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Von der Kirchenbank ans Lesepult

Elf Männer und Frauen wurden als Lektoren eingeführt

Einführung der neuen Frankfurter Lektorinnen und Lektoren / Foto: Wolfgang Behler
Einführung der neuen Frankfurter Lektorinnen und Lektoren / Foto: Wolfgang Behler

Wichtig ist es, Pausen einzulegen. Aus einem Punkt kann ruhig auch mal ein regelrechter Kreis werden: zum Luftholen, ausatmen, die Gemeinde anschauen. Eine der zentralen Lektionen des Lektorenkurses: Durchhecheln hilft nichts. Wie erobere ich den Raum, was macht ein Perspektivwechsel mit mir, wenn ich statt in der Kirchenbank zu sitzen, in der Kirche am Lesepult das Mikrofon ausrichte auf meine Körpergröße? Fragen, auf die von August 2018 bis August 2019 die elf Teilnehmenden des Lektorenkurses des Stadtdekanats Frankfurt und Offenbach und des Dekanats Rodgau Antworten suchten.

Vier Frankfurterinnen, ein Frankfurter, drei Gemeindeglieder aus dem Rodgau, eine Teilnehmerin aus dem Hochtaunus, zwei aus dem Dekanat Darmstadt, eine Wiesbadenerin haben ein Jahr lang in ihren Mentorengemeinden – das sind nicht die „Heimatgemeinden“ - Feedback eingesammelt in Sachen Gottesdienstgestaltung. Zuerst übernahmen sie möglicherweise die Lesung, sprachen vielleicht mal ein Gebet, zum Schluss trugen sie – extern begutachtet von Dekanin oder Dekan - eine ganze Lesepredigt vor.

In der evangelischen Lutherkirche im Frankfurter Nordend erhielten sie nun alle von Prodekanin Ursula Schoen ihre Beauftragung als Lektorin. „Wir freuen uns, dass wir eine Gruppe neuer Lektorinnen und Lektoren in ihr Amt einführen können. Sie bereichern unseren öffentlichen Verkündigungsdienst durch ihre Berufs- und Lebenserfahrungen. Angesichts der verbalen und rechtlichen Abschottungen ist es heute mehr denn Aufgabe der Verkündigung: Dialoge zu eröffnen und Menschen in hoffnungsvolle Perspektiven hineinzunehmen“, so die Prodekanin.

Im Unterschied zu Prädikantinnen und Prädikanten, sind die neuen Lektorinnen und Lektoren zukünftig nur befugt, vorliegende Predigten vorzutragen – eventuell mit kleinen Änderungen. Eigenes Formulieren, kommt erst im zweiten Schritt. Lektoren- und Prädikantenausbildung zu trennen, ist ein neues Modell. Pfarrer Hans Reiner Haberstock, Pfarrer der Luthergemeinde, der zuvor schon drei Prädikantenkurse geleitet hat, findet die Teilung nicht schlecht. „Man muss da reinwachsen.“Mit ihm und Pfarrer Ralf Feilen haben Martin Birkenfeld und Ute Hirsch die Ausbildung betreut, beide gleichfalls ehemalige Kursabsolventen. Die gelernte Industriekauffrau versteht ihr Engagement in den Gottesdiensten als „Hobbyfreizeit“, nicht als Arbeit und als etwas aus der Kategorie „lebenslanges Lernen“. Auch als Kursleiterin nehme sie immer wieder was mit, sagt Hirsch, die früher im Vertrieb tätig war und heute als Assistentin der Geschäftsleitung im Zentrum Oekumene der Evangelischen Kirche von Kurhessen Waldeck (EKKW) und der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) angestellt ist.

Sich die 2000 Jahre alten Texte anzueignen, das gelinge nicht durch schlichtes Lesen, da brauche es schon mehr, um sie zu erfassen und sie dann in einem Gottesdienst vortragen zu können, meint Haberstock. Elvira Turchet aus Dietzenbach, eine der Absolventinnen, die jetzt ihre Beauftragung erhalten haben, sagt, sie habe jetzt einen ganz anderen Zugang zu den Texten. Nicole Lauterwald, aus Frankfurt-Rödelheim, die sich übergemeindlich kirchenmusikalisch engagiert, resümiert, der Kurs habe ihr noch mal deutlich gemacht, „wie wichtig es ist, dass man den ganzen Gottesdienst verinnerlicht“.

Heike Ließmann, hr-Redakteurin, hatte während der Kursmonate einiges um die Ohren, zum einen verantwortete sie das Funkkolleg zu „Religion Macht Politik“, zum anderen wollte sie ihre Tochter, die vor dem Abitur stand, nicht vernachlässigen. Und da gab es auch noch andere Hürden: Erfahren am Radiomikrofon habe sie sich gefragt: Kann ich mich vor eine Gemeinde stellen und Gottes Wort repräsentieren? Steckt dahinter nicht patriarchalische Denke, wenn ich sage, ,Gott, der Herr‘, habe sie beschäftigt? Ein Thema, mit dem sie inzwischen gut umgehen kann: Die Gespräche mit ihrem Mentor hätten ihr klargemacht, aus welchem Kontext das stammt. Dahinter steht für sie jetzt, abgeleitet „aus dem Zeitalter Jesu ein rebellischer Akt“ - nicht dem weltlichen, römischen Befehlshaber obliegt die Herrschaft, über sie verfügt nur Gott.

Vor zehn Jahren machten Männer rund ein Drittel des Kurses aus, erzählt Haberstock. Frauen seien wohl eher bereit, „sich auf so einen Kurs einzulassen und dazu zu lernen“, vermutet der Pfarrer. Er bedauert es, dass seine Geschlechtsgenossen die Offerte des Zentrums Verkündigung der EKHN nicht eifriger nutzen.

Felix Meurer, Küster in Frankfurt-Zeilsheim, hat sich mit großem Engagement in den Kurs begeben, dicke Ordner angelegt. Sehr habe er von den Rückmeldungen profitiert, äußert der frühere Katholik. Viel sicherer fühle er sich jetzt, wenn er den Gottesdienstraum nicht nur vorbereite, sondern den Gottesdienst auch halte, sagt der 67-Jährige.

Zu den Jüngsten in dem Lektorenkurs gehörte Mareike Steinmetzer, 25. Die angehende Grundschullehrerin hat zwar auch an der Uni das Fach Religion belegt, aber sie wollte mehr, Gottesdienst sei doch was anderes. „In meinem Freundeskreis, haben die meisten mit Kirche nicht viel zu tun, ich fand es schön, mich da mal mit anderen austauschen zu können“, sagt die Referendarin aus Wiesbaden-Heßloch.

Ausbilderin Ute Hirsch gibt den Teilnehmenden am Ende unter anderem mit auf den Weg: Zuerst die Liturgie und die Lieder aussuchen und „Ruhe bewahren, auch wenn der Predigttext so gar nicht ansprechend ist“.


Autorin

Bettina Behler 73 Artikel

Bettina Behler, Medieninformation Evangelische Öffentlichkeitsarbeit Frankfurt und Offenbach