Ethik & Werte

Liebe deinen Übernächsten!

Noch nichts von Übernächstenliebe gehört? Zugegeben, der Begriff ist auch noch neu. Aber es reicht nicht mehr, wenn wir nur an unsere Nächsten denken. Wir müssen auch die Übernächsten im Blick haben. Diejenigen, die noch gar nicht geboren sind. Oder die in von Deutschland weit entfernten Regionen auf dieser Erde leben.

Angela Wolf ist Mitglied der Redaktion von Evangelisches Frankfurt und Offenbach. Sie studierte Soziologie, Politikwissenschaften und Psychoanalyse in Frankfurt am Main, arbeitet als freie Autorin und ist ehrenamtlich aktiv.
Angela Wolf ist Mitglied der Redaktion von Evangelisches Frankfurt und Offenbach. Sie studierte Soziologie, Politikwissenschaften und Psychoanalyse in Frankfurt am Main, arbeitet als freie Autorin und ist ehrenamtlich aktiv.

Noch nichts von Übernächstenliebe gehört? Ich auch bis vor kurzem nicht. Eckart von Hirschhausen hat ihn bei seinem Auftritt in Frankfurt benutzt, und er hat recht. Es reicht nicht mehr, wenn wir nur an unsere Nächsten denken. Wir müssen auch die Übernächsten im Blick haben. Diejenigen, die noch gar nicht geboren sind. Oder die in von Deutschland weit entfernten Regionen auf dieser Erde leben.

Die Pimpversion der Nächstenliebe ist ein Kind ihrer Zeit. Sie ist eine Erkenntnis aus dem Klimawandel und seinen Folgen. Und den damit verbundenen anhaltenden Massenprotesten von Kindern und Jugendlichen. Sie sprechen eine klare Sprache. Sie verlangen die Einlösung eines Generationenvertrages.

Bei der Übernächstenliebe geht es um eine innere Haltung, nämlich die Bereitschaft, Opfer auch für diejenigen zu bringen, die noch nicht geboren wurden oder anderswo leben. Die nicht jeden Freitag auf die Straßen ziehen können, um für ihre Zukunft auf einem Planeten zu protestieren, damit Leben auch für sie noch möglich ist. Das zu fordern ist nicht vermessen. Es ist notwendig.

Wir leben im Hier und Heute, als gäbe es kein Morgen und kein Woanders. Die eigene Komfortzone zu verlassen, ist uns zu unbequem. Wir kaufen Dinge, die wir nicht brauchen. Wir fliegen in ferne Länder, ohne je im Harz gewesen zu sein. Wir essen Fleisch, weil es so schön günstig ist. Und wir lesen unseren Kindern Bücher vor, die ihnen Tipps und To-Do-Listen an die Hand geben, wie sie die Welt doch noch retten können. Ist das nicht total gaga? Im Prinzip sagen wir ihnen damit: „Ich bin in meinen Gewohnheiten so festgefahren, da komm ich nicht mehr raus. Aber ihr – ihr schafft das!“

Erziehung geht aber nur über vorleben. Wie sollen unsere Kinder Übernächstenliebe lernen, wenn es ihnen niemand vormacht? Handeln ist zunächst mal von den Erwachsenen gefragt. Und bitte keine Ausreden nach dem Motto „Was kann ich als Einzelne schon verändern!“ Sondern ran an den inneren Schweinehund. Für mich ist die „Übernächstenliebe“ schon jetzt ein ganz heißer Kandidat für das Wort des Jahres.


Autorin

Angela Wolf 56 Artikel

Angela Wolf ist Mitglied der Redaktion von Evangelisches Frankfurt und Offenbach. Sie wurde 1978 in Aschaffenburg geboren. Heute lebt sie in Frankfurt am Main, wo sie Soziologie, Politikwissenschaften und Psychoanalyse studierte. Hauptberuflich ist als Referentin bei der LAG Soziale Brennpunkte Hessen e.V. unterwegs. Freiberuflich schreibt sie außerdem noch für ZEIT Online.

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