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Gruß des Stadtdekans zu Ostern

Angesichts der Corona-Pandemie ist in diesem Jahr Verzicht auf physische Nähe angesagt: Der evangelische Stadtdekan Achim Knecht wendet sich deshalb schriftlich in der Karwoche und zu Ostern an die Mitarbeitenden der Evangelischen Kirche in Frankfurt und Offenbach – und zugleich an die Protestantinnen und Protestanten und alle in den beiden Städten lebenden Menschen.

Foto: colourbox.com
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Er ist wieder da! Sie hatte nicht geglaubt, ihn je wiederzusehen. Und nun – steht er leibhaftig vor ihr. Die Tränen der Trauer werden zu Freudentränen. Sie macht einen Schritt auf ihn zu, will ihm um den Hals fallen und ihn ganz fest drücken. Sie ist so glücklich. Doch er weicht zurück. Vorsicht! Komm mir nicht zu nahe, halte Abstand!

Er ist wieder da! Sie hatte nicht geglaubt, ihn je wiederzusehen. Und nun – steht er leibhaftig vor ihr. Die Tränen der Trauer werden zu Freudentränen. Sie macht einen Schritt auf ihn zu, will ihm um den Hals fallen und ihn ganz fest drücken. Sie ist so glücklich. Doch er weicht zurück. Vorsicht! Komm mir nicht zu nahe, halte Abstand!

Social Distancing im Jahr 2020. Und in der Bibel. Ausgerechnet an Ostern. Jesus war tot, nun ist er lebendig. Maria Magdalenas Herz war eben noch schwer von Trauer. Jetzt hat sie Herzklopfen vor Freude. Jesus ist wieder da! Er ist nicht tot! Natürlich sucht sie seine Nähe und will in seine Arme sinken vor Glück.

Wir hätten zur Zeit wahrscheinlich den gleichen Reflex wie Jesus. Achtung, Abstand! Mindestens 1,5 Meter. Du weißt doch, die Regeln wegen des Corona-Virus! Wir halten uns daran. Beim Spazierengehen wechseln wir die Seite, wenn uns jemand entgegenkommt. Im Supermarkt beachten wir die Markierungen am Fußboden. Und immer mehr Menschen tragen Gesichtsmasken, um auch mit dem Atem auf Abstand zu bleiben.

Viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Einrichtungen der Evangelischen Kirche können keinen Abstand einhalten. Wer einen alten Menschen pflegt, wer für Jugendliche aus schwierigen familiären Verhältnissen da ist, wer für Menschen ohne Wohnung Essen ausgibt oder Geflüchtete in den Großunterkünften versorgt, kann nicht meterweit auf Distanz bleiben. Die Mitarbeitenden in den diakonischen Arbeitsfeldern gehen ein erhöhtes Risiko ein, sich selbst anzustecken. Für diesen Dienst der Nächstenliebe danke ich ihnen sehr herzlich!

Auch in anderen Arbeitsbereichen zeigen Mitarbeitende ein hohes Engagement, um die Herausforderungen durch die Corona-Pandemie zu bewältigen. In der Verwaltung wurde in wenigen Tagen Home-Office für viele Mitarbeitende eingeführt. Sie müssen nun Beruf und Familie zu Hause unter einen Hut bekommen. Mit großer Flexibilität haben sie sich auf die veränderte Arbeitssituation eingelassen. Dafür danke ich allen. Mein besonderer Dank gilt den Kollegen aus der IT-Abteilung, die in kürzester Zeit die Basis für das Arbeiten zu Hause geschaffen haben.

Die Kirchengemeinden entwickeln fantasievolle Angebote, um digital oder ganz herkömmlich mit Hilfe von ausgedruckten Texten zu Hause miteinander Gottesdienst zu feiern und zu beten. Sie stellen Material zusammen, wie Familien daheim die Kar- und Ostertage feiern können. Und natürlich halten sie Kontakt zu den Gemeindemitgliedern. Der Hausbesuch erfolgt nun per Telefon. Die Menschen wissen: Wir können zwar nicht in die Gemeinde gehen, aber die Gemeinde ist weiterhin für uns da.

Zugleich müssen wir es aushalten, stillzuhalten. Es ist nicht möglich, in dieser Situation Angebote zu machen wie sonst. Wir haben auch die Aufgabe, uns in Geduld zu üben und das Beten über das Tun zu stellen. Zur Ruhe kommen, aufmerksam wahrnehmen, was in unserem Inneren vor sich geht und was wir im alltäglichen Trubel vielleicht schon längere Zeit überhört haben. Und dies dann in das Gespräch mit Gott mitnehmen, mit ihm zusammen bedenken.

Dabei wird die Sorge eine große Rolle spielen. Wie werden meine betagten Eltern die Corona-Krise überstehen? Mein Mann ist schon lang verstorben – wer merkt eigentlich, dass ich krank bin, wenn mich niemand besuchen darf? Wir erwarten unser erstes Kind und nun darf mein Partner nicht mit in den Kreißsaal! Wird unser Betrieb die Krise überleben? Muss ich meine Mitarbeitenden entlassen? Wie werden wir am Ende finanziell dastehen? Wovon soll ich meinen im letzten Jahr aufgenommenen Kredit zurückzahlen? Hat mein Geschäftsmodell noch Zukunft, wenn die Menschen weniger Geld zur Verfügung haben werden?

Unsere Gedanken sind vor allem bei denjenigen, die um ihr Leben ringen, und bei denen, die sich um sie kümmern. Für das medizinische Personal ist die Überforderung und Erschöpfung abzusehen. Auch sie stellen sich in den Dienst der Nächstenliebe. Dafür danken wir ihnen von Herzen. Die Krise müsste der Ausgangspunkt sein, unser Gesundheitssystem neu zu ordnen.

Wir denken an die Verstorbenen und ihre Angehörigen, die nun nur im ganz kleinen Kreis Abschied nehmen können. Uns steht die Trauer vor Augen, die viele Familien treffen wird, nicht absehbar, sondern unerwartet. Wegen einer Krankheit, die es bis vor wenigen Monaten nicht gab. In der Klinikseelsorge beschäftigt uns die Frage, wie Angehörige den Kontakt zu Schwerkranken und Sterbenden halten können, wenn sie wegen der hohen Infektionsgefahr Kliniken nicht betreten können.

Dass Menschen allein sterben, trifft aber nicht nur Covid 19-Patienten. Jetzt wird sichtbar, dass in unseren Kliniken immer wieder Menschen allein sterben, weil sie keine Angehörigen haben, diese zu weit wegwohnen, sie sich nicht kümmern wollen oder ein Streit die Familie entzweit hat. Vielleicht regt uns die Krise dazu an, stärker über die Einsamkeit in unserer Gesellschaft nachzudenken und Ideen zu entwickeln, wie wir ihr entgegenwirken können.

Diese Gedanken passen gut zur Karwoche. Nach Ostern fühlen sie sich nicht an. Auch in der Ostergeschichte von Maria Magdalena und Jesus, die das Johannes-Evangelium erzählt, bleibt ein trauriger Unterton. So sehr sich Maria über die Auferstehung Jesu von den Toten gefreut haben dürfte, so bitter wird es für sie gewesen sein, zu Jesus auf Distanz bleiben zu müssen. Nie stand mir das so vor Augen wie in diesem Jahr.

Gleichwohl finde ich in dieser Geschichte Trost. Jesus selbst sagt zwar: Rühre mich nicht an, Maria, denn die Auferstehung ist noch nicht vollendet. Ich bin noch nicht aufgefahren zu Gott, unserem Vater im Himmel. Aber du sollst wissen: Ich lebe! Du sollst es mit eigenen Augen sehen. Doch dieses neue Leben ist anders als alles, was Du kennst. Es lässt sich mit deinen irdischen Sinnen nicht erfassen.

Das neue Leben ist ein Leben in der unmittelbaren Nähe zu Gott. Kein Distancing mehr von Seiten Gottes. Gott wird uns in seine Arme nehmen und uns darin bergen. Und wir, wir werden keine Angst mehr haben, keine Sorgen, keine Atemnot, keine Erschöpfung, keine Trauer. Wir werden umfangen sein von Gottes Liebe.

Die Corona-Krise jetzt ist ein Zwischenzustand, ein sehr bitterer. Doch es wird die Zeit kommen, in der das Leben sich wieder neu entfalten wird. Wir werden das Virus und seine Folgen überwinden. Dazu gibt Gott uns die Fähigkeiten und die Kraft. Das wird für uns wie ein kleines Ostern sein. Am Ende unserer Tage aber wartet das große Ostern auf uns. Die Auferstehung von den Toten. Unsere Heimkehr in Gottes Reich, in Gottes liebende Arme. Darauf vertraue ich.

Ich wünsche Ihnen einen gesegneten Karfreitag und trotz allem: Frohe Ostern!

Ihr Pfarrer Dr. Achim Knecht, Stadtdekan


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Achim Knecht 3 Artikel

Dr. Achim Knecht ist Pfarrer und evangelischer Stadtdekan von Frankfurt und Offenbach.