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Wohnwagenplatz in Frankfurt-Eschersheim: „Die Akzeptanz wächst weiter“

Die Soziologin Sonja Keil erzählt für das Diakonische Werk in einer neuen Broschüre die Geschichte des Wohnwagenplatzes an der Bonameser Straße in Frankfurt-Eschersheim.  

Dieter Robert Gärtner ist heute der älteste Bewohner des Wohnwagenplatzes Bonameser Straße. Eine neue Broschüre informiert über das Projekt.
Dieter Robert Gärtner ist heute der älteste Bewohner des Wohnwagenplatzes Bonameser Straße. Eine neue Broschüre informiert über das Projekt.

Sonja Keil hat geschafft, was jahrzehntelang kaum denkbar war: Sie hat die Menschen auf dem Wohnwagenplatz in Frnakfurt-Eschersheim geholfen, auch in Betrachtung ihrer Nachbar:innen zu ganz normalen Frankfurter:innen zu werden. Sind sie das nicht sowieso?

Natürlich, aber zu ihrem Leben hat immer auch die Diskriminierung gehört. Davon kann etwa Dieter Gärtner erzählen, dessen Porträt den Titel der neuen Broschüre des Diakonischen Werks Frankfurt und Offenbach über den Platz schmückt. Im Auftrag der Diakonie leistet die promovierte Soziologin Sonja Keil seit einigen Jahren Gemeinwesenarbeit auf dem Gelände. Längst kennt sie die Menschen hinter den Geschichten, die sie bereits 2018 in einem Buch erzählte. Längst sind diese auf eine ganz besondere Art Teil ihres Lebens geworden. „Die Arbeit mit und über die Wohngemeinschaft Bonameser Straße ist ein echtes Herzensprojekt“, sagt Keil.

Dieter Gärtner ist heute der älteste Bewohner auf dem Wohnwagenplatz im Frankfurter Norden. Er ist nicht der einzige, der Traumata, teils noch aus der Zeit des Nationalsozialismus, mit sich herumträgt. Sein Vater handelte mit Alteisen, er selbst und seine Brüder wurden Schrotthändler und Automechaniker, viele seiner Nachbarn sind Schausteller. Bis heute sind diese Arbeiten die Haupteinnahmequellen der Menschen, die hier leben. Hier „auf dem Platz“, wie sie sagen.

Den „Platz“ gibt es seit 1953. Zwischen Bungalows und Bauwagen stehen Lastwagen neben den bunten Fassaden von Jahrmarktbuden, auch Karussells lagern hier. Viele Familien verdienen seit Generationen Geld mit beidem: Jahrmarkt, wenn Saison ist, dazwischen Entrümpelungen. Das Heft ist klein und handlich, reichlich bebildert, es umfasst alte Fotos, Familienbilder, Stadtpläne, Zeitungsartikel, Geschichten und Fakten – und sie ist kostenlos, die neue Broschüre „Die weite Welt ist mein Feld“ legt auf rund 40 Seiten den Blick frei auf diese alternative Lebenswelt.

Bonameser Straße, 60433 Frankfurt am Main. Hier gibt es Hausnummern, aber keine Bushaltestelle. Denn eigentlich soll hier niemand wohnen. Die Autobahn A661 rauscht dort wie die Nordsee an stürmischen Tagen. An der Bonameser Straße leben Kinder und Erwachsene, Eltern und Großeltern, Paare und Alleinstehende, 80 Menschen etwa. Und Hunde, aber die hat noch keiner gezählt. "Wohnwagenstandplatz Bonameser Straße", so heißen die viereinhalb Hektar zwischen den Stadtteilen Eschersheim, Riedberg und Bonames im Behördendeutsch. 1953 schickte die Stadt Frankfurt mehrere Hundert Ausgebombte, Obdachlose, Schrotthändler, Artisten, Schausteller und Sinti in ihren Wohnwagen aufs Ödland im Norden.

Die Broschüre dokumentiert Diskriminierungen und Vorurteile, mit denen „Reisende“, wie sich die heterogene gesellschaftliche Gruppe bis heute nennt, immer noch zu kämpfen haben. Sie endet mit den jüngsten Diskussionen um die Zukunft der Wohngemeinschaft. Sonja Keil hat auch dafür gesorgt, dass die Geschichten der Menschen aus der Bonameser Straße in die „Bibliothek der Alten“ des Historischen Museums aufgenommen wurden. Es sind Geschichten vom Leben, von Heimat, und von Diskriminierung und Ausgrenzung. „In fast jeder Familie gibt es jemanden, der in der NS-Zeit im Konzentrationslager war“, berichtet Keil. Bis weit in die 80er und 90er Jahre hinein war die Wohngemeinschaft im Stadtteil bei vielen als „Zigeunerlager“ verschrien. „Ich habe das Gefühl, dass in den vergangenen Jahren die Akzeptanz für die Lebensform der Menschen auch innerhalb von Stadtverwaltung und Ortsbeirat gewachsen ist“, freut sich Sonja Keil.

Die Broschüre ist kostenlos auf der Website der Diakonie Frankfurt und Offenbach herunterzuladen. Auf der Seite gibt es auch eine Übersicht mit den Stellen, an denen sie kostenlos in gedruckter Form erhältlich ist.


Autorin

Anne Lemhöfer 95 Artikel

Anne Lemhöfer interessiert sich als Journalistin und Autorin vor allem für die Themen Kultur, Freizeit und Gesellschaft: www.annelemhoefer.de

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