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Wie kann sich die Bevölkerung vor Katastrophenfällen schützen?

Stadtdekan Holger Kamlah im Austausch mit Tobias Bräunlein, Abteilungsleiter Brand- und Katastrophenschutz im Hessischen Innenministerium, und Markus Röck, Amtsleiter der Branddirektion Frankfurt

Große Resonanz: Sowohl die Saalplätze als auch die Empore waren besetzt bei der Debatte in der  Evangelischen Akademie. I Foto:  Mathis Eckert
Große Resonanz: Sowohl die Saalplätze als auch die Empore waren besetzt bei der Debatte in der Evangelischen Akademie. I Foto: Mathis Eckert

„Pointiert“ hat gestern Abend Mechthild Harting, F.A.Z.-Redakteurin, Moderatorin der Runde zu „Ist Frankfurt kriegstüchtig?“, in der Evangelischen Akademie Frankfurt den Begriff „kriegstüchtig“ genannt. Offenkundig erhitzte der stadtweit plakatierte Titel viele Gemüter. Am Eingang der Akademie demonstrierten rund 30 Personen gegen die Veranstaltung, zu der das Kuratorium Kulturelles Frankfurt zusammen mit der Polytechnischen Gesellschaft und der Akademie eingeladen hatte. Aber auch drinnen stieß der Ausdruck auf Unmut, in den mit 200 Personen dicht gefüllten Stuhlreihen, auf dem Podium.

Harting sprach den evangelischen Stadtdekan von Frankfurt und Offenbach, Holger Kamlah, der zu den Podiumsgästen zählte, einleitend auf seine schon bei den Vorbereitungen genannte Kritik an. In Krisensituationen spiele auch Sprache eine wichtige Rolle, sagte Kamlah. Ohne Not sei dieser emotional aufgeladene Begriff gewählt worden. In Zeiten von globaler Verherrlichung von Gewalt und Stärke habe diese Titelwahl sein Missfallen erregt. Mit „verteidigungsfähig“ hätte er weniger Schwierigkeiten gehabt, äußerte Kamlah.

Der Stadtdekan saß neben Tobias Bräunlein, Abteilungsleiter Brand- und Katastrophenschutz im Hessischen Innenministerium, und Markus Röck, Amtsleiter der Branddirektion Frankfurt, auf dem Podium. Holger Radmann, Brigadegeneral der Luftwaffe der Bundeswehr und Kommandeur Landeskommando Hessen, musste kurzfristig absagen, da er im Schnee stecken geblieben war. Er hatte stattdessen Reservisten gebeten, durch Uniform kenntlich, in den ersten Reihen Platz zu nehmen und ansprechbar zu sein.

Die Aufmerksamkeit konzentrierte sich jedoch, auch bei der abschließenden Debatte, auf die Podiumsteilnehmer. Sie setzten sich damit auseinander, was es heißt, in Zeiten von Kriegen und Krisen vorzusorgen. „Es geht nicht nur darum, Tütensuppen zu Hause zu haben“, sagte Bräunlein, sondern um Resilienz: Wie ist es zu schaffen, dass eine Gesellschaft mit Bedrohungslagen umgehen kann, äußerte der hessische Brand- und Katastrophenschutzverantwortliche.

Der Stromausfall zur Jahreswende in Berlin sei ein Beispiel für Herausforderungen, mit denen Menschen konfrontiert seien und mit denen sie umgehen können müssten. „Hybride Kriegsführung“, eine Mischung von „Nadelstichen“, zu denen Stromausfälle gehören, aber auch Cyberangriffe, Spionage, Propaganda, sei ein Szenario, auf das die Menschen sich einstellen müssten, so Bräunlein, der zwischen Militärischer und Zivilverteidigung unterschied.

Gesellschaftlicher Zusammenhalt

„Vor zehn Jahren hätten wir noch anders über das Thema geredet“, sagte Branddirektor Röck. Die Nachrichten forderten heraus, es gehe darum, eine innere Haltung zu entwickeln, dafür zu sorgen, „dass wir uns nicht auseinanderentwickeln“. Kamlah nannte das „Neighbourism“, nachbarschaftliches aufeinander Achten und Unterstützen. Die Zunahme von Einsamkeit sei erschreckend.

Im Gespräch: v.li. Mechthild Harting, Tobias Bräunlein, Markus Röck, Holger Kamlah  I  Foto: Malte Dücker
Im Gespräch: v.li. Mechthild Harting, Tobias Bräunlein, Markus Röck, Holger Kamlah I Foto: Malte Dücker

Branddirektor Röck erwähnte konkrete Maßnahmen, wie die Anschaffung von zusätzlichen Sirenen in Frankfurt, die Gelder seien genehmigt. Verärgert äußerte er sich darüber, dass die Verfahren bis zur Installation allzu lang dauerten. Vergaberecht und Datenschutz blockierten das Einstellen auf die Herausforderungen. Sorgen macht Markus Röck die „Entsolidarisierung“ der Gesellschaft. Seiner Ansicht nach kann ein Jahr Engagement für die Allgemeinheit dem entgegenwirken.

Aus dem Publikum kamen beispielsweise Fragen zu den finanziellen Ressourcen für die Vorsorge oder dazu, wie in einer diversen Gesellschaft die Menschen umfassend mit Informationen erreicht werden können. Ein Sozialwissenschaftler fragte aus der hinteren Reihe, was ist mit der Angst, die mit solchem Geschehen einhergeht? Kamlah, der eine Zusatzausbildung in klinischer Seelsorge hat, berichtete, dass Menschen, die mit Glaube wenig zu tun haben, für Rituale offen seien, auch für Gebete. Röck erlebt, dass die Menschen in einer Notsituation „viel kooperativer sind, als vermutet“.

Der Abend war Teil der Reihe „Wagnis, Mut und Verantwortung“, informierte Cornelia von Wrangel, Vorsitzende des Kuratoriums Kulturelles Frankfurt. Helge Bezold, Theologischer Studienleiter der Evangelischen Akademie Frankfurt, erläuterte, diese Veranstaltung gehöre zu dem Konzept der Akademie als „Diskursort“.

Neben den 200 Besucher:innen vor Ort verfolgten 200 Personen den Abend im Livestream, auf Youtube gibt es eine Dokumentation der Veranstaltung:https://www.youtube.com/watch?v=TghUPMqT6k8


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Bettina Behler 398 Artikel

Bettina Behler, Medieninformation Evangelische Öffentlichkeitsarbeit Frankfurt und Offenbach