Aktuelles intern

"Zukunftswerkstatt" in der Dreikönigsgemeinde

Rund 60 Frauen und Männer formulierten im Rahmen einer „Zukunftswerkstatt“ mit Blick auf die Entwicklung der Sachsenhausener Dreikönigsgemeinde Erwartungen und Wünsche und sammelten Ideen.

Foto: Rolf Oeser
Foto: Rolf Oeser

Am Ende waren die Wände des Gemeindesaals mit beschrifteten Papierbögen übersät, stand Zufriedenheit in den Gesichtern der rund 60 Frauen und Männer. Im Rahmen einer „Zukunftswerkstatt“ hatten sie mit Blick auf die Entwicklung der Sachsenhausener Dreikönigsgemeinde Erwartungen und Wünsche formuliert, Ideen zur besseren Einbindung im Stadtteil und für die Ausrichtung in den kommenden Jahren gesammelt. Der in Frankfurt bislang einzigartige Vorstoß traf zweifellos einen Nerv. Die mehrheitlich berufstätigen Besucherinnen und Besucher hätten sonst wohl kaum einen ganzen Samstag geopfert.

Dazu waren selbst Menschen wie Joachim Bielfeldt bereit, der sich als „kirchenfern“ begreift. Er gehöre formal der Gemeinde an und zahle seine Kirchensteuern, doch: „Gottesdienste oder die üblichen Gruppen und Kreisen geben mir nichts.“ Für ihn sei „die Frage nach Spiritualität zentral“, auch treibe ihn der „gesellschaftliche Werteverlust“ um. Da er die Kirche als „Instanz, die Werte vermittelt“ schätze – „Das tut sie leider nicht in zeitgemäßer Form“ – habe ihn die „Zukunftswerkstatt“ interessiert, begründet der 60-Jährige sein Kommen.

Später bringt er den Vorschlag von „Selbsthilfegruppen“ ein, die er als „maßgeschneidertes Format für Kirchengemeinden“ erachtet. Sie seien ein niedrigschwelliges Angebot, würden sich als „Selbstläufer“ erweisen und „nach dem Motto ‚Geteiltes Leid ist halbes Leid’ eine Art Lebens- und Nachbarschaftshilfe“ bieten. Ähnlich wie bei den Mutter-Kind-Gruppen könnte sich die „Gemeinde damit als Ort der Begegnung“ profilieren, findet Joachim Bielfeldt und ist überzeugt: „In der Jugendarbeit wäre eine Selbsthilfegruppe Liebeskummer der Knaller.“

„Selbsthilfegruppen“ wurden neben „Musik“, „niedrigschwellige Begegnungen“, „Jugendarbeit“, „Kommunikation“ und „Berufstätige erreichen“ dann auch zu den sechs Themenbereichen gewählt, auf die verstärktes Augenmerk gerichtet werden soll. Bianca Mubiiki-Hörig hat die Zukunftswerkstatt maßgeblich mitinitiiert und geht davon aus, dass sie „in der Gemeinde einige Projekte anstoßen“ wird. Das geschehe natürlich nicht von heute auf morgen. Zunächst werde das Team „die „Ergebnisse strukturiert zusammenfassen und sorgfältig aufbereiten“, via Online-Formular das Feedback der Teilnehmenden zusammentragen und ausloten, wer sich wo einbringen möchte.

Möglichkeiten des Engagements brachten die Workshops und Kleingruppen reichlich zutage. So wurde etwa die große Wertschätzung der kirchenmusikalischen Arbeit bekundet und deren Ausbau angeregt, der Wunsch nach kulturellen Veranstaltungen, die auch Fernstehende in die Gemeinde locken, geäußert, soziale und ökologische Projekte für Jugendliche sowie „Patenschaften von alten für neue Konfirmanden“ vorgeschlagen, mehr begleitende Information und Kommunikation gefordert, „after work-Angebote“ und eine „Such- und Biete-Plattform im Kirchencafé“ anempfohlen und für die Selbsthilfegruppen Themen wie „Männer im Ruhestand“, „Einsamkeit“ oder „Demenz“ erwogen.

Dass ihr an dem Tag eine Vielzahl konstruktiver Vorschläge mit Zukunftspotential Ohren kam, freut Bianca Mubiiki-Hörig umso mehr, als „das Team kein Wunschkonzert servieren“ wollte. Angesichts des prognostizierten Mitgliederschwundes der Kirchen hätten die vier Frauen und fünf Männer vielmehr ein Jahr lang Zeit und Energie investiert um herauszufinden: „Wo stehen wir?“, „Was denken und fühlen die Leute?“, „Wie ist das Stimmungsbild der Gemeinde?“ „Wie können wir die Gemeinde im Stadtteil attraktiver machten?“

Damit diese Bestandsaufnahme einen soliden Boden erhält, habe man auf die Expertise des Instituts für Personalberatung, Organisationsentwicklung und Supervision in der EKHN, kurz IPOS, zurückgegriffen. Die professionelle Moderation des Organisationsberaters Christian Link hält nicht nur die 45-jährige Büroleiterin für eine gute Entscheidung. Ein Herr begrüßte zum Beispiel, dass durch gezielte Fragestellungen die Gespräche in den Gruppen nicht ausgeufert sind, ein anderer, dass jeder gefordert war und nicht nur die, die immer reden, zu Worte kamen.

Hella Posth hat die „emotionale und persönliche Atmosphäre“ und „die immer wieder wechselnde Gruppenzusammensetzung gut gefallen“. „Ich habe dadurch viele Leute kennengelernt, die ich nur vom Sehen kannte. Der Tag hat mir viel gebracht“, so die Bilanz der 82-Jährigen. Auch Pfarrerin Silke Alves-Christe ist von der Zukunftswerkstatt begeistert. Es sei „viel um allgemein menschliche Themen gegangen“, was ihr bestätige: „Wo sonst, als in der Gemeinde, könnte man diese Fragen so intensiv besprechen?“ Dass es Ehrenamtlichen, von denen nur zwei auch im Kirchenvorstand sitzen, gelungen ist, so einen Tag auf die Beine zu stellen“ finde sie ermutigend. „Das heißt, es ist noch viel zu erwarten.“

Die Initiatoren hoffen jedenfalls sehr, dass in nächster Zeit einiges in Bewegung kommt. „Wir möchten herausfinden, wie eine christliche, offene und lebendige Dreikönigsgemeinde in den nächsten Jahren aussehen kann“, hatte Teammitglied Ralf-Günter Werb im Vorfeld das Anliegen der Projektgruppe auf den Punkt gebracht. Darüber machte sich nun eine beachtliche Zahl von Menschen – darunter auch einige Katholiken und kirchendistanzierte Stadtteilbewohner – einen Tag lang nicht nur Gedanken, sondern zeigte auch konkrete Schritte zur Umsetzung auf. Das dürfte nicht ganz ohne Spuren bleiben.


Autorin

Doris Stickler 49 Artikel

Doris Stickler ist freie Journalistin in Frankfurt.