Ethik & Werte

Wenn genug nicht genug ist

Mit einem Charakterzug, den man am liebsten verschweigt und den wir alle dennoch irgendwie als Lebensmotto haben, setzt sich Barbara Streidl in ihrem neuen Buch auseinander: Gier

Barbara Streidl: Gier. Wenn genug nicht genug ist. 112 Seiten, Hirzel-Verlag, 15 Euro.
Barbara Streidl: Gier. Wenn genug nicht genug ist. 112 Seiten, Hirzel-Verlag, 15 Euro.

Gier ist nach katholischem Verständnis eine Todsünde. Sie ist in allen Bevölkerungsschichten anzutreffen. Ob es um Millionen geht oder um Schweineschnitzel für 3,79 Euro: das Mehr-Haben-Wollen ist prinzipiell endlos.

In einem langen Ritt durch die Geisteswissenschaften beleuchtet die Autorin diesen unrühmlichen Wesenszug des Menschen. Ob in der Bibel oder der antiken Philosophie, Streidl zeigt auf, wo überall die Gier thematisiert wurde. Die zahlreichen aufgeführten Beispiele aus Literatur, Pop-Musik, Filmthemen bis hin zu Comic-Figuren - das Prinzip der Habsucht durchzieht menschliches Leben und die Menschheitsgeschichte.

Die Autorin erinnert daran, dass schon 1973 der Club of Rome vor den Folgen des grenzenlosen Wachstums gewarnt hat. Die Menschheit werde sich zu Tode wachsen, hieß es da. Heute kann man feststellen: Ja, die Nachkriegsgeneration hat mit Blick auf die Klimakatastrophe versagt.

Über viele Seiten listet die Autorin die „Auswüchse der Gier“ auf. Ob individuelle Gier von Abgeordneten oder das Profitinteresse von Unternehmen etwa in der Textilindustrie in Bangladesch, die für Primark, Benetton, Mango, C&A oder auch KiK produzieren. Es ist an den Einsturz des Fabrikgebäudes zu erinnern, bei dem 1134 Menschen starben. Ob das das inzwischen verabschiedete Lieferkettengesetz verhindert hätte? Dieser Frage geht die Autorin nicht nach.

Überhaupt gerät die Strukturanalyse in dem Buch seltsam kurz. Ist es denn nicht das Wesen des Kapitalismus, zu wachsen? Kann es einen Kapitalismus ohne Wachstum überhaupt geben? Solche Fragen werden nicht gestellt. So bietet die Autorin eher individuelle Lösungen an. Protest, so wie es Kapitänin Carola Rekete getan hat, als sie 43 Flüchtlinge mit der Sea Watch 3 an Land brachte. Oder das Commons-Prinzip, also die Möglichkeit, Dinge, die alle benötigen, als Gemeinschaftsbesitz anzusehen und sie auch gemeinsam zu nutzen. Dieses Prinzip sei längst im Mainstream angekommen, meint die Autorin und führt als Beispiel die App nebenan.de an oder das Teilen von Wissen auf Plattformen wie Wikipedia oder dem Linux-System.

In der Kürze der Abhandlungen werden auch schon mal Eindeutigkeiten formuliert, die in der jeweiligen Disziplin sicher auch Widerspruch provozieren. Etwa: „In der evangelischen Dogmatik gilt eine Sünde als Abweichung vom göttlichen Gesetz, was unterschiedliche Folgen hat: Die Ursünde Adams verschwindet quasi durch die Taufe, bleibt aber Quelle von weiteren Sünden“. So ein magisches Taufverständnis ist doch vielen Protestant:innen eher fremd.

Klar: Man kann nicht erwarten, dass in einem Buch ein neues, gerechtes Weltwirtschaftssystem entworfen wird. Barbara Streidl zeigt aber, wo bei uns Gier und Habsucht das bestimmende Momentum sind – und das ist in unserem Alltag öfter der Fall, als wir uns eingestehen wollen. Da Buch regt dazu an, das selbstkritisch zu prüfen.


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Kurt-Helmuth Eimuth ist Mitglied in der Redaktion von "Evangelisches Frankfurt und Offenbach". Mehr über den Publizisten und Erziehungswissenschaftler ist auf www.eimuth.de zu erfahren.

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