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Immer montags: Gespräche vor der Lutherkirche

„Für eine funktionierende Demokratie muss man arbeiten und aktiv etwas tun”, sagt Roland Kunkel vom Kirchenvorstand. Mit einem neuen Projekt will die Luthergemeinde im Nordend Gespräche in der Nachbarschaft fördern.

In der Nachbarschaft miteinander ins Gespräch kommen – Gelegenheit dazu gibt es jetzt immer montags vor der Lutherkirche am Martin-Luther-Platz.  |  Foto: Rolf Oeser
In der Nachbarschaft miteinander ins Gespräch kommen – Gelegenheit dazu gibt es jetzt immer montags vor der Lutherkirche am Martin-Luther-Platz. | Foto: Rolf Oeser

Trotz Schnee-Einbruch wirkt die kleine Sitzgruppe auf dem Vorplatz der Lutherkirche im Frankfurter Nordend gemütlich. Tisch, Stühle, sogar ein kleiner Teppich, ein Windlicht und eine Leselampe. Immer montagabends findet seit Herbst hier eine „Verständigungsaktion“ statt. „Wir.Reden.Hier” soll die Menschen im Viertel ins Gespräch bringen. Ihnen Raum geben, über Sorgen, Ängste und Alltagserfahrungen zu erzählen.

Roland Kunkel vom Kirchenvorstand hat schon mal Platz genommen. Er und zwei Mitstreiterinnen vom Arbeitskreis Demokratie der Gemeinde haben heute Dienst. Kunkel erzählt von den Omas gegen Rechts, die für ihn selbst entscheidendes Vorbild für das Demokratie-Projekt seiner Gemeinde sind. In einem Pavillon am Luisenplatz kamen im Sommer 2024 viele miteinander ins Gespräch. Ausschlaggebend war damals der erstmalige Einzug der AfD in den Thüringer Landtag. Organisiert hatten diesen Austausch die Omas gegen Rechts. „Ich bin davon überzeugt, dass wir mehr solche Orte brauchen, an denen wir uns austauschen können“, sagt Kunkel. Deswegen engagiert er sich.

Gegen 18 Uhr ist viel los auf dem Platz. Die Menschen eilen mit vollgepackten Einkaufstüten in alle Himmelsrichtungen. Eltern haben ihre Kinder vom Sport abgeholt und sind auf dem Heimweg. Andere kommen von der Arbeit und freuen sich auf den Feierabend. Wiebke Rannenberg und Ute Schönberg gehen auf die Fußgänger zu und sprechen sie direkt an. Ob jemand Lust und Zeit hat für ein kurzes Gespräch, fragen sie. Einige winken ab, andere bleiben stehen. Sie erzählen dann von Einsamkeit. Von Sorgen, dass das Geld nicht bis zum Monatsende reicht. Von Rassismuserfahrungen. Von Mieten, die keiner mehr bezahlen kann. Sie fragen sich aber auch, was man gegen die zunehmende Spaltung der Gesellschaft tun kann und wie man am besten der Rücksichtslosigkeit begegnet, die man so oft erlebt. Ute Schönberg hört geduldig zu und versucht, Tipps zu geben, die ihr selbst im Alltag helfen. „Das Wichtigste ist aber, dass wir als Gemeinde sichtbar sind”, sagt sie. „Dass wir allen im Stadtteil anbieten, mit ihnen ins Gespräch zu kommen, um gemeinsam zu überlegen, wie wir unser Zusammenleben gestalten können.”

Auf dem großen Banner am Eingang des Gemeindezentrums steht mit dicken Lettern „Mach den ersten Schritt”. Es ist das Motto der bundesweiten Initiative #VerständigungsOrte der Evangelischen Kirche von Deutschland und der Diakonie und Grundlage für die Aktion im Nordend. „Weil der Gesprächseinstieg, also der erste Schritt, nicht immer leicht fällt, legen wir ein Thema für den Montagabend fest”, erklärt Wiebke Rannenberg. Toleranz zum Beispiel, oder Ohnmacht. Daran können sich alle orientieren und die Gespräche kommen schneller in Fluss. „Manchmal braucht es das aber gar nicht”, sagt Schönberg. „Manche sind regelrecht dankbar, dass sie einfach drauflosreden können.”

Um halb acht wird es ruhiger auf dem Platz, und das Team des Kirchenvorstands packt zusammen. Alle drei sind zufrieden mit dem Abend. Die Gespräche liefen gut.

Für dieses Jahr plant der Arbeitskreis Demokratie der Luthergemeinde zusätzlich zur Verständigungsaktion zwei größere Veranstaltungen. „Für eine funktionierende Demokratie muss man arbeiten und aktiv etwas tun”, sagt Roland Kunkel. Dafür wollen sie sich einsetzen, und hoffen auf viele Interessierte, die teilnehmen möchten.


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Angela Wolf 138 Artikel

Angela Wolf ist Mitglied in der Redaktion des EFO-Magazins. Sie wurde 1978 in Aschaffenburg geboren. Heute lebt sie in Frankfurt am Main, wo sie Soziologie, Politikwissenschaften und Psychoanalyse studierte.

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