziale Sicherung über Erwerbsarbeit – ein Auslaufmodell?

Gunter Volz, Pfarrer für Gesellschaftliche Verantwortung beim Evangelischen Stadtdekanat Frankfurt und Offenbach, der an dem Abend moderierte, hält eine Debatte über die soziale Sicherung der Zukunft für dringend erforderlich. Bislang sei das deutsche System sozialstaatlicher Sicherung sehr stark an Erwerbsarbeit gebunden. „Doch Lücken in der Erwerbsbiographie werden immer einschneidender, gerade bei Frauen. Der Sektor der prekären Beschäftigung ist in den letzten Jahren angewachsen. Schon heute erleben wir, dass Menschen sich als ,Unternehmer ihrer selbst' auf dem Markt behaupten müssen.“ Volz geht davon aus, dass die sogenannte Plattformökonomie dazu führen wird, dass Menschen, die heute noch auf ein festes Arbeitsverhältnis setzen können, sich „zukünftig im Internet von einem Job zum nächsten hangeln müssen“. Und nicht zuletzt mit einer entsprechend prekären Alterssicherung rechnen müssen.

Wie soll die „soziale Sicherung der Zukunft?“ also aussehen? Darüber referierte bei dem Empfang Professor Wolfgang Nethöfel, emeritierter Theologieprofessor und in Frankfurt auf vielerlei Weise engagiert, unter anderem als Kirchenvorstandsmitglied der Evangelischen Hoffnungsgemeinde und in der Werkstatt Bahnhofsviertel. Er sprach von „tiefgreifenden Veränderungsprozessen“ und „dass Kirchen Resonanzorte des Neuen“ sein können. Beispielsweise bei der Friedlichen Revolution im Osten Deutschlands 1989 habe sich das gezeigt.

Im Zusammenhang mit dem Thema seines Vortrags zur Zukunft der sozialen Sicherung plädierte der evangelische Theologe dafür, regulierende Institutionen zu stärken und mit ihnen zusammen nach Zukunftsoptionen zu suchen. Nethöfel, der sich seit Jahrzehnten auch im gewerkschaftlichen Rahmen und in der SPD engagiert, sprach sich für ein bedingungsloses Grundeinkommen aus. Für ihn ist dieser Ansatz „so etwas wie eine Vision oder auch ein Kompass“. Eine Auffassung, die Alexander Schart, Betriebsratsvorsitzender in der Konzernzentrale der Deutschen Bank in Frankfurt, nicht teilen mochte. Er hielt auf dem Betriebsräteempfang entgegen, Arbeit sei als beste soziale Sicherung zu verstehen und vielmehr sei auf Ausbildung und Qualifizierung der Mitarbeitenden zu setzen. Nethöfel sieht Arbeit gleichfalls als einen Teil menschlicher Selbstverwirklichung, aber es gehe da nicht zwingend um Erwerbsarbeit, betonte er.

Bei allen debattierten Fragen - für den evangelischen Stadtdekan Achim Knecht steht fest: „Unsere Gesellschaft braucht gelebte und staatlich abgesicherte Solidarität, um den auseinanderdriftenden Lebensverhältnissen und der damit zusammenhängenden Polarisierung etwas entgegensetzen zu können. “ Nicht zuletzt, um Rechtstendenzen in der Gesellschaft entgegenzuwirken", sagte er in seinem Statement.


Autorin

Bettina Behler 76 Artikel

Bettina Behler, Medieninformation Evangelische Öffentlichkeitsarbeit Frankfurt und Offenbach