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Nicht lustig: die Lisbeth-Verbrennung bei der Bernemer Kerb gehört abgeschafft

Am Ende der Bernemer Kerb im August wird jedes Jahr die Lisbeth verbrannt. Viele finden das witzig. Ist es aber ganz und gar nicht. Es ist eine ganz unverhohlen frauenfeindliche Tradition - wie man auf der Seite der Bernemer Kerb bis heute nachlesen kann.

Wenn man auf der Internetseite der Bernemer Kerb die Geschichte hinter der Lisbeth-Verbrennung liest, stößt man auf Schreckliches.
Wenn man auf der Internetseite der Bernemer Kerb die Geschichte hinter der Lisbeth-Verbrennung liest, stößt man auf Schreckliches.

Immer am zweiten Wochenende im August wird rund um die Johanniskirche die „Bernemer Kerb“ gefeiert. Ich wohne zwar schon über dreißig Jahre in Frankfurt, war aber tatsächlich voriges Jahr zum ersten Mal dort. Der Abend war nett, ein Äppelwoi hier, ein Bratwürstchen dort, das Übliche halt.

Doch dann hörte ich von der „Lisbethverbrennung“, die traditionell die Kerb beendet. Also bei mir gehen ja die Alarmglocken an, wenn Frauen verbrannt werden. Ich fragte herum, aber niemand wusste, was es mit dem Brauch auf sich hat. Fündig wurde ich auf der offiziellen Seite bernemerkerb.de.

In der Rubrik Geschichte > Lisbeth wird dort die Sage nacherzählt. Die historische Lisbeth, so heißt es, lebte im 17. Jahrhundert und war „ständig am keifen, am meckern, schmuddelig anzusehen, zerzaust, nervend und altklug“. Gegen so eine Spaßbremse muss man logischerweise etwas unternehmen: „Man beschloss gemeinsam, die Lisbeth über die Kirchweih hinweg einzusperren, damit in aller Ruhe gefeiert werden konnte.“ Was dann geschah, steht bis heute unkommentiert so auf der Seite der Bernemer Kerb:

„Gesagt getan, war das ein Gekreische, gepolter, wüste Beschimpfungen, ganz egal wo man die Lisbeth hinsperrte man hatte keine Ruhe vor ihr. Dann kam ein findiger Waldläufer auf die Idee die Lisbeth im tiefen finstren Buchwald an einem Baum anzubinden. Damit die wilden Tiere der Lisbeth nichts tun konnten, solle man dieses Weib nur hoch genug festbinden. So kam es das sich die Lisbeth schimpfend und keifend, hoch oben in einer Fichte, der einzigsten im Buchwald, wieder fand. Weit weg vom Ort saß sie auf einem Brette, über ihr nur noch die Krone des Baumes und unter dem Brett alle Äste abgesägt, die Rinde entfernt damit auch wirklich kein wildes Tier den Stamm hoch- oder die Lisbeth herunter klettern konnte.

Nach dem diese Arbeit am Samstagmorgen getan war, konnte man sich mit aller Kraft dem Kirchweihfest zuwenden. Es war ein schönes Fest, kein Gekeife oder Gekreisch, der Pfarrer wurde nicht 25mal in seiner Predigt wie sonst unterbrochen. Keiner meckerte das zuviel Bier oder Wein getrunken wurde und unser Hausherr lernte sogar eine Dienstmagd kennen die über die lustigen Tage in dem Dorfe ihrem Gewerbe nachging. Bier, Wein, tanzend und singend so vergnügt wie in diesem Jahr wurde die Kirchweih lang nicht mehr gefeiert. Am späten Sonntagabend erinnerte man sich wieder an die Lisbeth. Jeder meinte das dieser Platz wie geschaffen wäre für sie und so lange die Lisbeth hoch oben im Baum sitzt ist das Fest doch wunderbar.

Erst am Mittwoch der folgenden Woche machte sich die Gemeinschaft dann doch auf den Weg um die Lisbeth zu holen. Unser Hausherr wäre viel lieber bei seiner gut aussehenden und gut gebauten Dienstmagd geblieben aber der Herr Pfarrer wollte ihn unbedingt dabei haben.

Donnergrollen war zu hören, der Himmel zog sich zu, immer tiefer ging es in den Forst hinein. Blitze erhellten den dunklen Wald und dicke Regentropfen fielen auf den ausgetrockneten Boden, kein Vogel kein Tier war zu hören, das Gekeife und Gekreische der Lisbeth übertönte wieder einmal alles. Dann plötzlich war das Gewitter über unseren Dorfbewohnern die sich ängstlich die Hände schützend über den Kopf hielten. Blitze, Donner das die Erde bebte und Hagel – Einschläge in nächster Nähe und auf einmal Brandgeruch im Wald.

Stille – die Blicke der Dorfbewohner richteten sich vorsichtig nach oben, zuerst konnte man es nicht glauben, verwundert schauten sich die Dorfbewohner einander an. Der einzigste der diese Situation sofort begriff war unser Hausherr, er fiel auf die Knie und schickte mehrere Dankgebete zum Himmel. Voller Freude umarmte er Nachbarn, Freunde und rief immer wieder “Schau doch, wie schön die Lisbeth brennt, schaut doch wie wunderschön meine Lisbeth brennt”.

„In Erinnerung an die schöne friedliche Kirchweih” wird seither eine symbolische Lisbeth als Mahnung angebracht und jedes Jahr wieder verbrannt.

Voll witzig, diese Tradition, nicht war? Nein, sage ich. Sie ist frauenfeindlich und gehört abgeschafft.


Autorin

Antje Schrupp 110 Artikel

Dr. Antje Schrupp ist Chefredakteurin von Evangelisches Frankfurt und Offenbach. Die Journalistin und Politikwissenschaftlerin bloggt auch unter www.antjeschrupp.com

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