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100 Jahre Henry-und-Emma-Budge-Stiftung

Jüdische und christliche alte Menschen verbringen gemeinsam ihren Lebensabend: Diese Vision entwarf das jüdische Frankfurter Ehepaar Emma und Henry Budge vor hundert Jahren. In Frankfurt-Seckbach ist sie Realität geworden.

23 frühere Bewohnerinnen und Bewohner des Budge-Heims wurden von den Nazis ermordet. An sie erinnern Stelen, die 2011 vor dem Altenheim aufgestellt wurden. | Foto: Thomas Rohnke/epd-Bild
23 frühere Bewohnerinnen und Bewohner des Budge-Heims wurden von den Nazis ermordet. An sie erinnern Stelen, die 2011 vor dem Altenheim aufgestellt wurden. | Foto: Thomas Rohnke/epd-Bild

Vor nunmehr 100 Jahren haben Emma und Henry Budge ihre Vision vom gemeinsamen Lebensabend jüdischer und christlicher Menschen mit einer Stiftung auf ein organisatorisches Fundament gestellt. Zwar wurde die Arbeit ihrer 1920 gegründeten Stiftung von den Nationalsozialisten wieder beendet, doch 1968 wurde in Seckbach an der Wilhelmshöher Straße erneut ein Altenheim der Budge-Stiftung eröffnet. Es gilt bis heute als einzigartig in Hessen.

Am 20. Dezember 1920 schrieb Henry Budge anlässlich seines 80. Geburtstages an die Stadt Frankfurt am Main: „Aus Anlass eines freudigen Ereignisses errichte ich zum Andenken an meine geliebten seligen Eltern Moritz und Henriette Budge in Frankfurt unter dem Namen ‚Henry und Emma Budge-Stiftung’ eine Stiftung mit einem Kapital von einer Million Mark“. Zweck der Stiftung sollte die Fürsorge für Erholungsbedürftige nach einer Krankheit sein. Geplant waren Geldbeihilfen, die je zur Hälfte Juden und Christen zukommen sollten.

Auch wenn die meisten der zahlreichen geplanten Jubiläumsveranstaltungen wegen der Corona-Krise ausfallen, empfinden die Seelsorgerinnen und Seelsorger des Budge-Heims am Fuße des Frankfurter Lohrbergs das Datum als besonders. Der Rabbiner Andrew Steiman, der katholische Priester Joseph Chidi Amumnu und die evangelische Pfarrerin Melanie Lohwasser sind für die religiösen Belange der Bewohnerinnen und Bewohner zuständig. Melanie Lohwasser, die seit Mitte 2018 hier arbeitet, bezeichnet das Alten- und Pflegeheim mit dem würdevollen Zusammenleben älterer Menschen jüdischen und christlichen Glaubens, die auch unterschiedliche Kriegs- und Holocausterfahrungen mit in die Gemeinschaft bringen, als „Frankfurter Kleinod“.

Ursprünglich hatte das „Henry und Emma Budge-Heim für alleinstehende alte Menschen“ seinen Sitz auf dem Grünhof-Gelände am Rand des Frankfurter Westends. Das zweigeschossige Gebäude für 106 Bewohnerinnen und Bewohner mit seinen lichtdurchfluteten Räumen, zentralen Gemeinschaftsräumen und einer Terrasse an jedem Zimmer galt als Vorbild für viele Bauprojekte in der Altenpflege. Im Mai 1930 konnten dort die ersten Menschen einziehen. Doch nach Hitlers Machtübernahme in Deutschland 1933 begann gemäß der nationalsozialistischen Rassenideologie der Druck auf die jüdische Stiftung zu steigen. Im März 1939 waren die letzten jüdischen Bewohnerinnen und Bewohner aus dem Henry und Emma Budge-Heim vertrieben worden, und die Einrichtung wurde in „Heim am Dornbusch“ umbenannt.

Bis heute wohnen noch Holocaust-Überlebende dort. Ganz besondere Bedeutung kommt deshalb im Budge-Heim den Gedenktagen zur Shoa zu: Dem 21. April als internationalem Holocaust-Gedenktag, dem 9. November als Erinnerung an die Pogrome 1938, und dem 20. Januar, dem Befreiungstag des Konzentrationslagers Auschwitz. „Es ist sehr bewegend zu sehen, wie hochbetagte Menschen bei diesen Feiern mit letzter Kraft nach vorn kommen und eine Kerze anzünden“, sagt Melanie Lohwasser.

Für November ist ein großer Jubiläums-Festakt im Römer geplant.


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Anne Lemhöfer 71 Artikel

Anne Lemhöfer interessiert sich als Journalistin und Autorin vor allem für die Themen Kultur, Freizeit und Gesellschaft: www.annelemhoefer.de

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