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„Ich wünsche mir für Niederrad, dass es ein bunter und quirliger Stadtteil bleibt“

Nach 23 Jahren nimmt Pfarrerin Angelika Detrez Abschied von der Paul-Gerhardt-Gemeinde. Der Fokus ihrer Arbeit galt immer den Menschen im Stadtteil und der Aufgabe, allen die Teilhabe zu ermöglichen - sozial, materiell und spirituell.

Pfarrerin Angelika Detrez war 23 Jahre lang Pfarrerin in Niederrad. Jetzt geht sie in den Ruhestand. | Foto: Rolf Oeser
Pfarrerin Angelika Detrez war 23 Jahre lang Pfarrerin in Niederrad. Jetzt geht sie in den Ruhestand. | Foto: Rolf Oeser

Im großen Raum des Pfarrhauses lässt sich die Veränderung erahnen. Eine schwarze Ledercouch ist übriggeblieben, zwei Korbsessel, ein Klavier. Definitiv zu wenige Stücke für die Größe des Zimmers. Angelika Detrez, Pfarrerin der Paul-Gerhardt-Gemeinde in Niederrad, ist ausgezogen. Das erhabene Pfarrhaus, gebaut 1812, in der Kelsterbacher Straße sucht eine Nachmieterin, einen Nachmieter. Nach mehr als 20 Jahren wird für die Paul-Gerhardt-Gemeinde eine Pfarrstelle vakant.

Angelika Detrez, die jetzt in den Ruhestand geht, ist eine unaufgeregte Person, eine Menschenfreundin. Ihre Gemeinde ist umtriebig. An Ehrenamtlichen mangelt es nicht, der Kirchenvorstand ist aktiv, das soziale Netz im Stadtteil gut gespannt. „Das ist bestimmt auch ein Produkt unserer Fusion von 1999. Damals war eine komplette Umstrukturierung unumgehbar. Wir haben uns inhaltlich stärker ausgerichtet und hier Schwerpunkte gesetzt.“

Zachäusgemeinde und Paul-Gerhardt wuchsen zusammen. Ein großes Gemeindezentrum in der Gerauer Straße entstand. Detrez machte sich für die religionspädagogische Arbeit stark, aber auch für die im Stadtteil. „Älterwerden in Niederrad, zweimal jährlich eine Sozialkonferenz. So hatten wir die Entwicklungen in Niederrad gut im Blick. Die Kontaktaufnahme zu den Bewohnerinnen und Bewohnern war damit erleichtert.“

Und das wollte Detrez immer: Kontakt zu den Menschen. Reagieren können, wenn jemandem die Vereinsamung droht, plötzlich auftretende Krankheit bestehende Kontakte abschneidet. Gegenseitige Hilfe, so scheint es, ist heutzutage nicht mehr selbstverständlich, vielleicht auch nicht immer so ohne weiteres möglich. Menschen aus dem Stadtteil, Nachbarinnen und Nachbarn, brauchen Anleitungen zur Begegnung. Anlässe. Barrieren im Kopf müssen abgebaut werden, es braucht Orte, wo jede und jeder so sein darf, wie er oder sie ist. Angelika Detrez hat an dieser Stelle angesetzt. Sie war so etwas wie eine Geburtshelferin sozialer Kontakte.

Die Gottesdienste in der Paul-Gerhardt-Kirche sind gut besucht, allerdings nicht mehr ganz so gut wie früher „Sicher spielt der demografische Wandel eine Rolle“, sagt die Pfarrerin, die von sich sagt, dass sie jetzt ausgeglichen in den Ruhestand geht und erstmal schauen will, wonach ihr ist. Auf jeden Fall gönnt sie sich erstmal eine Pause. Später kann sie sich eine ehrenamtliche Tätigkeit durchaus vorstellen.

Die Diakonische Bürgerstiftung Niederrads, zu deren Gründung Angelika Detrez wesentlich beigetragen hat und wo sie Vorsitzende des Stiftungskuratoriums ist, würde sich darüber sicherlich freuen. Erst vor wenigen Wochen feierte die Stiftung ihr zehnjähriges Bestehen. 2009 aus dem Erbe eines Niederräders gegründet, hat sie das Wohl der Menschen im Stadtteil im Blick. Ein Senioren-Mittagstisch, kulturelles Angebot, Ausflüge, Arbeit mit und für geflüchtete Menschen, Sachspenden.

Und, auch ganz wichtig: Menschen in schwierigen Situationen finanziell unter die Arme greifen. Die Stiftungssumme ist Dank Spenden bereits auf 175.000 Euro angestiegen. Ein Stadtteil kümmert sich, und die Empfängerinnen und Empfänger bedanken sich – manchmal auch mit handgeschriebenen Briefen, in denen sie beschreiben, dass sie ihr Glück kaum fassen zu können. Jemand hilft ihnen. Sie bekommen ein Bett und müssen nicht mehr auf der Couch schlafen. Sie bekommen Geld für Lebensmittel und eine Grundausstattung für die Wohnung. Oder auch: Sie können ein Schubert-Konzert hören, eine Führung durch die Neue Altstadt mitmachen.

Nun wartet die evangelische Gemeinde in Niederrad auf einen neuen Pfarrer, eine neue Pfarrerin. Anforderungsprofil: ökumenische Ausrichtung, gemeindepädagogische Ansätze, Mut zum Kirchenasyl, Leidenschaft zu Senioren*innenarbeit, gemeinwesenorientiert. „Naja, es muss immer alles passen. Die Strukturen zu den Menschen, die Ausrichtung zu den Bedarfen“, sagt die scheidende Vorgängerin. Angelika Detrez ist nicht pathetisch. Der oder die neue wird sich sicherlich einfinden. So oder so.


Autorin

Angela Wolf 45 Artikel

Angela Wolf ist Mitglied der Redaktion von Evangelisches Frankfurt und Offenbach. Sie studierte Soziologie, Politikwissenschaften und Psychoanalyse in Frankfurt am Main, arbeitet als freie Autorin und ist ehrenamtlich aktiv.

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