Ethik & Werte

Ohne Hilfe kann niemand leben. Aber was bringt uns dazu, anderen zu helfen?

Menschen brauchen Hilfe. Ohne Zuwendung kann niemand überleben. Jeder kann einmal krank werden, einen Unfall haben, die Stelle gekündigt bekommen oder die Wohnung verlieren. Was aber bringt uns dazu, anderen in Not zu helfen? Das Gesetz, die Moral, die Religion, die Gene – oder einfach die Vernunft? Wahrscheinlich eine Mischung von allem.

Der barmherzige Samariter aus der Bibel gilt als Prototyp des hilfsbereiten Menschen. Foto: Tony Baggett/Fotolia.com
Der barmherzige Samariter aus der Bibel gilt als Prototyp des hilfsbereiten Menschen. Foto: Tony Baggett/Fotolia.com

Keine Frage: Helfen (und sich helfen lassen) gehört zum Menschsein dazu. Aber wie lässt sich Hilfsbereitschaft sicherstellen? Für die Einzelnen ist es ja oft verlockend, einfach wegzuschauen. Weiter zu gehen, wie der Priester und der Levit in der Geschichte vom barmherzigen Samariter. Keine Zeit. Keine Lust. Dafür bin ich nicht zuständig. Das rechnet sich nicht. Soviel Hilfsbereitschaft können wir uns nicht leisten. Und vor allem: Hat der das überhaupt verdient? Das Thema ist so zentral für die Menschheit, dass sich sämtliche Religionen und Philosophien darüber Gedanken gemacht haben. Und sie haben gute Gründe und Motivationen gefunden, warum Menschen anderen Menschen helfen.

Judentum, Christentum und Islam gehen davon aus, dass die Hilfe für andere ein Gebot Gottes ist. „Brich dem Hungrigen dein Brot" heißt es schon unmissverständlich in der Hebräischen Bibel der Juden, die als Altes Testament auch für die Christen verbindlich ist. Zahlreich sind die Gebote, die sicherstellen sollen, dass Arme, Ausländer, Kranke und andere Bedürftige in Würde leben können.

All diese einzelnen Hilfsgebote sind in einem zentralen Satz zusammengefasst, der das höchste Gebot im Christentum ist: „Du sollst Gott lieben von ganzem Herzen und von allen Kräften, und deinen Nächsten wie dich selbst." Und ein Jesus-Wort wurde zur Begründung der christlichen Hilfsbereitschaft schlechthin: „Was ihr getan habt einem von meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan." Diakonie, also Hilfe für andere Menschen, und Verkündigung, also Gottesdienst und Theologie, gehören seither für Christinnen und Christen untrennbar zusammen.

Im Islam ist die Armensteuer – neben dem Glaubensbekenntnis, dem Gebet, dem Fasten und der Pilgerfahrt – eine von fünf Pflichten, die jeder Gläubige erfüllen muss. Ähnlich wie im Judentum ist das Spenden und Helfen kein Gnadenakt der Reichen, sondern ein Rechtsanspruch der Armen. Es ist Geld, das ihnen zusteht.

Auch Hinduismus und Buddhismus kennen die Hilfe für andere als Ausdruck von Religiosität, obwohl es hier keinen obersten Gott gibt, der das befiehlt. Vielmehr ist die Hilfe für andere ein sichtbares Zeichen, dass alle Menschen untereinander verbunden sind: Was anderen schadet, das schadet auch mir. Mildtätigkeit ist daher neben Bildung, Entsagung und Wahrheitsliebe ein wichtiger Pfeiler der hinduistischen Kultur. Zudem geht man davon aus, dass Menschen wiedergeboren werden, daher kann das rechte Spenden und Helfen auch im nächsten Leben nützlich sein. Im Buddhismus gelten Geiz und Gier als einer von drei Gründen für das Leid auf der Welt – die anderen beiden sind Unwissenheit und Hass. Auch hier knüpfen sich daran zahlreiche Regeln, wie und wo anderen zu helfen ist.

Egal ob Kirchen, Synagogen, Moscheen oder Tempel und Klöster – fast überall auf der Welt haben sich an den Orten institutionalisierter Religiosität Hilfsangebote für Arme, Obdachlose, Kranke und Ausländer angesiedelt. Dass die Einzelnen ihrer Pflicht zum Helfen tatsächlich nachkommen, wird von der religiösen Gemeinschaft gewissermaßen „überwacht". Wer anderen nicht hilft, muss mit Strafen rechnen – angefangen bei sozialer Ächtung bis hin zu Androhungen wie der Hölle oder einem schlechten Karma im nächsten Leben.

Was aber, wenn die Menschen nicht mehr glauben? Wenn sie vor der Hölle oder dem nächsten Leben keine Angst mehr haben und deshalb egoistisch werden? Wenn man die Leute machen ließe, was sie wollen, dann drohe ein „Krieg jeder gegen jeden", glaubte der englische Philosoph Thomas Hobbes im 17. Jahrhundert und begründete so die Notwendigkeit eines starken Staates mit Gesetz und Polizei. Sein Kollege Immanuel Kant war da ein Jahrhundert später optimistischer. Er meinte, dass die Menschen von selbst hilfsbereit wären – weil das nämlich vernünftig ist. „Handle stets so, dass die Grundlage deines Handelns ein allgemeines Gesetz sein könnte" lautete sein „kategorischer Imperativ", also ein Befehl, der keinen anderen Ursprung braucht als die reine Vernunft. Ein religiöses Gebot oder staatlicher Zwang, so der Philosoph der Aufklärung, seien gar nicht nötig. Denn weil jeder einmal in die Lage kommen kann, Hilfe zu brauchen, wird jeder vernünftige Mensch auch selbst hilfsbereit sein.

Neuere naturwissenschaftliche Forschungen geben ihm sogar Recht: Die natürlichen biologischen Impulse, haben etwa Biologen herausgefunden, seien so gesetzt, dass man spontan helfen möchte, wenn man die Not anderer sieht. Es wäre also nicht die Natur, die Menschen egoistisch macht, sondern eher die Kultur. Zum Beispiel, wenn sie in einer Gesellschaft leben, wo wirtschaftlicher Erfolg mehr Ansehen verspricht als Hilfsbereitschaft.


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Antje Schrupp 118 Artikel

Dr. Antje Schrupp ist Chefredakteurin von Evangelisches Frankfurt und Offenbach. Die Journalistin und Politikwissenschaftlerin bloggt auch unter www.antjeschrupp.com