Aktuelles intern

Können Frauen mit dem Erreichten zufrieden sein?

Am Weltfrauentag fand im Dominikanerkloster das jährliche Frauenfrühstück statt - aus diesem Anlass interviewten wir die Organisatorinnen Prodekanin Ursala Schoen und Bettina Behler aus der Öffenbtlichkeitsarbeit

Mitarbeiterinnen des des Evangelischen Regionalverbandes Frankfurt und Offenbach trafen sich am 6. März zu einem Frauenfrühstück im Dominikanerkloster. Dabei wurde auch das Buch "Frauenbewegung in der EKHN" vorgestellt. / Foto: Rolf Oeser
Mitarbeiterinnen des des Evangelischen Regionalverbandes Frankfurt und Offenbach trafen sich am 6. März zu einem Frauenfrühstück im Dominikanerkloster. Dabei wurde auch das Buch "Frauenbewegung in der EKHN" vorgestellt. / Foto: Rolf Oeser

EFOI: Gleichstellung – können Frauen heute aus Ihrer Sicht in unserer Gesellschaft mit dem Erreichten zufrieden sein?
Ursula Schoen: Nein, das können sie nicht. Die fürsorgende Arbeit ist nachwievor vorrangig Sache von Frauen. Frauen bewältigen Familie und Haushalt in ihrer "Freizeit" - dies ist aber weder ein "hobby" noch dient es der Erholung, sondern ist fordernd und anstregend zumal bei einem unzureichenden öffentlichen und privaten Betreuungsnetz. Die Gehälter von Frauen sind nachwievor schlechter als die von Männern. Frauen erleben kontinuierlich viel versteckte und nicht strafrechtlich verfolgte Gewalt in Ehen und Familien. Frauen in Deutschland sind bis heute nicht wirklich auf Führungsebenen angekommen, daran ändern auch die Bundeskanzerlin nichts noch Frau von der Leyen.
Bettina Behler: Das sehe ich auch so. Und da geht es ausdrücklich um alle Frauen in unserer Gesellschaft. Viele arbeiten nicht nur in Teilzeit, sondern auch in prekären ungesicherten Arbeitsverhältnissen. Anderen ist es nicht möglich, zu entscheiden, welches Lebensmodell sie für sich wollen, zu Hause bleiben, arbeiten gehen – weil Männer ihnen die Entscheidung darüber nehmen, weil es an Kinderbetreuung fehlt und anderen Gründen.“

EFOI: Warum sind die Frauen heute gefühlt so „stumm“ und wenig sichtbar mit Ihren Anliegen? Kulturgeschichtlich waren Frauen im öffentlichen Raum in vielen Gesellschaften immer "stumm". Das deckte sich nicht unbedingt mit ihrer Rolle und ihren Möglichkeiten im familiären Bereich und eigenen starken Rollen im Familienbetrieb, etwa im handwerklichen Bereich. Das bürgerliche Familien- und Geschlechterideal, das sich mit Beginn des 19. Jahrhunderts entwickelte, hat diese Rollenverteilung noch biologisch und psychosozial untermauert. In Deutschland wurde damals das Konstrukt der "geistigen Mütterlichkeit" entwickelt. Institutionell wurde die öffentliche Präsenz 1919 mit dem Einzug der Frauen in den Reichtstag manifestiert (die erste Rede im Reichtstag hielt übrigens eine der Gründerinnen der AWO, Marie Juchacz). Ich bin Mutter von drei Töchtern. Sie sind alle mehr oder weniger frauenrechtlich engagiert. Ich glaube nicht, dass Frauen heute "stumm" sind, sie aber anders - auch auf anderen öffentlichen Pattformen - agieren als die "ältere" Generation (z.B. über Hashtags#).

EFOI: Meine These: Viele Frauen haben heute einfach keine Zeit, feministische Ansichten zu verkünden - sie sind beschäftigt mit Job, Kindern, Partnerschaft, Haushalt und der Organisation von allem. Da stimme ich zu. Es bleibt wenig Kraft zur politischen Aktion, obwohl sie dringend nötig wäre. Vernetzung, etwa von alleinerziehenden Frauen, ist z.B. ein Thema. Es geht eben nicht nur um individuelle Themen und Probleme von einzelnen Fruen, sondern um gesamtgesellschaftliche wie Geschlechtergerechtigkeit. Da kann "frau" alleine wenig ausrichten. Vielleicht hat Kirche in der Unterstützung von solcher Vernetzung auch eine Aufgabe!

EFOI: Warum macht die Kirche sowas wie ein „Frauenfrühstück“, es gibt ja auch kein Männerfrühstück? Wir machen ein Frauenfrühstück, weil wir finden, dass viele Themen, die den Alltag von Frauen betreffen, noch nicht gelöst sind (zum Beispiel, dass fürsorgende Arbeit als Freizeitvergnügen verbucht wird), auch in der Kirche nicht. Frauen fehlen nach wie vor in kirchlichen und diakonischen Leitungsebenen. Kirchlich und theologisch können wir viel dafür tun, dass gesellschaftliche Rollenmuster nicht durch unsere liturgische Sprache (Bibel und Gebet) zementiert werden, sondern die Bibel als Buch des "Empowerments" für Benachteiligte, auch von Frauen, gelesen und erlebt werden kann. Dazu brauchen wir Gespräch und Begegnung.

Bettina Behler: Auch wenn es Kaffee gibt, mit Kaffeekränzchen hat ein Frauenfrühstück nichts zu tun. Einander kennenlernen, sich vernetzen, gemeinsam weiterdenken – das ist ein Gedanke der Frauenbewegung, der unvermindert aktuell ist. Und im Übrigen: Nichts spricht gegen ein „Männerfrühstück“. Über Rollen in Bezug auf die Erwerbsarbeit und das Spannungsfeld Beruf und Privates nachzudenken, da gäbe es beim Kaffee bestimmt auch für die Kollegen was zu besprechen.“

EFOI: Das Buch ist ja toll – man fragt sich nur, warum auf diese Idee zwei Pfarrerinnen im Ruhestand kommen und nicht jüngere Frauen der Kirche. Was hat das für Gründe Ihrer Meinung nach? Junge Frauen in der Kirche schreiben auch, vielleicht nicht solche Bücher, aber anderes! Es gibt sehr engagierte Professorinnen gerade in den biblischen Fächern, die schreiben wunderbare Bücher. Ich finde es ganz großartig, dass zwei Frauen, die ihr Berufsleben lang aktiv in diesen Fragen waren, nun dieses Buch geschrieben haben. Sie haben ihren Ruhestand als Freiraum genutzt, um etwas zu tun, wozu andere - wie auch sie selbst - im Berufsalltag keine Zeit hatten und haben. Sie machen im Ruhestand nicht nur "Wellness" und Reisen, sondern auch etwas anderes/sinnvolles und haben, wie ich sehe, auch noch viel Spaß dabei. Ich bin auch nun auch schon Großmutter und finde es gewichtig, wenn Frauen sich generationsübergreifend unterstützen, da ändern sich die Rollen in jeder Lebenphase, aber wichtig ist, dass wir intergenerational in Beziehung bleiben. Das ist Ausdruck von Lebendigkeit! Ich kann Ute Knie und Helga Engler-Heide einfach nur danke sagen!

EFOI: Welche „Baustellen“ sehen Sie nach wie vor? Ein großes weiteres Thema ist die Bildung, die auch ein Integrationsmotor für Migrantinnen und ihre Töchter ist. Hier gibt es viele zivilgesellschaftliche Initiativen, aber der politische Wille, um nicht zu sagen, die Selbstverpflichtung der Bundesrepublik fehlt. Müttern,die Teilnahme an Integrationskursen schon rein praktisch zu ermöglichen, ist ein Beispiel. Wir brauchen sehr viel mehr Föderprogramme, um Frauen, die durch ihre Sprache und Kultur in Deutschland fremd sind oder nicht vollumfänglich am öffentlichen Leben teilnehmen können, zu unterstützen und zu stärken.

2013-Behler,Bettina.jpg
Bettina Behler Redakteurin und Autorin in der Arbeitsstelle Öffentlichkeitsarbeit im Dominikanerkloster und ist dort unter anderem zuständig für Pressearbeit.
Dr. Ursula Schoen
Dr. Ursula Schoen Prodekanin im Evangelischen Stadtdekanat Frankfurt und Offenbach

Autorin

Sandra Hoffmann 16 Artikel

Sandra Hoffmann ist Journalistin in der Öffentlichkeitsarbeit der Evangelischen Kirche in Frankfurt und Offenbach.