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Familien-Markt: „Voll cool, dass die Sachen wiederverwertet werden“

Cenay Ugur und Bernadette Endraß machen ein Freiwilliges Ökologisches Jahr im von Diakonie und Caritas geführten Familien-Markt in Bergen-Enkheim, Für beide ist es eine Zeit, in der sie nicht nur einiges über Nachhaltigkeit, sondern auch über sich selber erfahren.

Cenay Ugur (li) und Bernadette Endrass engagieren sich im Freiwilligen Ökologlischen Jahr  I Foto: Rolf Oeser
Cenay Ugur (li) und Bernadette Endrass engagieren sich im Freiwilligen Ökologlischen Jahr I Foto: Rolf Oeser

Bernadette Endraß faltet eine Umhängetasche zusammen, legt sie zuoberst ins Gestell. Die 21-Jährige macht seit August 2021 ihr Freiwilliges Ökologisches Jahr (FÖJ) im Familien-Markt, dem Second-Hand-Kaufhaus von Diakonie und Caritas in Bergen-Enkheim. Ein paar Schritte weiter, in der Kleidungsabteilung, stöbern Frauen nach preiswerten Sachen. Früher, sagt Bernadette Endraß, hat sie Second-Hand-Mode eher mit Scham verbunden, eben Kleidung für alle, die sich nichts Neues leisten konnten. „Als ich 17 war, schlug das um, ich fand es auf einmal voll cool, dass die Sachen wiederverwertet werden und schöne, ausgefallene Kleidung neues Leben erhält.“ Cenay Ugur, die ebenfalls im August ihr FÖJ begann, erzählt: „In der Oberstufe habe ich immer mit meinen Freunden Klamotten getauscht, wir Schüler hatten nicht so viel Geld und gaben uns gegenseitig die Sachen weiter, die wir nicht mehr tragen wollten. So fing alles an.“ Auch die Fridays for Future-Bewegung beeinflusste die beiden jungen Frauen, „das war auch im Unterricht sehr präsent.“

Cenay Ugur wusste schnell, dass sie nach dem Abitur ein Freiwilliges Jahr einlegen wollte und wurde beim Angebot der Diakonie Hessen, im Familien-Markt ein Freiwilliges Ökologisches Jahr zu machen, hellhörig. Ein Tag Hospitation – und sie war entschieden.

Neben der Kasse im Familien-Markt funkelt Schmuck in einer mit schwarzem Samt ausgeschlagenen Vitrine: „Die haben wir als erstes gestaltet“, sagen die beiden 21-Jährigen stolz. Seit sie im Familien-Markt arbeitet, führt Bernadette Endraß gerne Kundengespräche, zeigt schöne Sachen aus dem reichhaltigen Angebot: „Früher habe ich nicht so gerne Leute angesprochen, die ich nicht kenne, das hat sich sehr verändert.“ Und noch etwas ist für die beiden Frauen wichtig: „Ich möchte mich selbst finden und herausfinden, wie es in der Zukunft weitergehen soll“, sagt Cenay Ugur. Bernadette Endraß formuliert es so: „Ich lerne jeden Tag voll viel Neues, lass mich immer wieder neu darauf ein und es kommt viel zurück.“ Sie hofft, dass die Erfahrungen aus dem Freiwilligen Ökologischen Jahr ihr dabei helfen, „herauszufinden, was ich danach machen möchte“.

In der Sortierung der Kleiderspenden hinter dem Verkaufsraum begrüßen Mitarbeitende lächelnd die beiden Freiwilligen. Die schauen prüfend zu den vielen Kleiderstangen, an denen die gebrauchte Mode, die für den Verkauf bestimmt ist, auf Bügeln hängt. Mehrere Projekte haben die jungen Frauen bereits realisiert, zum Beispiel ein großes Plakat zum Weltkindertag gemalt und Informationen zu den Kinderrechten an die Kundinnen ausgeteilt, samt kleinen Windrädchen. Für die Europäische Woche der Abfallvermeidung nähten sie aus Kissenbezügen schicke Einkaufstaschen, gespendete Stoffgürtel dienten als Trageriemen. In der ModekreativWerkstatt der Diakonie lernte Cenay Ugur bei einem Workshop, mit der Nähmaschine umzugehen und ein Schnittmuster für die Taschen zu entwerfen. Kundinnen des Familien-Marktes gaben während der Aktionswoche Plastiktüten ab und erhielten im Tausch eine nachhaltige Stofftasche oder das Schnittmuster mit Zubehör zum Selbermachen.

Morgens um 8 Uhr fangen die beiden jungen Frauen an, schauen, ob alle Abteilungen aufgeräumt sind, füllen fehlende Artikel nach, bis um 8.45 Uhr die Türen des Second-Hand-Kaufhauses für Einkaufsberechtigte aufgehen. Überall, wo Unterstützung gefragt ist, sei es bei den Möbeln, Elektroartikeln oder in der Porzellan- und Glasabteilung, kommen die beiden zum Einsatz, nachmittags finden sie Zeit für eigene Projekte.

Ein Hessenticket, Taschengeld sowie 25 Bildungstage bieten die Evangelischen Freiwilligendienste der Diakonie Hessen im Gegenzug. Cenay Ugur besuchte bereits zwei Seminare mit anderen Freiwilligen. Nachhaltiges Bauen ist eines der Themen, zu den Tagungsorten gehört auch eine Nordsee-Hallig. Aber auch die Zeit nach dem FÖJ wird während der Seminare in den Blick genommen.

Noch wissen die beiden jungen Frauen nicht, wo es für sie beruflich einst hingeht. Eines, sagt Cenay Ugur zum Abschied, hat sie auf jeden Fall gewundert: „Mir war nie bewusst, wie viele Sachen Menschen spenden, auch so antike Sachen, da wüsste ich gerne die Geschichte dazu.“ Bei den beiden Frauen wächst auch ein Gespür für Ungerechtigkeit: „Manche haben so viel und andere haben fast nichts.“

Zum 1. August 2022 bietet der Familien-Markt wieder zwei freie Plätze für das Freiwillige Ökologische Jahr an. Bewerbungen an: verena.schlossarek@diakonie-frankfurt-offenbach.de.


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Autorin

Susanne Schmidt-Lüer ist Pressesprecherin des Diakonischen Werkes für Frankfurt und Offenbach. Sie schreibt auch als freie Autorin vor allem über Sozialpolitik, Kirche, Alter und wirtschaftspolitische Themen.