Gott & Glauben

„Diese verflixte Schöpfungsordnung“

Vor hundert Jahren gehörte die Evangelische Kirche in Deutschland zu den vehementesten Gegnern des Frauenwahlrechts. Heute ist die Gleichberechtigung durchgesetzt, das Pfarramt ein bei Frauen sehr beliebter Beruf. Trotzdem stellt sich die Frage, wie es weitergeht.

Diskussionen beim Pfarrerinnentag in Frankfurt mit Vorträgen von Rebecca Müller (links) und Christina Aus der Au (2. von rechts). | Foto: Stefanie Bock
Diskussionen beim Pfarrerinnentag in Frankfurt mit Vorträgen von Rebecca Müller (links) und Christina Aus der Au (2. von rechts). | Foto: Stefanie Bock

Mit der eher problematischen Geschichte ihrer Kirche und der Frage, wie es mit den Frauen und den evangelischen Institutionen weitergeht, hat sich der diesjährige Pfarrerinnentag der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau unter dem Motto „Kein Schritt zurück“ beschäftigt. Pfarrerinnen, Vikarinnen und Ruheständlerinnen aus ganz Hessen waren dafür zu einer Tagung ins Historische Museum nach Frankfurt gekommen. 

Aus Anlass des 100. Jubiläums des Frauenwahlrechts in Deutschland in diesem Jahr erinnerte Kirchenrätin Rebecca Müller daran, dass die evangelische Kirche damals zu den vehementesten Gegnern des allgemeinen Wahlrechts gehörte. Schon seit dem 19. Jahrhundert hatte sich unter lutherischen Theologen die Sichtweise etabliert, dass die göttliche Schöpfungsordnung die Frau dem Mann untergeordnet habe und daher politische oder öffentliche Aktivitäten von Frauen dem Willen Gottes widersprächen.

Allerdings sei auch die evangelische Kirche von den bürgerlichen Emanzipationsbestrebungen nicht ganz unberührt geblieben. Anschlussmöglichkeiten an eine konservative Theologie gab es durchaus, zumal auch die bürgerliche Frauenbewegung damals größtenteils ein Konzept vertrat, das unter dem Schlagwort einer „geistigen Mütterlichkeit“ Frauen und Männer nicht als gleich, sondern als „gleichwertig, aber unterschiedlich“ verstand. Dementsprechend sollten Frauen zwar Tätigkeitsfelder außerhalb der Familie eröffnet werden, aber lediglich auf Gebieten, wo sie ihre „Mütterlichkeit“ einbringen könnten, in sozialen Berufen etwa. 1899 gründete sich der „Deutsch-Evangelische Frauenbund“, der vorsichtig solche bürgerlich-emanzipatorischen Positionen aufgriff und zum Beispiel für ein Frauenwahlrecht auf kommunaler Ebene und bei Kirchenwahlen eintrat. Ein allgemeines Frauenwahlrecht auf Deutschland-Ebene lehnte der Evangelische Frauenbund allerdings ab. 

Doch der Mehrheit der protestantischen Männer und auch Frauen war selbst das noch nicht konservativ genug. Weitaus mehr Mitglieder als der Frauenbund hatte die ebenfalls 1899 von Kaiserin Auguste Viktoria gegründete Evangelische Frauenhilfe, die sich explizit als Gegnerin des Evangelischen Frauenbundes verstand und für Frauen lediglich „unpolitische“ Tätigkeiten vorsah, zum Beispiel Hilfe für Bedürftige, aber auch „hausfrauliche“ Arbeiten in den Kirchengemeinden.

Ein sehr stark konservatives, stereotypes Geschlechterbild herrschte in der deutschen evangelischen Kirche bis in die 1960er Jahre vor und war bis in die 1980er Jahre in vielen Gemeinden noch sehr einflussreich, betonte Müller. Geändert habe sich dies erst durch die feministische Theologie, die zunächst aus den USA nach Deutschland gekommen sei. Erst seit den 1990er Jahren sei die Gleichstellung von Frauen und Männern in der Kirche weitgehend vollzogen worden. 

Angelika Thonipara, geschäftsführende Pfarrerin der Evangelischen Frauen in Hessen und Nassau (und damit jenes Dachverbandes, in dem auch die Frauenhilfe aufgegangen ist), wies darauf hin, dass gerade die dezentrale Organisation und die große Mitgliederstärke der Frauenhilfen maßgeblich dazu beigetragen habe, dass ein solch tiefgreifendes Umdenken in Bezug auf die Rolle von Frauen und das Verhältnis der Geschlechter in doch relativ kurzer Zeit überhaupt möglich gewesen sei. 

Und heute? Da ist die Bilanz durchwachsen, die Christina Aus der Au, die an der Universität Basel Theologie lehrt, in ihrem Vortrag zog. Auch wenn „diese verflixte Schöpfungsordnung“ immer noch manche kirchlichen Geschlechterdebatten präge, so sei doch inzwischen der Pfarrberuf bei Frauen sehr beliebt – in allen Landeskirchen außer Sachsen seien im Studiengang Theologie mehr Frauen als Männer eingeschrieben. Andererseits seien kirchenleitende Gremien nach wie vor von Männern dominiert. Dies liege allerdings auch daran, dass die Struktur dieser Ämter für viele Frauen nicht attraktiv sei. „Die Frage ist heute nicht mehr, ob Frauen das auch können, sondern ob Frauen das auch wollen“, so Aus der Au.

Theologisch beobachtet die Dozentin eine „Rückwärtsbewegung“, was die Verankerung feministischer Erkenntnisse in der Theologie betrifft. Die maßgeblichen Debatten seien hier in den 1970er und 1980er geführt worden. Heute leide die Theologie über weite Strecken an ihrer Irrelevanz. Die universitären Strukturen mit ihrem Zwang zum Anwerben von Forschungsgeldern hätten oft zur Folge, dass mehr Religionswissenschaft oder Kulturwissenschaft betrieben werde als eigentliche Theologie. Es gebe zudem viel zu wenig Austausch zwischen Universitäten und Kirchengemeinden.

Die Thesen wurden nachmittags in Arbeitsgruppen im Evangelischen Frauenbegegnungszentrum vertieft.

Lesen Sie auch den Bericht in der Evangelischen Sonntags-Zeitung.


Autorin

Antje Schrupp 197 Artikel

Dr. Antje Schrupp ist Chefredakteurin des EFO-Magazins. Die Journalistin und Politikwissenschaftlerin bloggt auch unter www.antjeschrupp.com

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