Ethik & Werte

Häresie-Check: Beten für die Bösen?

Ein Mann stößt aus dem Nichts heraus einen Achtjährigen vor einen einfahrenden Zug und versucht, zwei weitere Menschen umzubringen. Eine monströse Tat, dazu noch eine, die das allgemeine Gefühl von Sicherheit tief erschüttert. In einem Gottesdienst bittet die Gemeindepfarrerin nicht nur für die Opfer, sondern auch für den Täter. Ist das gerechtfertigt?

Wilfried Steller ist Pfarrer im Ruhestand und theologischer Kolumnist für das EFO-Magazin. Foto: Tamara Jung
Wilfried Steller ist Pfarrer im Ruhestand und theologischer Kolumnist für das EFO-Magazin. Foto: Tamara Jung

Ja, es ist sogar geboten, denn genau hier leuchtet christliches Bekenntnis auf. Zunächst sind alle Sympathien bei den Opfern, und für den Täter gibt es nur Verachtung und Ausgrenzung. Um von Angst, Ohnmacht und Wut nicht völlig überwältigt zu werden, ist es in der jüdisch-christlichen Tradition eine gute Übung, auch Gott in die eigene Angefochtenheit mit hineinzunehmen. Wenn wir etwas nicht fassen können, sind wir bei ihm richtig. Einerseits haben wir in ihm einen, mit dem wir die heiligen wie auch die weniger heiligen Gedanken teilen können. Andererseits reflektieren wir im Gebet auch seine Sicht und justieren unsere eigene: Gott liebt seine Kinder und Geschöpfe und gibt sie nicht auf, nicht die Opfer, nicht die mittelbar Betroffenen - uns - und auch den Täter nicht. Seine von Gott gegebene Würde ist unantastbar, auch wenn er sie anderen genommen hat. Er ist und bleibt Teil der Gemeinschaft. Liebe und Frieden sind die konstruktiven Inhalte in Gottes Botschaft; Hass wäre destruktiv. Gott ist nicht zuletzt die oberste Instanz für Gerechtigkeit, er hat den richtigen Blick und die Macht; er ist Richter. Unsere Wut und das Bedürfnis nach Rache und Vergeltung können wir daher erst einmal beiseitelegen.

Dadurch wird der Blick klar für das, was jetzt notwendig ist. Wir bitten Gott, den Angehörigen zu helfen, damit sie das traumatische Geschehen in ihr Leben einbauen können, und sehen uns auch selbst in der Verantwortung zum Beistand und zu Zeichen des Mitgefühls. Wir bitten - nicht zuerst, aber auch - für den Täter. Bei aller Distanz und Ablehnung ihm gegenüber bleiben wir ihm verbunden und sehen weniger das, was wir ihm antun möchten, als das, was er braucht. Unser Gebet für ihn macht uns nicht zu seinen Sympathisanten, ebenso wenig, wie ein Kriminalist aus seiner Einsicht in Motiv und Tathergang die Tat billigt. Wir bitten nicht, dass der Täter gut davonkommt, sondern dass er die Folgen seiner Tat ermessen kann und zur Reue findet. Seine seelische Gesundheit zurückerlangt. Seinen Irrtum und sein Verfehlen der Mitmenschlichkeit erkennt. Wir entschuldigen den Täter nicht, ohnehin könnten ihm nur die Opfer vergeben. Wir machen ihn weder zur Ratte oder zum Teufel, noch wünschen wir ihm alles Gute. Das Gebet für den Täter nimmt ihn in seiner Verantwortung ernst. So bitten wir, dass er am Ende die Konsequenzen seiner Tat annehmen kann und einen Weg zurück findet. Kritik und Liebe sind dabei zwei Seiten einer Medaille. Beides sind wir ihm schuldig, alles andere wäre nur neue Unmenschlichkeit.

Und ja, Sie vermuten richtig: Ich bete auch für die, die ihren politischen Honig aus der schrecklichen Tat ziehen, indem sie Hass und Zwietracht säen und sich selbst als Saubermänner anbiedern. Dass sie den Gott der Liebe anbeten und nicht die Götzen Vaterland und Rasse. Dass sie erkennen: Die Nächstenliebe weiß nichts von Herkunft und Hautfarbe.


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Wilfried Steller 39 Artikel

Wilfried Steller ist Theologischer Redakteur von "Evangelisches Frankfurt und Offenbach" und Pfarrer in Frankfurt-Fechenheim.