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Weihnachten für alle bei der „langen Nacht“ im Bahnhofsviertel

Die Weißfrauen-Diakoniekirche im Frankfurter Bahnhofsviertel ist an Heiligabend durchgehend geöffnet. Wer mag, kann sogar hier übernachten. Unterstützt wird das Ganze von der Diakonie Frankfurt, möglich ist die Aktion aber nur durch das Engagement vieler Ehrenamtlicher. Einer davon ist Kerry Reddington. Der in Kalifornien geborene US-Amerikaner lebt seit 1989 in Deutschland und ist Geschäftsführer eines international tätigen Messedienstes.

Mehrere hundert Menschen kommen jedes Jahr an Heiligabend in die Weißfrauen Diakoniekirche im Bahnhofsviertel. | Foto: Kerry Reddington
Mehrere hundert Menschen kommen jedes Jahr an Heiligabend in die Weißfrauen Diakoniekirche im Bahnhofsviertel. | Foto: Kerry Reddington

Herr Reddington, was kann man tun, wenn man Heiligabend alleine ist?

Man kann in die Diakoniekirche Weißfrauen zur „Langen Nacht“ für wohnungslose und einsame Menschen kommen, die jedes Jahr dort stattfindet. Heiligabend kann der einsamste Abend im ganzen Jahr sein. Alle Restaurants haben zu, man kann nirgendwo hingehen, nichts geht mehr. Ich war selbst einmal in meinem Leben in dieser Nacht allein. Das war nicht schön. Weißfrauen ist an Heiligabend offen.

Wie läuft die „Lange Nacht“ ab?

Ab 17 Uhr sind die Türen geöffnet, um 18 Uhr halten Gunter Volz, Pfarrer für gesellschaftliche Verantwortung, und Michael Frase, Leiter der Diakonie, einen Gottesdienst, in dem viele von den klassischen Weihnachtsliedern gesungen werden. Um halb acht wird das Buffet eröffnet und die Ehrenamtlichen geben ein warmes Essen aus. Dann kann man sich an einen der weihnachtlich schön dekorierten Tische setzen. Nach dem Essen werden kleine Geschenke ausgegeben, neue Socken, Zahnpasta und Ähnliches. Dann beginnt das Unterhaltungsprogramm, mal mit einem Chor oder einem Sänger, in der Nacht ein Film. Ab zwei Uhr wird es ruhiger, wer keine Wohnung hat, kann übernachten. Isomatten und Schlafsäcke werden ausgegeben.

Wie viele Menschen kommen?

Zwischen 300 und 500, aber nicht alle kommen schon am frühen Abend. Seit vorigem Jahr gibt es sogar eine kleine Kaffee-Bar auf der Treppe hoch zur Kirche und einen Heizstrahler, damit man gleich warm empfangen wird, wenn man ein wenig in der Schlange stehen muss. Wir denken uns jedes Jahr kleine Verbesserungen aus. Ganz wichtig sind auch Dixie-Toiletten.

Woher kommen die Menschen?

Aus Frankfurt und Umgebung, in den letzten Jahren sind es viele, die ursprünglich aus osteuropäischen Ländern stammen. Sie bringen oft ihre ganze Habe in Plastiktüten mit und singen „Stille Nacht“ im Gottesdienst einfach in ihren Sprachen, zum Beispiel auf Russisch mit.

Kommen Männer und Frauen?

Ja, Männer und Frauen. Seit letztem Jahr gibt es außerdem einen Tisch für Menschen mit Behinderung.

Wie ist die Atmosphäre?

Ruhig und besinnlich. Manche sind natürlich alkoholisiert – es ist nicht einfach, auf der Straße zu leben. Aber solange niemand ausfällig wird, ist das okay.

Wie geht das Team der Ehrenamtlichen mit den Menschen um?

Ganz wichtig: Sie sind unsere Gäste. Wir arbeiten nach dem Motto „This night is your night“. Wir bringen jedem Respekt entgegen, aber erwarten auch, dass uns Achtung entgegengebracht wird. Einige unserer Ehrenamtlichen sind Sicherheitsleute – es sind übrigens seit Jahren dieselben. Sie machen es gerne.

Wer arbeitet mit?

Es sind jetzt zwischen 70 und 80 Ehrenamtliche aus 25 verschiedenen Nationen. Victor Starr nimmt nur noch Menschen ins Team auf, die mehrere Sprachen sprechen oder an Heiligabend verzweifelt alleine sind. Es gibt zwei Schichten: Die Frühschicht kommt von 17 Uhr bis Mitternacht, die Spätschicht von Mitternacht bis um 7 Uhr morgens. In der Nacht ist mehr Ruhe für Gespräche oder Schachspiele.

Wer ist Victor Starr?

Ein Freund von mir, der die Nacht seit dem Tod von Gerald Hintze 2012 organisiert und mich ins Boot geholt hat. Wir sind beide Amerikaner und organisieren auch beruflich sehr viel. Wichtig ist auch Bianca Danz, die die Dekoration in der ganzen Kirche macht.

Viele Ehrenamtliche helfen jedes Jahr wieder mit. Wie erklären Sie sich das?

Weil ihnen dieser Heiligabend mindestens genau so viel gibt wie unseren Gästen. Es ist aber nichts zum Renommieren. Es kommt keine Presse, es kommen keine Politiker, man muss es von Herzen tun. Ausnahmen bestätigen die Regel: David Elmo, Deputy Principal Officer des US-Amerikanischen Konsulats, war vor zwei Jahren einmal bei uns und kommt dieses Jahr wieder. Es hat ihm wohl gefallen.

Wieviel Vorbereitung steckt in der Nacht?

Victor Starr fängt Ende September an. In der Woche vor Heiligabend sind wir alle besonders beschäftigt. Seit einigen Jahren macht auch ein Blumenladen bei uns mit, dessen Mitarbeiterinnen die Tische einen Tag vorher dekorieren. Wir müssen frisches Obst kaufen und so weiter.

Wer sponsert?

Wir haben fünf bis sieben Sponsoren. Das läuft.

Und was passiert am nächsten Morgen?

Dann gibt es noch ein Frühstück mit Brötchen in der Kirche, und jeder bekommt ein Care-Paket mit Obst für den Tag. Ganz zum Schluss kommt unser ehrenamtlicher Reinigungsdienst. Das sind Mormonen. Die Kirche schließt um zehn.

Warum engagieren Sie sich für Wohnungslose?

Ich habe im Leben viel Gutes erfahren und will etwas zurückgeben. Ich kann gut organisieren, also tue ich es.

Sind Sie Christ?

Ja. Und ich finde, die Kirche hat sehr viel zu bieten, aber sie muss es viel mehr zeigen. Deshalb tragen unsere Helferinnen und Helfer jetzt auch nicht mehr gelbe sondern lila Westen, auf denen „Diakonie Frankfurt und Offenbach“ steht. Ohne die Verdienste von anderen Wohltätigkeitsorganisationen schmälern zu wollen: Es gibt niemand anders in Frankfurt, der an Heiligabend so für Menschen ohne Obdach da ist wie wir in Weißfrauen.


Autorin

Stephanie von Selchow ist Redakteurin von "Evangelisches Frankfurt und Offenbach".

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