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„Wir müssen auch mit Menschen außerhalb der Kirche ins Gespräch kommen“

Die Frankfurter Pfarrerin Susanne Bei der Wieden ist von der Gesamtsynode der Evangelisch-reformierten Kirche in Deutschland (ERK) zur Kirchenpräsidentin gewählt worden. Im Sommer wird die 54 Jahre alte Theologin daher Frankfurt verlassen und nach Leer in Ostfriesland ziehen, wo das Landeskirchenamt der Reformierten seinen Sitz hat. Die reformierten Kirchen stehen nicht nur in der Tradition Martin Luthers, sondern auch der Schweizer Reformatoren Zwingli und Calvin. Zur ERK gehören knapp 170.000 Mitglieder in 143 Kirchengemeinden.

Susanne Bei der Wieden wird Kirchenpräsidentin der Evangelisch-reformierten Kirche in Deutschland. | Foto:  Tim Wegner/epd-Bild
Susanne Bei der Wieden wird Kirchenpräsidentin der Evangelisch-reformierten Kirche in Deutschland. | Foto: Tim Wegner/epd-Bild

Frau Bei der Wieden, Sie waren jetzt 18 Jahre lang Pfarrerin der Evangelisch-reformierten Gemeinde in Frankfurt, wie war diese Zeit für Sie?

Ich habe mich in Frankfurt immer wohlgefühlt, sowohl in der Gemeinde als auch in der Stadt. Ich lebe gerne im Rhein-Main-Gebiet. Aber auch meine Tätigkeit hier habe ich sehr gerne ausgeübt, ich habe hier immer freundliche aufgeschlossene herzliche Menschen getroffen und hatte ein sehr breites Betätigungsfeld, das mir viel Spaß gemacht hat.

Bei Ihrer Kandidatur zur Kirchenpräsidentin der ERK sagten Sie, die Kirche müsse sprachfähiger werden. Wo ist sie denn derzeit nicht sprachfähig?

Ich finde, in Frankfurt ist die Kirche schon recht sprachfähig, viele Gemeinden haben sich hier in letzter Zeit stark darum bemüht. Aber insgesamt sind wir in der Kirche doch zu viel mit unseren eigenen Fragen und Strukturprozessen beschäftigt. Das macht sich auch in Papieren der Evangelischen Kirche in Deutschland „Kirche der Freiheit“ oder jetzt aktuell in den „Leitsätzen“ bemerkbar. Die sprechen doch eine sehr innerkirchliche Sprache. Ich finde, wir müssen uns sprachlich mehr auf das einlassen, was außerhalb der Kirche üblich ist. Das betrifft aber auch die Frage nach andere Akteuren im kommunalen Raum. Zum Beispiel haben wir uns lange stark auf die Mitgliederorientierung fokussiert, und dabei auch noch vor allem die kirchliche Kerngemeinde im Blick gehabt. Wenn ich es mal ein bisschen frommer sage: Wir haben uns zu wenig Gedanken über Missionskonzepte gemacht, die über Mitgliedergewinnung hinausgehen. Wir müssen aber auch einen Weg suchen zu Menschen, die nicht zur Kirche gehören, und uns überlegen, wie wir mit ihnen ins Gespräch kommen können. Und zwar nicht, weil wir meinen, wir hätten das Heil für sie in der Tasche, sondern um deren Fragen und Themen zu hören. Allerdings hat sich da in der letzten Zeit schon einiges getan, wir fangen an, dafür ein Gespür zu entwickeln.

Glauben Sie, dass dieser Prozess auch wegen der veränderten Mediennutzung in der Corona-Zeit einen Schritt nach vorn gemacht hat?

Auf jeden Fall, und zwar einerseits, was die Quantität angeht, aber auch in der Form. Als wir voriges Jahr angefangen haben, Gottesdienste zu streamen, haben wir zunächst erst einmal wieder nur unsere eigenen Leute bedient und zum Beispiel Gottesdienste eins zu eins im Internet gestreamt. Dann haben wir aber gemerkt, dass traditionelle Gottesdienste nicht recht zu diesem Medium passen, dass unsere Predigten deutlich kürzer werden müssen, dass wir eine Beteiligungskultur brauchen. Vielerorts haben wir dann angefangen, auch Gottesdienste per Zoom zu feiern, mit kürzeren Impulsen, an denen sich die Leute dafür aber beteiligen konnten. Und siehe da: Es nehmen daran wesentlich mehr Leute teil. Vielleicht werden wir dann später auch unsere analogen Gottesdienste anpassen. Ich denke, die Entwicklung, die wir jetzt im Netz gemacht haben, wird die kirchliche Landschaft auch nach Corona verändern. Wir mussten alle den gewohnten geschützten Raum unserer Kirchen und Gemeindehäuser verlassen und ins kalte Wasser springen. Ich merke das auch an mir selbst. Anfangs habe ich mich überhaupt nicht gerne im Video gesehen, aber inzwischen habe ich mich schon daran gewöhnt.

Wenn sich die Kirche weniger mit ihren eigenen internen Themen befassen soll, sondern mit denen der Welt, welche wären das denn Ihrer Ansicht nach?

Da müssen die einzelnen Gemeinden schauen, welche Themen bei ihnen vor Ort relevant sind, das kann man nicht pauschal beantworten. In vielen Stadtteilen wird sicher die Schere von Arm und Reich ein Thema sein, in anderen geht es vielleicht eher um das Zusammenleben der Religionen und Ethnien. Hier im reichen Westend ist es die Frage nach Arbeitsbedingungen und den Grenzen der Erwerbsarbeit, die die Leute beschäftigt, vielleicht auch die Frage von Geld und Gier. Natürlich werden uns durch die Politik auch überregionale Fragen gestellt, wie jetzt aktuell zum Beispiel das Thema des assistierten Suizids. Für mich gehört auf jeden Fall auch die Frage der Schöpfungsverantwortung, dazu, und zwar nicht nur im Bereich Klima, sondern auch im Bereich Tierschutz und überhaupt der Umgang mit Ressourcen und das Konsumverhalten. Dann ist da natürlich auch der Umgang mit Geflüchteten und die Frage, wie wir da in Europa weitermachen. Was mich persönlich noch stark bewegt, ist die Gefahr des wachsenden Demokratieverlusts. Da bräuchte es konzertierte Anstrengungen, finde ich, da wäre die europäische Gemeinschaft gefragt. Man kann doch nicht einfach hinnehmen, dass in Hongkong die Demokratie weggewischt wird, oder in Myanmar oder in Belarus. Es brennt mir wirklich auf der Seele, dass Europa sich dazu nicht verhält, und ich meine, da müssten wir als Kirche dringend nicht nur auf die Bundesregierung, sondern auch auf die Europäische Union hinwirken, dass sie viel konsequenter demokratische Werte verteidigt.

Das sind alles wichtige Themen, mit denen sich viele Menschen auch aus einer ethischen, demokratischen, humanistischen Perspektive beschäftigen. Was wäre denn ein spezifisch christlicher Beitrag dazu?

Die Frage zum Suizid zum Beispiel ist sicher ein Thema, bei dem wir theologisch argumentieren könnten, indem wir sagen, dass die Grenze unseres Lebens bei Gott liegt. Wir bringen dabei eine andere Hoffnung und Perspektive ein als etwa Humanisten, weil wir schon ein anderes Menschenbild haben. Auch beim Thema „Bewahrung der Schöpfung“ gibt es starke theologische Bezüge, weil wir nicht nur sagen, dass wir das Klima retten müssen, weil wir sonst alle untergehen, sondern wir sehen uns Menschen einer Welt gegenüber, die uns geschenkt ist, das heißt, wir müssen uns für unseren Umgang mit ihr auch vor Gott verantworten. So ein theologisches Moment würde ich in den Debatten durchaus einspielen, aber natürlich im Dialog. Wenn wir uns engagieren und erläutern, warum wir etwas tun und wichtig finden, heißt das ja nicht, dass andere, die andere Gründe haben, nicht genauso mitmachen sollen.

Was werden Sie vermissen, wenn Sie im September aus Frankfurt weggehen?

Ich glaube, das wird schon eine große Umstellung für mich, weil die beiden Kirchen, die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau und die Evangelisch-reformierte Kirche, doch sehr unterschiedlich funktionieren. Ich habe hier immer gerne auf die Fachlichkeit zum Beispiel der Zentren für Ökumene oder für Verkündigung zurückgegriffen, so etwas haben wir da oben in Leer nicht. In der ERK sind die Kolleginnen oder Kollegen in den Gemeinden eher Allrounder, also das wird sicher eine Umstellung sein. Aber was ich dann vermissen werde, weiß ich jetzt noch nicht.


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Antje Schrupp 157 Artikel

Dr. Antje Schrupp ist Chefredakteurin von Evangelisches Frankfurt und Offenbach. Die Journalistin und Politikwissenschaftlerin bloggt auch unter www.antjeschrupp.com

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