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„Bezahlbarer Wohnraum ist das Thema Nummer eins in Großstädten“

Ob Hannover, Hamburg oder auch Düsseldorf: Die sozialen und gesellschaftspolitischen Fragen, die auftauchen, ähneln sich. Vertreterinnen und Vertreter von Großstadt-Diakonien in ganz Deutschland tagten mit Diakonie-Präsident Ulrich Lilie beim Diakonischen Werk für Frankfurt und Offenbach.

v.li.: Diakonie-Präsident Ulrich Lilie (8.), Stadtdekan Dr. Achim Knecht (11.), Bürgermeister Uwe Becker (12.) und Gastgeber Michael Frase, Leiter des Diakonischen Werkes für Frankfurt und Offenbach (ganz rechts)  I  Foto: Rolf Oeser
v.li.: Diakonie-Präsident Ulrich Lilie (8.), Stadtdekan Dr. Achim Knecht (11.), Bürgermeister Uwe Becker (12.) und Gastgeber Michael Frase, Leiter des Diakonischen Werkes für Frankfurt und Offenbach (ganz rechts) I Foto: Rolf Oeser

Der Taxifahrer aus Berlin-Mitte kann seine Wohnung nicht mehr bezahlen und muss nach Brandenburg ziehen: „Die wollen mich nicht mehr hier“ erzählte er Ulrich Lilie. Der Präsident der Diakonie Deutschland hört, egal ob er in Berlin, Leipzig, Frankfurt oder Hamburg unterwegs ist, überall ähnliche Geschichten: „Bezahlbarer Wohnraum ist das Thema Nummer eins, die Leute sagen, dass sie es sich nicht mehr leisten können, in den Städten wohnen zu bleiben, das reicht bis weit in den Mittelstand hinein.“ Ulrich Lilie war mit Vertreterinnen und Vertretern von Diakonien aus ganz Deutschland nach Frankfurt gereist, „Eine Stadt für alle“ war das Thema der Arbeitsgemeinschaft Großstadt-Diakonien während ihrer zweitägigen Sitzung im Diakonischen Werk für Frankfurt und Offenbach.

„Frankfurt am Main und München sind die Spitzenreiter bei den Miet- und Lebenshaltungskosten“, erfuhren die Gäste von Uwe Becker, Bürgermeister der Stadt Frankfurt am Main, der zum Auftakt sprach. Der Kämmerer und Kirchendezernent nannte die in der Mainmetropole bestehende Partnerschaft zwischen Stadt und Kirchen „einen großen Schatz für den sozialen Zusammenhalt“. Auch der evangelische Stadtdekan Achim Knecht, der ebenfalls als Gast zum Auftakt gekommen war, betonte die enge Kooperation mit der Stadt. Kämmerer Uwe Becker nannte Fakten: Die Stadt Frankfurt stellt eine Milliarde Euro im Sozialetat und rund 800 Millionen Euro im Bildungsetat bereit, bietet städtische Arbeitsmarktprogramme für Langzeiterwerbslose und weitere freiwillige Leistungen wie den Frankfurt-Pass, kostenlosen Schwimmbadbesuch für alle Frankfurter Kinder bis 14 Jahren und die Kultur-Familienkarte: „Die Stadt Frankfurt meint es ernst mit der Teilhabe aller am städtischen Leben.“ Wie notwendig das ist, zeigt die Zahl von rund 72.000 Menschen, die in Bedarfsgemeinschaften leben, also Hartz IV erhalten. Das ist fast jeder zehnte Frankfurter, unter ihnen viele Kinder unter 15 Jahren.

Das Thema der vielen Menschen ohne legalen Aufenthaltsstatus in der Stadt sprach Michael Frase, Leiter des Diakonischen Werkes für Frankfurt und Offenbach an und auch Rainer Müller-Brandes vom Diakonischen Werk Hannover fragte Kämmerer Uwe Becker wie die Stadt damit umgehe. Becker bekannte sich beispielsweise zu Angeboten wie der Winterübernachtung für Obdachlose und zu Sprechstunden für Menschen ohne Krankenversicherung, Rückkehrhilfen sieht er auch als eine Möglichkeit, damit Menschen in ihren Heimatländern wieder Fußfassen.

Und wie steht es um die Anfälligkeit der Stadtgesellschaft für rechtsextremes Gedankengut? Der evangelische Stadtdekan Achim Knecht wies auf die starke Tradition des Römerbergbündnisses gegen Rechtsextremismus hin. Zudem sei Frankfurt von Internationalität geprägt und präventiv wirke auch, dass „die Stadt bei der Wohnungsvergabe darauf geachtet hat, dass es keine Ghettobildung nach Nationalitäten gibt.“

„Was hält uns zusammen, was ist die Erzählung der Stadt?“, fragte Diakonie-Präsident Ulrich Lilie. „Frankfurt ist sehr offen, für Neuankommende, die Teil der Stadtgesellschaft werden wollen“, antwortete Uwe Becker. Diakoniepfarrer Thorsten Nolting von der Diakonie Düsseldorf, wies auf die Entwicklung in Düsseldorfer Stadtteilen wie Oberkassel oder Kaiserswerth hin, in denen Menschen mit hohen Einkommen wohnen, hier gibt es keine gemeinsame Erzählung einer Stadt für alle mehr. Stadtteile für alle offen zu halten ist wichtig, betonte Nolting.

Als „enormen Sprengstoff für den Zusammenhalt in der Stadtgesellschaft“ bezeichnete Diakonie-Präsident Ulrich Lilie das Thema bezahlbaren Wohnraum. Auch Kirchen und Diakonien sollten mit ihrem eigenen Wohnungsbestand einen Beitrag leisten, um bezahlbaren Wohnraum zu erhalten. In Hamburg beispielsweise gehören dem Verein Stadtmission 100 Wohnungen in zentraler Lage berichtete Ulrich Hermannes aus der Hansestadt: „Als Kirche können wir Inseln schaffen und bestimmte Einkommensgruppen und gesellschaftliche Gruppen fest in die städtischen Quartiere hineinbringen.“


Autorin

Susanne Schmidt-Lüer ist Mitglied der Stabsstelle Kommunikation, Marketing und Fundraising des Evangelischen Regionalverbandes Frankfurt und Offenbach. Sie schreibt auch als freie Autorin, vor allem über Sozialpolitik, Kirche, Alter und wirtschaftspolitische Themen.