Ethik & Werte

Die Kunst des Widerstehens: Warum ich 2022 nichts konsumieren will

Unsere Kolumnistin hat bemerkt, dass Kaufen für sie Sucht, Belohnungssystem, Zeitvertreib, Feel-Good-Time ist. Deshalb hat sie sich zu einem Jahr Konsum-Detox entschlossen.

Angela Wolf ist Mitglied in der Redaktion von Evangelisches Frankfurt. | Foto: Rolf Oeser
Angela Wolf ist Mitglied in der Redaktion von Evangelisches Frankfurt. | Foto: Rolf Oeser

Das Jahr 2022 wird mein Jahr des Konsumverzichts. Keine Sorge, jetzt kommen nicht die üblichen Tipps für gute Absichten. Es geht um ein Projekt, das mir alles abverlangen wird. Um einen Selbstversuch, der, sollte er gelingen, nicht mit erhobenem Zeigefinger die Moralkeule schwingt. „Toxic positivity“ nervt sowieso, dieses demonstrative „Gut drauf Sein“ und „Alles positiv Sehen“, das in Wirklichkeit Gift für die Gemeinschaft ist. Der ganze Selbstoptimierungsmist dient am Ende doch nur dem kapitalistischen Getriebe, in dem wir mit den verflixten Widerhaken festhängen.

Wir, das sind in diesem Fall meine Freundin und ich. Wir haben einen Pakt geschlossen. Die Regeln sind streng: Wir konsumieren nichts. Keine Klamotten (auch nicht Second Hand). Keine Kosmetik (außer medizinisch notwendig). Keine Socken, keine Wäsche. Ist sowieso alles ausreichend vorhanden. Der Schöner-Wohnen-Fetisch ist auch stillgelegt. Neue Vase für den frischen Schnitt? Völlig überbewertet. Auch für die Kinder gibt’s nur das absolut Notwendige.

Sie fragen sich, wo die Herausforderung liegt? Im Widerstehen! Konsum ist mehr als Wachstumsankurbler und Arbeitsplatzsicherer. Konsum ist für mich Sucht, Trigger meines Belohnungssystems, Zeitvertreib, meine ganz persönliche Feel-Good-Time. Und damit, mit dieser bitteren Erkenntnis, tritt für mich in den Vordergrund, dass Konsum eben auch das ist: Ressourcenvernichter, Menschenausbeuter, Soziale-Ungleichheit-Antreiber.

Mein persönliches Konsum- Kosten-Nutzen-Konto ist derart in den Miesen, dass es schmerzt. Das will ich ändern. Ich werde Konsum-Fasten, und zwar nicht nur „Sieben Wochen ohne“ in der Passionszeit vor Ostern, sondern ein ganzes Jahr lang. Nicht für die Selbst-optimierung. Auch nicht für die Moral. Sondern damit ich wieder ein Bewusstsein bekomme für die wirklich drängenden Sachen des Lebens.

Ich werde Sie hier im Bog auf dem Laufenden halten. Wie ich im Sale meine Schnappatmung überwunden habe und ob der Lebensmitteleinkauf zum Kompensieren taugt? Ich bin selbst gespannt!

Hier lesen Sie alle Teile der Serie "Mein Konsumverzicht 2022"


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Angela Wolf 88 Artikel

Angela Wolf ist Mitglied der Redaktion von Evangelisches Frankfurt und Offenbach. Sie wurde 1978 in Aschaffenburg geboren. Heute lebt sie in Frankfurt am Main, wo sie Soziologie, Politikwissenschaften und Psychoanalyse studierte.

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