Aktuelles intern

Regelbetrieb unter Pandemiebedingungen

Wie erlebte das Fachpersonal die ­Arbeitsbedingungen mit Corona in den vergangenen Wochen und wie ­meistert es seit August den Kita-Alltag? EFOI hat mit Leiterin Dorothee Klug über die komplexe Lage gesprochen.

Die besten Freunde können nicht miteinander spielen. In vielen Kitas leider nicht zu ändern wegen Corona. Foto Oeser
Die besten Freunde können nicht miteinander spielen. In vielen Kitas leider nicht zu ändern wegen Corona. Foto Oeser

Kindertagesstätten und Schulen zu schließen – das war bisher nicht vorstellbar. Und doch passierte genau das in diesem Frühjahr. Dorothee Klug leitet seit 2012 die evangelische Kita im „Grünen Winkel“ in Nied, in der ehemaligen Eisenbahnersiedlung mit den kleinen Einfamilienhäusern im schwedisch anmutenden Stil und alt eingewachsenen Gärtchen hinter den Holzzäunen. Sie saß mit Kolleginnen und Kollegen in einer „Qualitätskonferenz“, als sie am 16. März die Nachricht von der notwendigen Kita-Schließung wegen der Corona-Pandemie erreichte. Und so entstand von heute auf morgen eine Situation für alle Beteiligten, auf die niemand vorbereitet war. Um die Infektionszahlen möglichst gering zu halten, mussten alle 54 Kinder der Einrichtung im Alter von drei bis sechs Jahren von heute auf morgen von ihren Eltern zu Hause betreut werden. „Das war erstmal ein Schock, wir waren wie gelähmt und hatten tausend Fragen und auch Ängste“, erzählt Klug. Auch einige ältere oder mit Risikopersonen zusammenlebende Erzieherinnen wurden sofort von ihrer Arbeit freigestellt. „Dann saßen wir restlichen erstmal hier, ohne Kinder, ohne Plan, ohne Informationen“, so Klug weiter. Als Leitung war es ihr wichtig, dass es in dieser ersten Zeit auch Platz für Gespräche und Raum für die Sorgen der Mitarbeitenden gab. Nach ein paar Tagen der totalen Schließung gab es schließlich wieder eine Notbetreuung zumindest für die Kinder von Eltern sogenannter „Systemrelevanter Berufsgruppen“. Das verbliebene Personal arbeitete aus Hygienegründen versetzt in der Einrichtung und von zu Hause, um sich nicht zu begegnen. Alter Urlaub wurde genommen, Überstunden abgebaut. Und eine Flut von Verordnungen brach über die Einrichtung herein. Dorothee Klug legt einen roten Leitz-Ordner auf den Tisch und zeigt die Schreiben vom gemeindlichen Träger, vom Bundesärztlichen Dienst, von der Fachberatung Kitas, von der Stadt Frankfurt, vom Paritätischen Gesamtverband, vom Gesundheitsministerium, vom Land Hessen und von der Mitarbeitendenvertretung des Evangelischen Regionalverbandes. Hygiene- und Abstandsregeln wurden umfassend umgesetzt und ständig aktualisiert, was bedeutete, die vorhandenen Räumlichkeiten so gut es ging effektiv umzugestalten und umzunutzen. Auch auf dem Hof durften die Kinder nur in festen Gruppen spielen und sich nicht mischen. „Das bedeutete nicht unbedingt, dass die Kinder zusammen spielen konnten, die zuvor in einer Bezugsgruppe oder miteinander eng befreundet waren, sondern es ergaben sich auch völlig zufällig Gruppen zum Beispiel aus der Notbetreuungsgruppe“, erklärt Klug. „Das führte zwangsläufig auch zu Trennungen von eng miteinander befreundeten Kindern, die sich dann zwar auf dem Hof sehen, aber nicht miteinander spielen können.“ Und in den Räumen der Kita? „Kinder unter sechs Jahren können keine Masken tragen und kennen keine Abstandsregeln. Pädagogische Arbeit mit dieser Altersgruppe bedeutet Hinwenden, Trösten, Nähe“, sagt Klug. In dieser Notsituation habe sich gerächt, dass der Neubau der Kita bereits seit einigen Jahren geplant, aber bisher nicht umgesetzt sei. Denn durch die alten verwinkelten Räumlichkeiten sei es besonders herausfordernd gewesen, die gebotenen Maßnahmen gut und gewissenhaft umzusetzen. Das verbliebene Team entwickelte Ideen und Konzepte, arbeitete liegen gebliebenen Papierkram und Entwicklungsdokumentationen auf und hielt Konzeptionsmeetings – auch online. Die Pädagoginnen entwickel­ten Bastelsets und tägliche Ideen zur Be­schäftigung der Kinder durch die Eltern zu Hause. Beispielsweise mit einer vom Kita-Personal vorbereiteten Stadtrallye durch Nied. Anfänglich versendete Dorothee Klug an die Kita-Eltern auch noch einen regelmäßigen Newsletter zur Pandemie und den täglichen Entwicklungen, merkte aber bald, dass die Masse der sich ständig ändernden Regelungen schwer zu vermitteln war. Allen Beteiligten gerecht zu werden, das hat mir schlaflose Nächte bereitet“, gibt die Leiterin zu. Mittlerweile arbeitet die Einrichtung am Rande von Frankfurt wieder im „Regelbetrieb unter Pandemiebedingungen“. Das bedeutet, dass alle Kinder der Kita wieder anwesend sind und auch alle Angestellten – unter Einhaltung der Hygienebestimmungen. Die größte Einschränkung betreffe momentan laut Klug die Elternarbeit, die immer ein Kernstück der Kita „Grüne Winkel“ ausgemacht habe. Eltern dürfen ihre Kinder zwar wieder in die Einrichtung bringen, sich dort aber nicht mehr aufhalten. Kopfschmerzen hat Klug auch das Thema Eingewöhnung gemacht. Das Team stellte dann eine Absprerrwand im ehemaligen Turnraum auf, hinter der Elternteile sich während der Eingewöhnung aufhalten können. Es habe sich aber gezeigt, dass die Corona-Umstände für die Kinder weit weniger problematisch waren als befürchtet, so Klug. Als größeres Dilemma empfindet die Fachfrau die aktuellen offiziellen Verlautbarungen aus dem Gesundheitsamt der Stadt Frankfurt. Einerseits ist es derzeit geboten, kranke Kinder zu Hause zu lassen, andererseit „dürfen“ Kinder nicht wegen eines gewöhnlichen Schnupfens nach Hause geschickt werden laut einem offiziellen Flyer der Behörde. Nasser Husten sei okay, trockener nicht. Erzieherinnen müssen dagegen bei minimalen Kranheitsanzeichen sofort zu Hause bleiben. „Eigentlich hatte ich die Hoffnung, dass die Erkältungswelle im Herbst uns diesmal nicht so hart treffen würde, weil weniger kranke Kinder in die Kita gebracht würden und damit ganz generell und von Corona abgesehen Infektionsketten unterbrochen würden“, so Klug. Jetzt aber fehle Personal und Eltern stünden unter dem Druck, auf der Arbeit zu erscheinen. Dort fehle es auch an Rückendeckung. Eine Lösung könnten mehr Krankentage in Coroazeiten für Eltern sein, denkt Klug. Aber sie sehe für diese komplexe Lage noch keine komplexen Lösungen. Und so befinde sie sich zwischen allen Stühlen. Sie sehe die Nöte der berufstätigen Eltern, verstehe aber auch Eltern, die sich sorgen, wenn kranke Kinder in der Kita sind, und schließlich trage sie auch die Verantwortung für ihre Mitarbeitenden. Klare Vorgaben und Hilfen von offizieller Seite wären hilfreich. Schluss­endlich, so Klug, helfe es niemandem, weiter gegeneinander zu polarisieren. „Wir können das nur gemeinsam schaffen.“


Autorin

Sandra Hoffmann 16 Artikel

Sandra Hoffmann ist Journalistin in der Öffentlichkeitsarbeit der Evangelischen Kirche in Frankfurt und Offenbach.